Giraffen

Die Evolution des Turmbaus

Von Joachim Müller-Jung
30.05.2016
, 16:11
Große Kulleraugen und ein langer Hals: So kennt man sie, die Giraffe
Scheitelhöhe sieben Meter - ein evolutionäres Großprojekt der Natur? Von wegen: Für den langen Hals der Giraffe brauchte es erstaunlich wenig genetischer Kunstgriffe.
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Mehr als zwei Meter Fallhöhe liegen zwischen Herz und Hirn, und doch ist es nicht diese anatomische Besonderheit, die der Giraffe das Leben in Afrika schwermachen. Vielmehr haben Wilderei und Lebensraumverluste dafür gesorgt, dass heute rund 40 Prozent weniger der turmhohen Säugetiere über die Steppe stolzieren als noch zu Beginn des Jahrhunderts. Wie aber kam die Giraffe zu ihrem langen Hals, und welche körperlichen Umbauten waren dafür nötig? Es müssen gewaltige Veränderungen gewesen sein, könnte man meinen. Eine Gruppe tansanischer, französischer und amerikanischer Genforscher hat einen Großteil der 17.200 Giraffen-Erbanlagen mit denen des Okapi verglichen - des nächsten Verwandten der Giraffe, der sich stammesgeschichtlich vor etwa 11,5 Millionen Jahren getrennt hat.

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Ihr Fazit: Die anatomische und physiologische Aufrüstung der Giraffe bedurfte der Beteiligung von nur etwa 70 Genen. Bei zwei Dritteln handelt es sich um Entwicklungsgene aus der sogenannten Homöobox. Sie sind vor allem in der Entwicklung des Embryos aktiv und steuern damit entscheidend das Wachstum der Körperpartien, insbesondere auch der Beine und der Wirbelsäule. Besonders auffällig: das Gen mit der Bezeichnung FGFRL1, das auch beim Menschen eine Schlüsselstelle bei der Ausbildung des Herzens und des Skeletts in den Frühstadien innehat. Ein anderer Teil der nachhaltig aktivierten Gene liefert die Bauanleitung für Wachstumshormone - was auch das ungewöhnliche Längenwachstum des Giraffenskeletts erklärt („Nature Communications“). Besonders wichtig dabei ist, dass viele der siebzig Schlüsselgene gleichzeitig Skelett und Kreislauf regulieren. Die Koevolution war der Pumpleistung des Herzens sicher zuträglich.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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