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John O’Keefe 80

Hier stehe ich und bin

Von Joachim Müller-Jung
 - 11:15
Wo bin ich?

Die unter politischem Hochdruck betriebene Vergesellschaftung mit vermeintlich intelligenten Maschinen hat für konventionelle Hirnforscher wie John O’Keefe den angenehmen Nebeneffekt, dass sie den Spielverderber spielen können. O’Keefe hat das oft erlebt: Was maßt ihr euch an, hieß es von dem Tag an, an dem die Neurophysiologen begannen, der Philosophie die Deutung geistiger Phänomene streitig zu machen.

Damit ist zwar noch lange nicht Schluss, weil nämlich auch nach Jahrzehnten die Neurobiologie immer noch mit Elektroden die Hirnströme im Innern des Gehirns verfolgt und mitunter kühne Schlüsse über dessen Funktionsweisen ableitet.

Aber immerhin hat es die Hirnforschung mittlerweile dank hartnäckiger, detailversessener Beobachter wie O’Keefe geschafft, eine beachtliche Tiefenschärfe in einige entscheidende Teilfunktionen des Gehirns – mehr ist nach wie vor nicht möglich – zu bringen.

Bei dem Segment, das der amerikanisch-britische Neurowissenschaftler seit den sechziger Jahren bearbeitet, geht es um ein Urproblem auch der Philosophie: Wie ist der Raum, den wir um uns wahrnehmen und in dem wir uns orientieren, in unserem Kopf repräsentiert? Immanuel Kant spekulierte, wir kämen vor allem mit einer Karte der Umgebung in unserem Kopf auf die Welt, andere stuften die Orts- und Routenerfahrung, die wir im Laufe des Lebens sammeln, viel höher ein. O’Keefe hat gezeigt, dass es solche trainierbaren „Ortszellen“ im Gehirn tatsächlich gibt. Wenn wir an einem Ort sind, ist jeweils eine ganz bestimmte dieser „Place cells“ im Hirn aktiv.

O’Keefe hat diese Nervenzellen auch in dem dazu passenden Hirnareal beschrieben, im sogenannten Hippocampus. Die interaktive Karte im Kopf gibt es also wirklich. Und O’Keefe – er war früh von der McGill University ans University College London gegangen – hat so vor einem halben Jahrhundert die Grundlagen für das inzwischen erstaunlich präzise beschriebene Navigationssystem in unseren Köpfen gelegt – und 2014 dafür zusammen mit dem Forscherpaar Moser aus Norwegen den Medizin-Nobelpreis erhalten. Tausend andere und noch größere Rätsel, die Neurologen, Philosophen und KI-Ingenieure beschäftigen, bleiben dagegen ungelöst. Am kommenden Montag feiert O’Keefe seinen achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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