Fettleibigkeit

Eine Katastrophe weniger

Von Richard Friebe und Gerd Knoll
27.06.2004
, 15:38
Was ist dick, was normal: Beim Baden zeigt sich, was man hat
Die Politiker malen den dicken Teufel an die Wand: Deutschlands Nachwuchs ist zu fett. Aber diese Fettleibigkeits-Epidemie bei Kindern in Deutschland gibt es nicht.
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Dem Mitglied der königlich-schwedischen Bergbaukommission Emanuel Swedenborg erschien im Jahre 1745 in der dunklen Ecke einer Gaststube ein Mann. Er sagte: "Iß nicht soviel" und verschwand. In der kommenden Nacht kam er zurück und outete sich dem Wissenschaftler gegenüber als Gott persönlich. Swedenborg, auf Bildern mit asketischen Zügen überliefert, nahm den Rat an. Er widmete sich nur noch theosophischen Studien und wurde 84 Jahre alt.

Weniger oder zumindest "gesünder" essen sollten heute auch die Bewohner der westlichen Welt, wenn die von der WHO ausgerufene Fettleibigkeitsepidemie mit dramatischen Folgen für Wirtschaft und Gesundheitssysteme sie nicht überrollen soll. In den Vereinigten Staaten sollen gewichtsbedingte Krankheiten schon nächstes Jahr die Raucherleiden als Todesursache Nummer eins ablösen.

Alles Definitionssache

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Auch in Deutschland wird vor einem alarmierenden Anstieg des Übergewichts, vor allem bei Kindern, gewarnt. Ein Drittel aller Jungen und jedes vierte Mädchen seien bei der Einschulung übergewichtig, war in diese Woche überall zu lesen. Verbraucherministerin Renate Künast ruft zum Handeln auf. In einer Regierungserklärung Mitte Juni präsentierte sie ihre Initiative "Plattform Ernährung und Bewegung". Eltern, Ärzte, Nahrungsproduzenten, Gewerkschaften et cetera sollen sich zusammenfinden und die Katastrophe abwehren. Am Freitag ist der entsprechende e.V. gegründet worden.

Bild: F.A.Z.

Aber wo das Drittel der in der Ärztesprache "auffällig" Dicken sich aufhält, bleibt unklar, wenn man auf Straßen, Schulhöfen und in Kindergärten nachschaut. Es finden sich immer ein paar Dicke, auch sehr Dicke. Aber jeder dritte?
Jene Mediziner, die die wenigen in Deutschland verfügbaren Studien zu diesem Thema veröffentlicht haben, relativieren das Bild ähnlich wie der Blick auf den Schulhof. Übergewicht und Fettleibigkeit sind Definitionssache. Errechnet wird meist der sogenannte Body-Mass-Index (BMI, Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße).

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Heutige Standards

In Untersuchungen, die Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der TU Aachen, zusammen mit Kollegen machte, wurde als Schwellenwert für Übergewicht die sogenannte 85. Perzentile 30 Jahre vor der Studie festgelegt. Das klingt akademisch, ist aber eigentlich simpel: Gemeint sind die 15 Prozent der Schulanfänger vor 30 Jahren mit dem höchsten BMI. Per definitionem, also nicht nach medizinischen Kriterien, waren also damals schon 15 Prozent übergewichtig.

Anfang des neuen Jahrtausends erreichten in Aachen doppelt so viele Kinder diesen Wert, über 30 Prozent. Was folgt, ist die Schlagzeile von einem Drittel übergewichtiger Kinder in Deutschland, zu der sich kürzlich eine Meldung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) verdichtete. Herpertz-Dahlmann, die auch Präsidentin der DGKJP ist, sagt allerdings selbst, die Zahlen bedeuteten "nicht, daß diese Kinder nach heutigen Standards zu dick sind".

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Krank ist, wer von der Norm abweicht

Was aber diese Standards sind, darüber herrscht nirgends Einigkeit. Für Übergewicht wird mal die 85., mal die 90. Perzentile eines bestimmten Zeitraums festgelegt, für echte, als krankhaft geltende Fettleibigkeit mal die 95. Perzentile (also die massigsten fünf Prozent), mal die 97. nach 1985 (Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter, AGA), mal ein Mittelwert der 97. Perzentile von den fünfziger bis zu den siebziger Jahren (European Childhood Obesity Group). Legt man letzteren an, sind fünfjährige deutsche Jungen deutlich weniger übergewichtig als nach den Berechnungen der AGA. Das Landesgesundheitsamt Brandenburg hat Daten mit verschiedenen Methoden verrechnet. Da gibt es dann etwa für 1999 entweder 4,9 oder 13,1 Prozent fettleibige sechsjährige Mädchen oder 4,9 beziehungweise 11,8 Prozent fettleibige Jungen.

Wer von der Norm abweicht, wird für krank erklärt, obwohl es, so steht es in den Leitlinien der AGA, "keine festlegbaren Grenzwerte für das gesundheitsgefährdende Ausmaß der Körperfettmasse in diesem Altersbereich" gibt. Jeffrey Friedman von der Rockefeller University, der Entdecker des "Schlankhormons" Leptin, nennt die Debatte "hoch politisiert" und voll von Desinformation. Das gilt auch für Deutschland. Renate Künast etwa begann ihre Regierungserklärung mit dem Beispiel eines 38 Kilogramm schweren dreijährigen Mädchens, das an einem Herzinfarkt gestorben war. Daß das Kind einen schweren genetischen Defekt hatte, erwähnte sie nicht.

Alle sind gleich

Auch in der Gesamtbevölkerung ist ein Großteil des körperlichen Erscheinungsbildes genetisch festgelegt und damit kaum zu beeinflussen. Selbst bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind die Unterschiede beträchtlich, ob sie nun in Deutschland, ihrem Ursprungsland, oder anderswo leben. Im Durchschnitt haben Kinder von Migranten in Deutschland einen deutlich höheren BMI als deutsche Kinder. Die Gründe sind wahrscheinlich sozialer und kultureller Art, vielleicht ist ein Teil des Unterschieds erblich bedingt. Auf jeden Fall müßte man hier logischerweise eine andere Norm festlegen, um sie nicht zu diskriminieren. Tut man aber nicht.

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In Bayern etwa liegt der Anteil ausländisch-stämmiger Kinder etwa im Bundesdurchschnitt. Er hat nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten zwischen 1990 und 2000 um 12,2 Prozent zugenommen. Ein Teil der in Bayern in einer Studie von Medizinern der Universität München gefundenen Zunahme der Übergewichtigen dürfte also dem größeren Anteil der nicht deutschstämmigen, vor allem türkischen Kinder geschuldet sein. Michael Toschke aus der Münchener Arbeitsgruppe betont zwar, daß "die Übergewichts-Prävalenz auch bei deutschen Kindern zugenommen" habe, allgemeingültige Aussagen seien allerdings "sehr schwierig".

Grund dafür ist nicht zuletzt die dürftige Datenlage. Für die Münchner Studie blieben von 75 Gesundheitsamtsbezirken nur drei übrig. Bei fast allen anderen waren die Daten unvollständig, die Methoden nicht vergleichbar. Anderswo gibt es andere Probleme. Für Jenaer Forscher etwa, daß bei den Referenzwerten der Zeitpunkt der Untersuchung nicht genormt war und die Werte sich teilweise auf bekleidet, teilweise auf entkleidet gewogene Kinder bezogen.

Von Massenphänomen keine Spur

Die Fettleibigkeitsepidemie in Deutschland gibt es nicht. Eine Epidemie ist laut Definition das massenhafte Auftreten einer Krankheit in einer Population. In den mittleren Bereichen der BMI-Werte hat sich aber in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nichts signifikant verschoben; in Brandenburg gehen die Werte sogar wieder zurück. Von Massenphänomen keine Spur. Und ab welchem Ausmaß Dicksein eine Krankheit ist, auch das ist mehr als umstritten, übrigens auch bei Erwachsenen. Friedman jedenfalls hält die geltenden Werte für deutlich zu eng gefaßt. Brad Pitt etwa wäre demnach klar übergewichtig, Russell Crowe sogar fettleibig, schreibt der amerikanische Autor Paul Campos in seinem Buch "The Obesity Myth".

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Was bleibt, ist durchaus ernst zu nehmen. In fast allen Untersuchungen wird eines deutlich: Die ohnehin sehr Dicken werden noch dicker. Hans-Georg Joost, Direktor am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam, spricht von einem echten, aber "segmentalen Problem": Bestimmte Teile der Bevölkerung sind betroffen, sozial Benachteiligte und Migranten, hier vor allem Türken, Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsstand und Alleinerziehenden. Wie man dem beikommen kann, ist unklar.

Das Künast-Ministerium setzt auf Ernährungsbildung und Aufklärung für Kinder und Eltern. Joost hält die Erwartungen an solche Programme für "maßlos übertrieben", Ernährungserziehung in Kitas und Schulen gar für "rausgeschmissenes Geld". Die Risikogruppen sollten statt dessen gezielt gefördert werden, so Joost.

Jojo-Effekt, Bulimie und Magersucht

Therapien gegen Fettleibigkeit zeigen zudem meist keinen Erfolg, im Gegenteil. Den Diät-Jojo-Effekt gibt es schon im Kindesalter. Bulimie und Magersucht, echte, gefährliche Krankheiten, nehmen zu; ein Grund ist wahrscheinlich der schon von den kleinen Mädchen gespürte Schlankheitsdruck.

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Zu einer anderen Art Eßstörung kommt es, wenn Kinder ohne Frühstück aus dem Haus gehen oder kein Mittagessen vorgesetzt bekommen. Riegel und Cola aus dem Automaten sind bequemer Ersatz, die den Hunger aber nur kurzfristig stillen und bald sogar neuen erzeugen.

Hilfe von höherer Stelle erwünscht

Limonaden mit viel Zucker sind vielleicht der einzige Teil der Ernährung, bei dem es sich lohnt, politisch einzugreifen. "Hier greifen die natürlichen Regulationsmechanismen der Sättigung nicht, die flüssigen Kalorien werden nicht erkannt", sagt Joost. Was helfen könnte, sind geregelte Mahlzeiten, die satt machen. Was die Eltern nicht bieten wollen oder können, sollten vielleicht die Tagesstätten und Schulen übernehmen. Das gilt auch für einen anderen Teil des Künast-Programms, der bei Experten auf mehr Zustimmung trifft: mehr Bewegung.

Dabei könnte eine Verringerung des Fernsehkonsums wichtigstes Ziel sein - im Gegensatz zu den üblichen Verdächtigen wie Fett und Süßigkeiten ein zweifelsfrei identifizierter Risikofaktor. Mehr Bewegung muß nicht sichtbar schlanker machen, sie macht Kinder aber fitter, verbessert zum Beispiel die Blutfettwerte. Bei der Aufgabe, die Kinder hinter dem Fernseher hervorzulocken, wünscht man sich ähnlich wie beim alten Swedenborg Hilfe von höherer Stelle. Der Versuch scheint aber aussichtsreicher als Vollwerterziehung und Diät.

Wie dick werden wir? Die Eltern sind an fst allem schuld.

Die Statur einzelner Menschen kann, von hager bis massig, sehr verschieden sein. Der Body-Mass-Index (BMI) ist, ähnlich wie die Körpergröße, genetisch bedingt, wahrscheinlich zu 60 bis 80 Prozent. Umwelteinflüsse wie Bewegungsmangel und hohe Nahrungszufuhr können den durchschnittlichen BMI in der Bevölkerung ansteigen lassen, sind aber nicht verantwortlich für die enorme Bandbreite der Körperfülle. Einige wenige Menschen haben Defekte an einzelnen Genen, die kritisch für die Steuerung von Hunger und Sättigung sind. Ein Beispiel ist das Gen für das Hormon Leptin. Diesen Menschen kann analog der Situation bei Diabetikern durch Gabe von Leptin geholfen werden. Die meisten übergewichtigen Menschen haben aber besonders viel Leptin. Hier wird eine Resistenz vermutet, ähnlich der Insulinresistenz bei Alters-Diabetes. Für die breite Masse sind wahrscheinlich verschiedenste Konstellationen von Genvarianten wichtig. 300 entsprechende Stellen im Genom sind bisher identifiziert.

Auch der Entwicklung im Mutterleib und kurz nach der Geburt kommt eine wichtige Bedeutung zu. Beim Fötus entstehen nicht nur Gliedmaßen und Organe, auch physiologische Systeme wie die Steuerung von Atmung, Wasserhaushalt oder Stoffwechsel entwickeln sich. Bestimmte Botenstoffe regulieren das Wachstum und die funktionelle Reifung von Gehirnstrukturen, die für die Appetitregulation verantwortlich sind. Leptin regt um den Zeitpunkt der Geburt herum das Wachstum und die Verschaltung von Zellen im Steuerungszentrum für die Gewichtsregulation an. Das könnte die Beobachtung erklären, daß gestillte Kinder im späteren Leben seltener übergewichtig sind, denn Leptin findet sich in Muttermilch, aber nicht in Flaschennahrung. Durch ähnliche Mechanismen könnte Nahrungsmangel in der Schwangerschaft das Risiko für Übergewicht steigern; in Hungerzeiten geborene Kinder haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht. Andererseits haben übergewichtige Mütter oft übergewichtige Kinder, vermutlich aber nicht aufgrund vererbter Anlagen. Neuerdings ist auch der Zigarettenkonsum von Schwangeren als Risikofaktor identifiziert worden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.06.2004, Nr. 26 / Seite 55
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