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Marder und Eichhörnchen

Der Feind meines Feindes ist mein bester Freund

Von Diemut Klärner
Aktualisiert am 06.07.2018
 - 12:31
Wo der Baummarder auftaucht, können Eichhörnchen aufatmen. zur Bildergalerie
Das Grauhörnchen hatte das schwächere Eichhörnchen schon fast aus den Wäldern Englands vertrieben. Doch dann bekam der rotbraune Nager unerwartet Hilfe eines Fressfeindes.

Eichhörnchen sind so bekannt wie beliebt. Possierlich, wie sie vielerorts in Stadtparks aufrecht sitzend an einer Nuss knabbern, faszinierend, wie behende sie durch die Baumkronen flitzen. In den Parks von London und anderen englischen Städten trifft man allerdings kein einziges Eichhörnchen an. Ihren Platz hat dort das Grauhörnchen eingenommen. Ursprünglich nur in der Osthälfte der Vereinigten Staaten und im angrenzenden Kanada heimisch, hat es sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts in England angesiedelt. Dort konnte es sich nicht nur breitmachen, weil es größer und stärker ist als das Eichhörnchen. Grauhörnchen haben auch ein Parapoxvirus eingeschleust, gegen das sie selbst immun sind. Für Eichhörnchen jedoch erwies sich eine Infektion mit diesem Virus als tödlich.

Bis nach Schottland ist das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) vorgedrungen. Mittlerweile scheint dort aber der Vormarsch gestoppt zu sein. Dass das Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) zumindest lokal wieder Oberhand gewinnt, verdankt es wohl ausgerechnet dem Baummarder, der Eichhörnchen sprichwörtlich zum Fressen gern hat. Das haben britische Biologen herausgefunden, als sie die Häufigkeit von Eichhörnchen, Grauhörnchen und Baummardern in unterschiedlichen Regionen von Schottland studierten.

Anders als in Deutschland, wo die Jagd auf Baummarder in der Zeit vom 16. Oktober bis 28. Februar erlaubt ist, sind diese agilen Raubtiere in Großbritannien schon lange ganzjährig geschützt. Die Population, die in den schottischen Highlands überlebt hatte, konnte sich deshalb allmählich wieder ausbreiten. In ihre Studie einbezogen haben Emma Sheehy von der University of Aberdeen und ihre Kollegen zufällig ausgewählte Gebiete aus den Highlands, wo sich Grauhörnchen entweder noch nie haben blicken lassen, und weiter südliche, wo sie bereits vor Jahrzehnten Fuß gefasst haben.

Dem Grauhörnchen geht es an den Kragen

Um herauszufinden, wie sich Grauhörnchen, Eichhörnchen und Baummarder in der Landschaft verteilen, wurden sie mit leckeren Happen geködert. Die an Bäumen aufgehängten Behälter waren mit diversen Nüssen und Samen gefüllt, konnten also für jeden Geschmack etwas bieten. Wenn Hörnchen oder Marder ihren Kopf hineinsteckten, um sich zu bedienen, mussten sie an speziellen Klebestreifen ein paar Haare lassen. Von welcher Tierart die Haare stammten, haben die Forscher mit einem Mikroskop zweifelsfrei erkennen können. Baummarder haben allerdings recht große Reviere. Um festzustellen, ob ein und dasselbe Tier an mehreren Futterstellen auftauchte, wurde aus den Marderhaaren auch die individuelle DNA extrahiert und analysiert.

Die Auswertung der Haarfunde zeigte, dass Grauhörnchen umso seltener sind, je mehr Präsenz der Baummarder hat. Das gilt für die südliche Region von Schottland, wo Baummarder erst seit wenigen Jahren wieder umherstreifen, ebenso wie weiter nördlich, wo sie schon vor acht bis 14 Jahren wieder heimisch geworden sind. Anscheinend sind Grauhörnchen für Baummarder eine besonders leichte Beute. Nicht nur, weil sie fast doppelt so schwer werden wie Eichhörnchen und sich deshalb nicht auf ganz so dünne Zweige vorwagen können. Eine wichtigere Rolle spielt wohl auch, dass sich die Grauhörnchen mit einem bisher unbekannten Fressfeind konfrontiert sehen.

Eichhörnchen sind in Schottland dagegen umso häufiger anzutreffen, je präsenter der Baummarder ist. Anscheinend profitieren sie davon, dass es den Grauhörnchen an den Kragen geht. Denn damit wird nicht nur ein überlegener Konkurrent dezimiert. Gleichzeitig wird auch die Gefahr geringer, sich mit dem tödlichen Parapoxvirus anzustecken. Ihren Lebensraum mit Baummardern teilen zu müssen ist für Eichhörnchen nicht völlig neu. Schließlich haben sie eine lange Koevolution absolviert: Um zu überleben und Nachwuchs großziehen zu können, mussten sie vor dem grazilen Raubtier auf der Hut sein. Wenn ein Baummarder mit spektakulären Sprüngen durchs Geäst die Verfolgung aufnimmt, hilft es, einen gewissen Vorsprung zu haben.

Tierschützer ermöglichen den Siegeszug in Italien

Über schrumpfende Grauhörnchen-Populationen freuen sich in Großbritannien nicht nur Fans des fuchsroten Eichhörnchens. Auch die Förster atmen auf. Grauhörnchen machen sich nämlich dadurch unbeliebt, dass sie die Rinde von Baumstämmen abreißen, um das weiche Gewebe auf der Innenseite abzuknabbern. So können sie vor allem junge Bäume schwer schädigen oder sogar völlig zum Absterben bringen. Kein Wunder, dass das Grauhörnchen von der Europäischen Union als „invasive gebietsfremde Art“ gelistet wird, deren weitere Ausbreitung es möglichst zu verhindern gilt.

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Verletzter Nager
Prothese für kleines Eichhörnchen

Im Nordwesten von Italien ist das Ansinnen unlängst missglückt. Neben Großbritannien und Irland ist Italien bisher das einzige europäische Land, in dem Grauhörnchen heimisch geworden sind. Dass sich die einst in Piemont ausgesetzten Tiere endgültig in der Region etabliert haben, hätte eigentlich verhindert werden sollen. Wissenschaftler der Universität Turin hatten 1997 ein Verfahren entwickelt, mit der sich eine kleine Population komplett auslöschen lässt: Mit speziellen Käfigen, die als Falle konstruiert sind, können in einem überschaubaren Areal sämtliche Grauhörnchen weggefangen werden.

Doch Tierschützer machten den Fachleuten einen Strich durch die Rechnung. Sie protestierten nicht nur energisch. Um den Grauhörnchen das Leben zu retten, zogen sie auch vor Gericht. Die Richter gaben dann zwar doch noch grünes Licht für die Pläne der Turiner Forscher. Doch da war es schon zu spät: Innerhalb von drei Jahren hatten sich die Grauhörnchen so fleißig vermehrt und ein so großes Gebiet besiedelt, dass es aussichtslos schien, sie wieder loszuwerden, berichten Sandro Bertolino von der Universität Turin und Piero Genovesi vom Istituto Nazionale Fauna Selvatica in Ozzano dell’Emilia in der Zeitschrift „Biological Conservation“.

Dass Grauhörnchen ohne fremde Hilfe eines Tages die Alpen überqueren, ist jedoch nicht zu erwarten. Wenn ihnen niemand eine Mitfahrgelegenheit bietet, werden in Deutschland auf absehbare Zeit weiterhin nur Eichhörnchen in den Baumkronen turnen. Allerdings nicht bloß in der rotbraunen Variante, vor allem in Nadelwäldern kommen sie hierzulande auch kastanienbraun oder schwarzbraun daher. In der Schweiz muss man dagegen damit rechnen, dass dort die Grauhörnchen in den kommenden Jahren auftauchen werden. In der Lombardei haben sie bereits den Fluss Ticino erreicht, und von dort ist es nicht mehr weit bis ins Tessin. Mit seinen Laubwäldern, in denen viel Esskastanien wachsen, könnte sich dieser südlichste Kanton der Schweiz als wahres Schlaraffenland für Grauhörnchen erweisen.

Quelle: F.A.Z.
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