Bienensterben

Ganz vorne im Krisenschwarm

Von Oliver Becht
29.05.2022
, 12:28
Pars pro Toto: Honigbienen stehen für ein Kardinalproblem.
Für die Bienen wird getrommelt, doch der Insektenschwund ist ungebremst. Dazu kommt jetzt auch noch eine Virusvariante.
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Zum Weltbienentag in der vergangenen Woche wurde wieder nicht gefeiert, es dominierten die negativen Schlagzeilen. Eine aktuelle Studie unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg etwa vermeldete, dass weltweit eine gefährliche Variante des tödlichen Krüppelflügelvirus auf dem Vormarsch sei. DWV-B, wie die Variante genannt wird, kann inzwischen auf allen Kontinenten außer Australien nachgewiesen werden und sei in Europa bereits der dominante Genotyp. „In der Welt der Bienen passiert genau das, was wir in den letzten Jahren mit dem Coronavirus erlebt haben“, sagt der Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz. „Die Natur weicht aus und lässt eine neue Variante entstehen.“ Laut Robert Paxton, Erstautor der Studie, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Variante überall auf der Welt unter anderem auch für die Imker zum Problem werden wird.

DWV-B sei noch gefährlicher als das ursprüngliche Krüppelflügelvirus, das Bienen bereits seit den Achtzigerjahren bedroht und zum Verkümmern der Flügel führt. Das Virus wird über Varroamilben übertragen und befällt zunächst Honigbienen. Die neue Variante sei sowohl virulenter als auch leichter übertragbar, heißt es im International Journal for Parasitology: Parasites and Wildlife. Die Virologen hatten Gendaten und Publikationen zu DW-Viren aus den Jahren 2008 bis 2021 untersucht. Auch in Wildbienen konnte die neue Variante nachgewiesen werden. Ob die Bedrohung für sie ähnlich groß ist, sei laut Paxton noch offen. Bei kommerziell gehaltenen Hummelvölkern sei die Sterberate durch DWV-B bislang noch nicht deutlich gestiegen, sagt er.

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Dass die Zahl der Wildbienen generell zurückgeht, ist mittlerweile gut nachgewiesen. Daten stammen in erster Linie aus Nordamerika und Europa, werden vereinzelt aber auch in Südamerika, Afrika und Asien erhoben. „Überall kann ein Rückgang beobachtet werden“, sagt Laura Breitkreuz, Referentin für Entomologie beim Naturschutzbund Nabu. Im vergangenen Jahr erschien erstmals eine globale Metastudie, die Insektenzählungen aus der internationalen Biodiversitätsdatenbank GBIF ausgewertet hat. Rund ein Viertel der vor 1990 gesichteten Insektenmassen sei zwischen 2006 und 2015 nicht mehr nachgewiesen worden, schrieb ein Team um den argentinischen Biologen Eduardo Zattara in One Earth. In Deutschland sind laut Roter Liste fast die Hälfte der über 550 heimischen Wildbienen gefährdet, 31 sogar akut vom Aussterben bedroht.

Zu viele Honigbienen?

Bestandsmäßig nicht in Gefahr ist dagegen die Honigbiene. Die Imkerei floriert. Zum Jahresbeginn meldete der Deutsche Imkerbund einen Mitgliederzuwachs um 2,34 Prozent. Die Zahl der Imker und Bienenvölker steigt seit über fünfzehn Jahren konstant an. So stark, dass die um Nahrung und Blüten konkurrierenden Wildbienen dadurch bedroht werden? „Bei wild lebenden Honigbienen beobachten wir in der Regel Besiedlungsdichten von nur einem Volk pro ein bis drei Quadratkilometer“, sagt Tautz. Problematisch könne es werden, wenn die Zahl der Hobbyimker in urbanen Ballungsräumen so stark ansteige, dass es zu einem Verdrängungswettbewerb komme. Auch das Übertragungsrisiko für Krankheiten und Parasiten von Honig- auf Wildbienen wachse dann. „Es kommt immer auf die Umstände an, inwieweit steigende Honigbienenzahlen eine Gefahr sind“, so Tautz. Es gebe Studien, die negative Auswirkungen zeigen, aber auch zahlreiche Gegenbeispiele. Von Bedeutung seien stets die jeweiligen Besiedlungsdichten und das lokale Nahrungsangebot.

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Allen Bienen helfen würden Handlungen, die strukturreichere Landschaften schaffen und das Blütenangebot erhöhen. Wachsende Wildbienenpopulationen seien derzeit nur im Zusammenhang mit aktiven Schutzmaßnahmen nachzuweisen, sagt Nabu-Referentin Breitkreuz. „Darin steckt auch eine gute Nachricht, weil sie zeigt, dass wir etwas tun können.“ Die Erkenntnisse, wie Insektenschutz effektiv umgesetzt werden kann, nehmen immer weiter zu: In den Londoner Kew-Gärten wird derzeit mithilfe von Nektar- und Pollenproben untersucht, welche Pflanzenarten die Gesundheit von Bestäubern verbessern können. Anfang Mai berichteten die Ökologen, mit der Linde und dem Westlichen Erdbeerbaum zwei Arten identifiziert zu haben, deren Nektar Bienen gut vor Parasiten schützen könne.

Naturschutzgebiete als Ideallösung

Weniger effektiv als anfangs gedacht könnten Blühstreifen sein. Ein Team der Universität Göttingen schreibt in Biological Sciences, dass organische Anbaumethoden bei Betrachten der gesamten Ackerfläche stets effektiver seien als konventionell betriebene Felder mit Blühstreifen. Erst wenn diese deutlich mehr als die üblichen fünf Prozent der Gesamtfläche ausmachen, werde der positive Effekt auf die Wildbienenvielfalt größer. „Anfangs hielt ich Blühstreifen für eine schöne Idee“, sagt Tautz, „mittlerweile ist aber Ernüchterung eingekehrt. Die Streifen sehen zwar schön aus, sind aber oft wenig effektiv.“ Breitkreuz hält dagegen; sie sagt, dass es bei gut geplanter Anlegung auch Positivbeispiele gebe und Blühstreifen zudem das Bewusstsein für den Insektenschutz steigern würden. Tautz meint, dass in den vergangenen Jahren so viele Blühstreifen geschaffen worden sind, dass mittlerweile umfangreiche Erfahrungen und Daten zu deren Effektivität existieren. Der Streifen dürfe in keinem Fall unter neun Meter breit sein, sollte möglichst weit entfernt von insektizidbehandelten Feldern liegen und eine möglichst breite Palette an insektenfreundlichen Pflanzen beinhalten. Ganze Wiesen oder gar Naturschutzgebiete seien selbstverständlich die Ideallösung.

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Bienenschutz hat in den vergangenen Jahren mindestens zwei Schübe erhalten: einmal durch die Krefeld-Studie im Jahr 2017, bei der in deutschen Schutzgebieten ein Rückgang der Fluginsektenbiomasse um drei Viertel festgestellt werden konnte; zum anderen durch das bayrische Volksbegehren zur Artenvielfalt. Viel zu tun bleibt dennoch. „Mir fällt auf Anhieb kein Land ein, das man als Bienenschutzvorreiter bezeichnen könnte“, sagt der englische Biologe Dave Goulson. In Deutschland wies das Bundesministerium für Landwirtschaft zum Weltbienentag auf den besonderen Schutzstatus von Bienen hin und zählte in einer Pressemeldung zahlreiche Maßnahmen auf: Ein Sonderrahmenplan „Maßnahmen zum Insektenschutz in der Agrarlandschaft“ soll unter anderem das Anlegen von Blühstreifen und artenreichem Dauergrünland fördern, der Anteil des Ökolandbaus an der Landwirtschaft soll bis 2030 auf 30 Prozent erhöht und vom Johann Heinrich von Thünen-Institut für Biodiversität soll ein bundesweites Wildbienen-Monitoring entwickelt werden. Auch jeder Einzelne könne mithelfen, sagt Tautz: „Wenn sich direkt daneben keine vergifteten Felder befinden, kann auch bienenfreundliche Bepflanzung im Garten einen nicht zu unterschätzenden Effekt haben.“

Am Ende geht es für ihn um das große Ganze: „Alles, was der Honigbiene hilft, hilft auch anderen Insekten und Lebewesen. Leider sind wir Menschen so gestrickt, dass immer nur kleine Bausteine herausgesucht werden. Das ist derzeit eben der Schutz einzelner Bienenarten.“ Die Schlüsselgefahren seien mit Landnutzungsänderungen, eingeschleppten Arten, der Klimaerwärmung und neuen Krankheiten immer dieselben. Wie die Schutzmaßnahmen noch intensiviert werden können? Gerade Insekten seien geeignet, um Faszination zu wecken, sagt Tautz. „Die Insektenwelt ist eine Schatzkiste an Erfindungen, die sich kein Mensch ausdenken könnte. Die Bewusstseinsentwicklung dafür hängt noch immer stark zurück.“

Quelle: F.A.S.
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