Forschung

Hilfe für das schwache Herz

Von Nicola von Lutterotti
02.07.2004
, 21:02
Herzinfarkt: Ein Drittel stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus
Herzmuskelschwäche: Um die Leiden der Patienten zu lindern, bemühen sich viele Forschergruppen weltweit um die Entwicklung neuer therapeutischer Verfahren.
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Immer mehr Menschen leiden an Herzmuskelschwäche. In Deutschland dürften rund zweieinhalb Millionen Patienten von dieser vorwiegend im höheren Alter auftretenden Krankheit, die auch als Herzinsuffizienz bezeichnet wird, betroffen sein. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von ungefähr drei Prozent. Dazu kommt wahrscheinlich noch eine hohe Dunkelziffer, zumal eine beginnende Herzmuskelschwäche oft keine spezifischen Symptome hervorruft und daher leicht übersehen wird. Was die Behandlung angeht, wurden in den vergangenen Jahren zwar einige Fortschritte erzielt. Die Überlebensaussichten der Erkrankten sind aber nach wie vor schlecht. Um die Leiden der Patienten zu lindern, bemühen sich viele Forschergruppen weltweit um die Entwicklung neuer therapeutischer Verfahren. Welche Richtung sie dabei einschlagen, erörterten Experten kürzlich auf einem internationalen Symposion in Würzburg, das der Kardiologe Georg Ertl von der dortigen Universitätsklinik in Kooperation mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina ausgerichtet hat.

Zu den häufigsten Ursachen einer Herzinsuffizienz gehört der Herzinfarkt, der Verschluß einer verkalkten Herzkranzarterie. Je größer das Versorgungsgebiet der verlegten Schlagader ist, desto mehr Herzzellen gehen dabei zugrunde. Die abgestorbenen Muskelfasern kann der Körper nicht ersetzen, sondern nur die entstehenden Lücken mit Narbengewebe stopfen. Der Verlust an kontraktionsfähigem Herzmuskel ist auch ein wesentlicher Grund dafür, daß Herzinfarkte so häufig in eine Herzmuskelschwäche münden. Bislang lassen sich die schädlichen Folgen eines Herzinfarkts nur abwenden, wenn man den hierfür verantwortlichen Blutpfropf umgehend beseitigt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben nun Anlaß zu der Hoffnung, die geschädigten Herzzellen eines Tages erneuern zu können.

Speichel heilt Hautwunden

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Hilfreich sind möglicherweise die Erfahrungen, die man auf anderen medizinischen Fachgebieten gesammelt hat. Weit gediehen ist die Erforschung der Wundheilung beispielsweise in der Dermatologie. Wie die renommierte Infektionsforscherin Sharon Wahl von der amerikanischen Gesundheitsbehörde in Bethesda/Maryland ausführte, hat ihre Arbeitsgruppe unlängst einen wichtigen Mitspieler bei der Heilung von Hautwunden entdeckt. Es handelt sich dabei um einen auch im Speichel enthaltenen Eiweißstoff, den Secretory Leukocyte Protease Inhibitor. Dieser fördert den Verschluß von Wunden, indem er überschießende Entzündungsreaktionen unterdrückt und Reparaturvorgänge unterstützt. Fehlt dieses Protein, heilen Hautwunden nur schwer. Weitere Beobachtungen der amerikanischen Arbeitsgruppe sprechen zudem dafür, daß ein Mangel an diesem Eiweißstoff die Gefäßverkalkung begünstigt. Möglicherweise spielt das Protein bei der Entstehung von Herzinfarkten und anderen arteriosklerotisch bedingten Herz-Kreislauf-Leiden eine Rolle. In klinischen Studien wollen die Wissenschaftler nun testen, inwieweit Patienten mit gestörter Wundheilung von einer Behandlung mit diesem Eiweißstoff profitieren.

Andere Forscher versuchen den Infarktschaden zu begrenzen, indem sie die Regeneration von Herzmuskelgewebe fördern. Dieser Weg ist freilich enorm schwierig, zumal sich ausgereifte Herzmuskelzellen nicht mehr vervielfältigen können. Weshalb sie diese Fähigkeit verloren haben, erläuterte Rüdiger von Harsdorf von der Abteilung für Kardiologie der Charité in Berlin. Demnach werden die Herzmuskelzellen von bestimmten Molekülen daran gehindert, sich zu teilen und damit zu vermehren. Denkbar wäre daher, daß eine Neutralisierung dieser Hemmstoffe die Regeneration von Herzgewebe in Gang bringt.

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Unsinnige Hypothese

So wenig erneuerungsfähig, wie in den alten medizinischen Lehrbüchern behauptet, scheint das Herz gleichwohl nicht zu sein. Ins Wanken gebracht hat dieses Dogma der aus Italien stammende Forscher Piero Anversa vom New York Medical College in Valhalla/New York. Wie er in Würzburg erläuterte, verfügt das Herz über lokale Stammzellen, die in der Lage sind, sich zu teilen. Daß der Mensch angeblich mit denselben Herzzellen stirbt, mit denen er geboren wurde, stuft der Wissenschaftler seit je als eine unsinnige Hypothese ein. Man dürfe nicht vergessen, daß sich die Kreislaufpumpe im Verlaufe des Lebens viele Milliarden Mal zusammenziehen muß.

Eine große Herausforderung stellt es gleichwohl dar, die unreifen Herzzellen dazu zu bringen, das Infarktgebiet zu besiedeln und dort neues funktionsfähiges Gewebe zu erzeugen. Solche weitreichenden Reparaturen scheinen sie normalerweise nicht auszuführen. Ansonsten würde ein Herzinfarkt wohl nicht derart schwere Schäden hervorrufen. In jüngerer Zeit haben mehrere Arbeitsgruppen eine Reihe von Wachstumsfaktoren entdeckt, mit denen sich die Herzstammzellen offenbar an den Ort des Geschehens locken lassen. Anversa berichtete auf der Würzburger Tagung über spektakuläre Ergebnisse bei der Verwendung solcher Signalmoleküle. Wie er erläuterte, hat man Mäusen mit ausgedehnten Herzinfarkten unterschiedliche Wachstumsfaktoren in die frische Herzwunde injiziert. Daraufhin sei an dieser Stelle neues Herzgewebe entstanden, das nicht nur Muskelzellen, sondern darüber hinaus auch größere und kleinere Blutgefäße enthalten habe. Die Frischzellenkur führte nach Angaben von Anversa zu eindrucksvollen Verbesserungen. Selbst viele jener Mäuse sollen überlebt haben, bei denen der Infarkt rund 85 Prozent des Herzmuskels geschädigt hatte.

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Forscher warnen

Ein weiterer Ansatz besteht darin, mit Stammzellen aus dem Knochenmark oder dem Blut die Infarktwunden zu heilen. Wie Stefanie Dimmeler von der Abteilung für Molekulare Kardiologie der Universität Frankfurt am Main berichtete, hat man eine Gruppe von herzschwachen Patienten mit Vorläuferzellen der innersten Gefäßschicht, des Endothels, behandelt. Die unreifen Endothelzellen wurden den Kranken in eine Herzschlagader injiziert. Die Ergebnisse der Behandlung seien ermutigend gewesen. Jedenfalls habe sich anschließend ein Anstieg der Herzkraft verzeichnen lassen. Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten.

Einige Forscher warnen trotz allem davor, die Stammzelltherapie zu früh in die Klinik einzuführen. So konnten einige Wissenschaftler die Beobachtungen von Anversas Arbeitsgruppe nicht bestätigen, wie aus zwei unlängst in der Zeitschrift "Nature" (Bd. 428, S. 664 u. 668) erschienenen Artikeln hervorgeht. Auch gibt es einige neuere Berichte, denen zufolge die Stammzelltherapie möglicherweise doch Komplikationen hervorrufen kann. So fand eine Gruppe von Forschern um Young-Sup Yoon und Douglas Losordo vom St. Elizabeth's Medical Center der Tufts-Universität in Boston/Massachusetts, daß die Injektion von Stammzellen in den Herzmuskel von Mäusen mit Herzinfarkt die Ablagerung von Kalk begünstigt. Andere Wissenschaftler beobachteten eine Zunahme der Zahl an Thrombosen in den mit Gefäßstützen versehenen Schlagadern ("Lancet", Bd. 363, S. 751). Insofern scheint es sinnvoll, den Nutzen und die Risiken der Stammzelltherapie erst eingehend zu prüfen, bevor man das Verfahren beim Menschen anwendet. Ansonsten besteht die Gefahr, daß diese noch junge Therapieart ihre Ziele nie erreichen wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004, Nr. 151 / Seite 38
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