Gentechnologie

Keimzellen müssen nichts mehr mit Lebewesen zu tun haben

Von Christian Schwägerl
10.12.2003
, 20:00
Mäusespermien gibt es jetzt auch künstlich
Bisher waren Eizellen und Spermien an Lebewesen gebunden. Jetzt nicht mehr, denn George Daley von der Harvard Medical School hat das Verfahren, mit künstlichen Spermien Embryonen zu erzeugen, an Mäusen erprobt.

Die "New Economy" ist totgesagt, doch die amerikanische Wirtschaft hat dank Internet und besserer Software ihre Produktivität gerade in der wirtschaftlichen Krise massiv steigern können. Die "New Biology" war auch schon beinahe totgesagt, entlarvt als Angeberei geldgieriger Naturwissenschaftler, doch innerhalb von nur einem Jahr hat die Wissenschaft die Produktivkräfte des Lebens unter ihre Kontrolle gebracht.

Es muß etwas drangewesen sein am angeblichen "Hype" um das Humangenomprojekt und die Stammzellforschung, an der vielbeschworenen und vielbelachten "gentechnischen Revolution", deren Ausrufung viele schon überdrüssig geworden sind, besonders jene, die der Implosion ihrer Biotech-Fonds zusehen mußten. Es ist sehr viel dran, viel mehr sogar, als man selbst auf dem synchronen Höhepunkt medialer Aufmerksamkeit für New Economy und New Biology zu ahnen vermochte. Die New Economy mag nun einen kleinen Aufschwung generieren helfen. Die New Biology verändert gerade die Koordinaten des Menschseins.

Der nächste Schritt nach künstlicher Befruchtung

Bisher waren die Keimzellen des Lebens, Eizellen und Spermien, an Lebewesen gebunden. Daran hat auch die seit 25 Jahren praktizierte künstliche Befruchtung nichts geändert. Jedes Retortenbaby geht auf Eizellen und Spermien zurück, die von einer biologischen Mutter und einem biologischen Vater stammen. In Kliniken für künstliche Befruchtung mögen die Keimzellen zwar von anonymen Spendern stammen, aber es gibt sie. Die Kräfte der Menschenerzeugung waren an konkrete Träger und an Erzeuger gebunden.

Jetzt sind sie freigesetzt. Wenn sich die wichtigsten biologischen Experimente des Jahres 2003 auf den Menschen übertragen lassen, könnten Eizellen und Spermien demnächst im Labor entstehen, aus nummerierten Zellkulturen. Sie könnten genetisch verändert, verbessert, manipuliert werden, wie immer man es nennen will. Sie könnten in unbegrenzter Zahl nach definierten Qualitätsstandards hergestellt werden. Die Kräfte der Menschwerdung gehen in die Hände von Medizinern und Naturwissenschaftlern über. Das muß nichts Schlechtes bedeuten, stellt aber eine völlig neue Qualität von Verantwortung dar.

Spermien und Eizellen aus dem Labor

George Daley von der Harvard Medical School hat das Verfahren, mit künstlichen Spermien Embryonen zu erzeugen, nun, wie er in der aktuellen Ausgabe von "Nature" berichtet, an Mäusen erprobt. Künstliche weibliche Eizellen sind bereits in einem anderen Labor in Pennsylvania entstanden. Die räumliche Distanz der beiden Kunstkeimzellen wird zu überwinden sein: Dann wäre die erste Maus perfekt, die aus gezüchteter Spermie und gezüchteter Eizelle entstanden ist.

Im letzten Absatz seines Artikels teilt Daley mit: "Unser Bericht beleuchtet gemeinsam mit der jüngst gezeigten Zucht von Eizellen und Spermien aus embryonalen Stammzellen ein neues Reich der Möglichkeiten, um die Entwicklung von Keimzellen, epigenetische Programmierung und die Modifikation der Keimbahn zu erforschen." Hier wird die Forschung als Motiv in den Vordergrund gestellt. Der Mensch wird nicht genannt, aber auch nicht ausgeschlossen. Die Herausgeber von "Nature" formulieren in ihrer Ankündigung der Forschungsarbeit deutlicher: "Stammzellen können genetisch modifiziert werden - man kann Gene hinzufügen, löschen oder verändern. Wenn man dieselben Stammzellen zur Erzeugung von Spermien benutzen kann, haben Wissenschaftler ein neues Instrument, um Keimbahntherapien zu studieren." Die Redaktion wird dabei wohl kaum an die Therapie von Mäusen gedacht haben.

Editierung des genetischen Textes

Die Gedanken sind schon lange in der Welt, nun auch die Werkzeuge. Vielleicht wird man in hundert Jahren über diese Keimbahntherapie ganz anders denken als heute, nämlich als ursächlichste aller ursächlichen Therapieformen. Ein Gendefekt wird diagnostiziert, dem Betroffenen geraten, lieber auf eine künstliche Befruchtung zu setzen. Dann werden ihm einige Körperzellen entnommen und durch therapeutisches Klonen in embryonale Stammzellen verwandelt.

Es beginnt die Editierung des genetischen Textes nach dem Rezept der "Nature"-Pressemitteilung. Die genveränderten Stammzellen werden in Spermien verwandelt, ein Spermium in eine Eizelle injiziert, die Eizelle der Mutter implantiert - und für immer ist die defekte Erbanlage aus dem Genpool der Familie verschwunden. Rudi Jänisch, einer der Pioniere der Stammzellbiologie und Verfechter der technischen Erschließung des menschlichen Embryos, liest regelmäßig Aldous Huxley, als ständige Mahnung. Niemand will Menschenfabriken, aber viele eine effizientere Medizin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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