Maskenbeton

Wohin mit gebrauchten Masken?

EIN KOMMENTAR Von Manfred Lindinger
06.05.2022
, 09:49
Nach der chemischen Behandlung des Maskenstoffs (rechts) bleiben, 30 Mikrometer lange Kunststofffasern übrig.
Abermilliarden medizinische Einwegmasken sind im Umlauf und vermüllen nach Gebrauch die Umwelt. Amerikanische Chemiker haben einen unkonventionellen Vorschlag, wie man das Material wieder verwenden könnte.
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Sie liegen achtlos auf Straßen herum, hängen in Hecken oder schwimmen in Flüssen. Die medizinische Einwegmaske – ein zentrales Element im Kampf gegen die Corona-Pandemie – ist zu einem ernsten Umweltproblem geworden. Gefahr droht von den Gummibändern, in denen sich Tiere leicht verheddern können. Weil die Masken aus den schwer abbaubaren Kunststoffen Polypropylen und Polyester bestehen, dauert es Jahrzehnte, bis sie sich zersetzt haben. Einmal ins Meer gelangt, vermehren sie den herumschwimmenden Plastikmüll. Am Ende landen sie womöglich noch als Mikroplastik in der Nahrungskette vieler Meeresbewohner, so die Befürchtung.

Ab ins Feuer damit, ist deshalb ein guter Rat. Laut Bundesumweltministerium gehören die Gesichtsmasken nach Gebrauch ohnehin in den Restmüll. Dass es auch anders geht, zeigen nun Chemiker von der Washington State University in Pullman. Xianming Shi und seine Kollegen schlagen vor, die Bestandteile der Gesichtsmasken Zement beizumischen und auf diese Weise Beton stabiler zu machen. Ihr Rezept verraten die Forscher in den „Materials Letters“: Zunächst Masken desinfizieren und Baumwollschlaufen und Metallteile entfernen, dann den Maskenstoff zerkleinern und chemisch so lange behandeln, bis er in kleine Polypropylen- und Polyesterfasern zerfällt; die Fasern anschließend mit Graphenoxid überziehen, mit Portlandzement vermischen und schließlich zu Beton verarbeiten.

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Das Ergebnis war laut Shi und seinen Kollegen überzeugend: Nach dem Aushärten sei der Beton deutlich fester geworden als ohne Faserzusatz. Die Fasern würden die Bruchenergie ableiten und so Risse im Material verhindern. Aus diesem Grund werden manchen Betonsorten bereits Stahl-, Kunststoff- oder Glasfasern hinzugefügt. Mikrofasern aus Masken könnten eine günstige Alternative eröffnen.

Ob sich das Verfahren von Shi und seinen Kollegen tatsächlich für die Praxis eignet, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall gibt die Arbeit der amerikanischen Recyclingspezialisten Hoffnung, den Corona-Müll doch irgendwie in den Griff zu bekommen. Der Nachschub an Masken dürfte trotz erster Lockerungen jedenfalls nicht so schnell abreißen.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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