Umstrittene UN-Regeln

Gendaten für die Pandemievorsorge

Von Thomas Cueni
08.03.2022
, 20:12
Gekappte Verbindungen: Europa verweigert genetischen Daten die Ausreise nach Amerika.
Die Blockade vieler Länder bei der Offenlegung von Biodaten torpediert langfristig die frühe Eindämmung von Seuchenausbrüchen: Wir müssen die UN-Regeln neu fassen. Ein Gastkommentar.
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Im September vergangenen Jahres eröffnete die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel feierlich den „WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence“ der Weltgesundheitsorganisation. Gründungspartner sind das Robert-Koch-Institut und die Charité in Berlin, Partner für Künstliche Intelligenz ist das Hasso-Plattner-Institut. In Berlin entsteht damit ein neuer Baustein einer globalen Forschungslandschaft, die künftige Pandemieausbrüche frühzeitig erkennen, bewerten und im besten Fall verhindern soll.

„Der WHO Hub fördert die Zusammenarbeit auf der ganzen Welt. Wir verwenden die besten Technologien und die aussagekräftigsten Daten, um Risiken für künftige Epidemien und Pandemien zu erkennen und zu verstehen“, kündigte der Leiter Chikwe Ihekweazu damals an. Datenverfügbarkeit, Zusammenarbeit, Schnelligkeit – die zentralen Stichworte jeder globalen Epidemie- und Pandemiebekämpfung nicht erst seit Covid-19. Die aktuelle Pandemie hat ihre Bedeutung in dramatischer Weise unterstrichen. Mit jeder Phase der Pandemie hat die globale Forschungsgemeinschaft dazugelernt. Der Schlüssel dabei ist der rasche Zugang zu den genetischen Informationen der Krankheitserreger, zu der international so bezeichneten Digital Sequence Information (DSI).

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Auch die Pandemieprävention profitiert

Zuletzt Ende 2021 konnte die Welt beobachten, wie wichtig es war, dass südafrikanische Forscher in Echtzeit ihre Erkenntnisse über die Genomdaten der Omikron-Variante teilten – namentlich über die auch durch Deutschland unterstützte Datenbank GISAID (Global Initiative on Sharing All Influenza Data). Aus den Ergebnissen dieser und weiterer Genomsequenzierungen entstand erneut der „Rohstoff“ für die weltweite Forschungsgemeinschaft. Damit wurde ermöglicht, schnell von einer genetischen Sequenz zu Impfstoffdesign und Herstellung zu gelangen. Die ersten angepassten Impfstoffe gegen Omikron sollen ab Frühjahr 2022, also wenige Monate nachdem Informationen zu der neuen Variante bekannt wurden, zur Verfügung stehen. Auch die Pandemieprävention profitiert. Das deutsche Biotechnologieunternehmen Biontech und der britische AI-Spezialist InstaDeep gaben im Januar 2022 bekannt, ein Frühwarnsystem für Virusvarianten entwickelt zu haben (siehe F.A.Z. vom 21. Januar).

Auf Basis der weltweit und zeitnah bereitgestellten DSI-Daten könnte das Gefahrenpotential neuer Varianten innerhalb weniger Tage modelliert werden und Forschern wie Impfstoffentwicklern ein wirksames Instrument an die Hand gegeben werden. Genetische Informationen als Basis erfolgreicher Impfstoffentwicklung und Prävention – ohne den weltweiten Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse wäre die Pandemie definitiv verheerender und tödlicher verlaufen. Wie können wir also sicherstellen, dass diese außergewöhnliche internationale Zusammenarbeit und die gemeinsame Nutzung von Daten durch Wissenschaft und Pharmaunternehmen weiterhin Bestand haben? Um es klar zu sagen: Wir können es derzeit nicht.

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Eine entscheidende Hürde ist ein kaum bekanntes und wenig verstandenes Dokument aus dem Jahre 2010: das Nagoya-Protokoll. Es regelt den Zugang zu nationalen genetischen Ressourcen und dient als Ergänzung und Konkretisierung der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD aus dem Jahre 1993. Das Nagoya-Protokoll umfasst genetische Informationen von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen – und damit auch von Krankheitserregern. Konkreter: Es regelt die ausgewogene und gerechte Aufteilung, der sich aus ihrer Nutzung ergebenden Vorteile – denn Nutzer sind vor allem die forschungsintensiven Staaten der Nordhalbkugel. Ein grundsätzlich sinnvoller Ansatz mit Verpflichtungen für Anbieter und Nutzer genetischer Informationen gleichermaßen – zusammengefasst unter den ABS-Regeln (Access and Benefit Sharing).

Das Protokoll lässt Spielraum für Interpretationen

Inzwischen hat sich gezeigt, dass das Nagoya-Protokoll, wenn auch ungewollt, eine überaus problematische Seite hat. Es kann als Begründung dienen, Informationen über Krankheitserreger (und Krankheitserreger selbst), die für die Forschung wichtig sind, zurückzuhalten – mit dem Argument, dass es sich um „nationale Ressourcen“ handele, deren Biodiversität es zu schützen gilt. Das Protokoll empfiehlt zwar, Krisenfälle im Gesundheitssystem „gebührend zu berücksichtigen“, lässt dadurch aber Spielraum für Interpretationen und sogar für die Missachtung der nationalen Rechtsvorschriften.

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Dieser Spielraum wurde in der Vergangenheit genutzt, mit fatalen Folgen: Allein in den letzten drei Jahren hat sich die Freigabe von Daten von mehr als dreißig verschiedenen Grippestämmen verzögert. Vor fast einem Jahrzehnt machte Saudi-Arabien seine Rechte an den Daten des Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV) geltend und verzögerte die Bemühungen, die Krankheit zu verfolgen oder ihre Risiken zu bewerten. Ähnliche Erfahrungen gab es bei Ebola in Westafrika und bei verschiedenen Varianten des Grippevirus (Vietnam, Indonesien und China).

So unterschiedliche Länder wie Indien, Brasilien, Äthiopien oder Malaysia stehen auf dem Standpunkt, das Nagoya-Protokoll gelte auch für die Informationen, die aus genetischen Ressourcen stammen, einschließlich digitaler Sequenzinformationen. Letzteres macht die Sache noch komplizierter und stellt ein weiteres Hindernis für die Vorbereitung auf Epidemien, Pandemien und deren Bekämpfung dar.

Die Covid-19-Pandemie hat die Schwächen des Nagoya-Protokolls erneut ins Bewusstsein der politischen Akteure gebracht, den Widerspruch zwischen dem Schutz der Biodiversität, die wir alle erhalten wollen, und dem Kampf gegen pathogene Organismen, deren Ausbreitung es zu verhindern gilt. Während ABS-Vereinbarungen bei der Biodiversität unbestritten sind, muss der sofortige Zugang und die gemeinsame Nutzung von Krankheitserregern in den Mittelpunkt der Pandemievorsorge gestellt werden, sei es auf der kommenden Weltgesundheitsversammlung oder auf den nächsten Tagungen des Biodiversitätsabkommens.

Dies sollte hoffentlich dazu führen, den Begriff „genetische Ressourcen“ differenzierter zu betrachten und die nationalen Ansprüche darauf genauer abzugrenzen. Wenn der WHO Hub in Berlin eine Chance haben soll, seinem Auftrag gerecht zu werden, muss die Weltgemeinschaft entschieden handeln. Denn leider ist es sicher nicht überzogen zu sagen: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.

Der Autor

Der Autor ist Generaldirektor der International Federation of Pharmaceutical Manufacturers and Associations (IFPMA).

Quelle: F.A.Z
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