Ernährung

Wenn der Doktor die Kalorien zählt

Von Stephan Sahm
01.05.2009
, 13:34
Viele Patienten haben eine völlig andere Einschätzung, was die Bedrohlichkeit der Erkrankung angeht, als ihre Ärzte
Abnehmen leicht gemacht, solche Parolen bewahrheiten sich selten. Ärzte könnten die Diätaussichten verbessern, wenn sie die alten Debatten vergessen. Die neuen Regeln guter Ernährungsberatung.
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Beim Essen geht es nicht nur um Sättigung. Geschmackliche Erwartungen sollen befriedigt, das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität gesteigert werden. Die wenigsten Programme zur Gewichtsreduktion, die für Patienten mit krankhafter Fettsucht angeboten werden, berücksichtigen das. Sie gehen daher am Leben der Betroffenen vorbei. Der Erfolg ist meist nur von kurzer Dauer. In Studien nehmen die Patienten vorübergehend ab, nur um nach einem Jahr wieder zuzulegen. Die Unzufriedenheit kommt dann oft auch bei den Ärzten an, und deshalb sind auch sie gefordert, wenn es darum geht, den Leidgeplagten Lösungen anzubieten. Auf dem diesjährigen Internistenkongresses in Wiesbaden sind die Möglichkeiten der ärztlichen Intervention nun ausführlich diskutiert worden. Der erste Grundsatz dabei lautete: Eine eigenständige ebenso wie die von Ärzten angeleitete Ernährungsumstellung müsse zuerst alltagstauglich und einfach sein, wie Volker Schusdziarra vom Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München forderte.

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Seit Jahrzehnten dreht sich die Diskussion darum, ob man durch Senkung des Anteils von Fetten („low fat“) oder Weglassen der Kohlenhydrate („low carb“) schneller abnehmen kann. Auf den Kongressen streiten sich Anhänger der jeweiligen Konzepte. In wissenschaftlichen Untersuchungen erwies sich jedoch keines als überlegen. Die Art der Diät sei zweitrangig, meinte Schusdziarra. Wichtiger sei die langfristige Änderung der Gewohnheiten.

Dialog zwischen Darm und Gehirn

Dem Gefühl von Hunger und Sättigung liegt ein kompliziertes Geflecht von sich teils gegenseitig beeinflussenden Mechanismen zugrunde. Der Ernährungswissenschaftler Andreas Pfeiffer aus Potsdam spricht vom Dialog zwischen Darm und Gehirn. In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe von Hormonen entdeckt, die im Magen und Dünndarm gebildet werden. Sie wirken unter anderem auf Kerngebiete im zentralen Nervensystem, im Hypothalamus ein. Dabei entfaltet die Mehrzahl der Botenstoffe eine anorektische Wirkung, bremsen also die Nahrungsaufahme. Neben dem schon seit Anfang der neunziger Jahre bekannten Leptin sind dies etwa das Peptid Y, das dem Glucagon ähnliche GLP-1 und das Gastric-Inhibitory-Polypeptide, GIP. Das GLP-1 spielt auch bei der Regulation des Insulins eine bedeutende Rolle. Daher haben künstlich erzeugte, analoge Verbindungen dieser Substanz bereits Eingang in die moderne Therapie des Diabetes mellitus gefunden.

Nur eines der zahlreichen Hormone stimuliert den Appetit: Ghrelin. Es ist im Jahre 2001 erstmals beschrieben worden. Es wird in den Parietalzellen des Magens gebildet, vornehmlich im nüchternen Zustand. Im Tierversuch verursacht die Gabe des Hormons eine Fettsucht. Die Tiere verzehren die doppelte Menge, wenn man Ghrelin intravenös spitzt.

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Es kommt auf die Energiedichte an

Doch so faszinierend die Einblicke in das Zusammenspiel von Darm und Gehirn auch sind, bisherige Versuche, es pharmakologisch zu beeinflussen, haben sich als wirkungslos erwiesen. Unter den modernen Lebensbedingungen scheinen die psychischen Faktoren die biologischen Regelkreise zu überspielen. Das Essverhalten wird offenbar nicht über eine Messung der Kalorienaufnahme im Körper reguliert, stellte Schusdziarra fest. So zeigt die Analyse der Ernährung Fettleibiger, dass etwa der Gehalt an Kalorien der Hauptmahlzeiten nicht abnimmt, wenn die Patienten Zwischenmahlzeiten einnehmen. Bei der Ernährungsumstellung kommt es daher vor allem auf die Energiedichte an.

Die Zahl der Kalorien im Verhältnis zur Menge der Nahrung muss gesenkt werden. Darauf müssen die Patienten geschult werden. Diese Strategie erlaubt es zudem, die Lebensumstände der Patienten zu berücksichtigen und nicht unrealistische Erwartungen an sie zu stellen. Die Münchner Ärzte haben Patienten länger als ein Jahr begleitet. Die Mehrzahl nimmt auch nach diesem Zeitraum weiter an Gewicht ab.

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Der Streit um „low carb“ oder „low fat“ kann eigentlich beendet werden. Insgesamt, so war in Wiesbaden zu hören, entwickelt sich die Fettsucht weiterhin zu einem der dringlichsten Gesundheitsprobleme in den entwickelten Ländern. Der in Studien nachgewiesene Erfolg von Ernährungsprogrammen lässt sich in der täglichen Praxis nicht verwirklichen. Nach Ansicht der Psychologin und Ernährungsberaterin Susan Woods kann dies ohne eine langfristige und bedeutsame Verbesserung der psychischen Situation der Betroffenen nicht gelingen. Für das Essverhalten der Patienten seien Empfehlungen weit weniger bedeutsam als die subjektiv empfundene Evidenz. Viele Patienten haben frustrane Versuche einer Gewichtsreduktion hinter sich. Die erlebte Unwirksamkeit der Maßnahmen sei subjektiv bestimmend. Neuerliche Appelle und erhobene Zeigefinger verstärkten nur die Scham, wieder versagt zu heben.

„Erlebte Selbstwirksamkeit“

Vorrangig sei es daher, subjektive Theorien der Entstehung der Fettsucht zu entwickeln. Viele Patienten haben eine völlig andere Einschätzung, was die Bedrohlichkeit der Erkrankung angeht, als ihre Ärzte. In psychologischen Studien hat sich die Angst vor dem Versagen als wichtiger Faktor erwiesen, der die Patienten abhält, Ernährungsempfehlungen zu beachten.

Der Erfolg der Maßnahmen hängt nach Einschätzung der Experten vielmehr davon ab, was die Psychologen als die „erlebte Selbstwirksamkeit“ bezeichnen. Wer bisher bei der Gewichtsreduktion und dann beruflich oder sozial noch Misserfolge erlebt hat, wird auf die Suggestion, das eigene Verhalten ändern zu können, mit Angst und Resignation reagieren. Susan Woods empfiehlt daher bei der Beratung, mit den Betroffenen vorrangig die Widerstände zu thematisieren, die der Umstellung des Verhaltens entgegenstehen. Dies könne Kräfte freisetzen. Sie verdeutlichte dies anhand der aus dem Alltag bekannten „Ja, aber“-Reaktion. Wenn sich die Therapeuten im Gespräch, wie dies fast immer der Fall ist, allein auf die Empfehlungen zur Ernährung konzentrieren, werden in den Patienten Widerstände wachgerufen, warum es ihnen im Alltag unmöglich erscheint, ihr Verhalten zu ändern. Werden vom Berater dagegen die Hindernisse im Umfeld angesprochen, die es Patienten subjektiv nicht erlauben, sich anders zu verhalten, dann folgt darauf nicht selten ein positiveres „Ja, aber“. Die Patienten äußern dann Wünsche und Motivationsgründe, Gewicht abzunehmen. Dies sei ein Ansatz, das Verhalten zu beeinflussen.

Es sei ein psychisch normales Phänomen, dass Patienten ihren Lebensplan nicht ändern wollten. Diese Tatsache stehe nicht selten im Widerspruch zu den Ratschlägen der Ärzte. Susan Woods riet daher, Empfehlungen so zu gestalten, dass die Betroffenen ihre Lebenspläne weitgehend beibehalten können, selbst wenn die Behandlung dann nicht optimal sei. Doch bestehe dann erst überhaupt die Chance, dass Patienten Empfehlungen beachten. Diätberatung, so gesehen, erweist sich als durchaus schwierige Kunst, die von Ärzten besonders großes Einfühlungsvermögen erfordert.

Quelle: F.A.Z.
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