Anspruchslose Rispenhirse

Mehr als nur Vogelfutter

Von Diemut Klärner
Aktualisiert am 20.11.2020
 - 12:03
Die Rispenhirse ist ein eher anspruchsloses Getreide.zur Bildergalerie
Als die Rispenhirse in der Bronzezeit von Asien nach Europa kam, hat sie sich dort rasch ausgebreitet. In Zeiten des Klimawandels lernen Landwirte die Vorzüge dieses anspruchslosen Getreides wieder zu schätzen.

Vor dem Siegeszug der Kartoffel zählte die Rispenhirse (Panicum miliaceum) auch hierzulande zu den Grundnahrungsmitteln: Das „täglich Brot“ kam oft als Hirsebrei auf den Tisch. In China seit etwa achttausend Jahren auf dem Speiseplan, hatte sich die Rispenhirse Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. im heutigen Kasachstan und im Kaschmirtal etabliert. Nach Europa kam das fernöstliche Getreide offenkundig erst im zweiten Jahrtausend und hat sich dann in wenigen Jahrhunderten bis ins heutige Schleswig-Holstein ausgebreitet. Das hat eine Gruppe europäischer Archäologen herausgefunden.

Verkohlte Hirsekörner von mehr als siebzig prähistorischen Fundstellen wurden mit der Radiokarbon-Methode zeitlich eingeordnet. Wie die Forscher um Dragana Filipović von der Universität Kiel in den „Scientific Reports“ berichten, stammt der älteste, auf Mitte des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. datierte Fund aus der südwestlichen Ukraine.

In der Po-Ebene war die Rispenhirse wohl seit Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts v. Chr. ebenso präsent wie in der Pannonischen Tiefebene. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts hatte sich der Hirseanbau bis nach Griechenland und in weite Teile Mitteleuropas ausgebreitet. Mitte des zwölften Jahrhunderts v. Chr. wurde Rispenhirse schließlich auch im äußersten Norden von Deutschland und Polen konsumiert.

Wärmeliebend, aber sonst anspruchslos

Anscheinend hatten Europas bronzezeitliche Bauern wenig Vorbehalte gegen das neuartige Getreide. Gegenüber dem seit der Jungsteinzeit bekannten Getreide, das einst aus dem Nahen Osten nach Europa kam, hat die Rispenhirse mehrere Vorteile: Anders als Weizen und Gerste gedeiht sie auch auf kargen Böden gut. Wärmeliebend, sonst aber recht anspruchslos, kann sie in weniger als drei Monate erntereif werden. Zudem kommt Hirse, obwohl sie in kurzer Zeit viel Biomasse produziert, mit wenig Wasser aus.

Wo traditionell Wintergetreide angebaut wurde, bot die raschwüchsige Rispenhirse Chancen auf eine zweite Ernte, die zusätzliche Vorräte für künftige Notzeiten versprach oder eine drohende Missernte kompensierte. Im Vergleich zu Stroh von Weizen und Gerste taugt Hirsestroh außerdem besser als Futter fürs Vieh. Die Körner der Rispenhirse sind ebenso nahrhaft wie Weizen, ihr Eiweiß ist jedoch hochwertiger, weil reich an bestimmten essentiellen Aminosäuren.

Folglich kann Rispenhirse vor allem für Veganer ein wichtiger Baustein zu einer ausgewogenen Ernährung sein. Mangels Gluten taugt sie zwar nicht zum Brotbacken. Für Menschen, die unter Zöliakie leiden und deshalb glutenhaltige Nahrungsmittel von ihren Speiseplan streichen müssen, ist das allerdings ein Vorteil.

Heutzutage gibt es Hirsesorten, die backfähiges Mehl liefern. Ursprünglich wurde dieses Getreide aber hauptsächlich als Brei konsumiert. Den Europäern der Bronzezeit scheint es geschmeckt zu haben. Organische Substanzen, die in den Poren von Keramik viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauert haben, zeugen von sozialen Unterschieden bei Ess- und Trinkgewohnheiten: In Tonscherben aus der frühkeltischen Siedlung von Vix-Mont Lassois im nördlichen Burgund beispielsweise ist das für Hirse charakteristische Miliacin zwar häufig anzutreffen.

Von der „High Society“ verschmäht

Allerdings nur in den Überresten lokal produzierter Tongefäße und fast ausschließlich in einem tiefer liegenden Siedlungsteil. Auf dem Plateau, so lässt feinste Keramik auch griechischer Herkunft vermuten, residierte eine frühkeltische „High Society“, die Hirse in Form von Brei ebenso verschmähte wie vergoren als Bier.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit galt Hirse ebenfalls als Nahrung für die unteren Bevölkerungsschichten. Dann kam sie völlig aus der Mode, bis in jüngster Zeit ihre Vorzüge wiederentdeckt wurden: In Zeiten des Klimawandels sind Pflanzen gefragt, denen sommerliche Hitze und Trockenheit wenig ausmachen. Dass Rispenhirse kaum von Krankheiten oder Schädlingen geplagt wird, macht sie für den ökologischen Landbau besonders attraktiv. Zumal dessen Kundschaft als experimentierfreudig gilt, durchaus bereit, auch mal altmodische Lebensmittel neu zu entdecken.

Rispenhirse kann aber nicht bloß unmittelbar die Küche bereichern. Gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau wird derzeit untersucht, welche Hirsesorten sich am besten als Futtermittel für Geflügel eignen. Dabei geht es vor allem darum, die Tiere möglichst komplett vom eigenen Acker mit ausreichend hochwertigem Eiweiß zu versorgen.

Quelle: F.A.Z.
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