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Blauzüngige Grazien

von REBECCA HAHN
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17. Januar 2021 · Giraffen gehören zu unserem Bild der afrikanischen Savanne wie sonst nur noch Zebras oder Elefantengras. Dabei wurde lange selbst von Wissenschaftlern und Naturschützern übersehen, wie sehr die turmhohen Tiere vom Aussterben bedroht sind. Es fehlt nicht mehr viel und es müssen Zootiere in der Heimat ihrer Vorfahren ausgewildert werden.

Eigentlich sind die Giraffen der „Afrika Savanne“ nicht zu übersehen. Das große Außengelände liegt direkt am Haupteingang des Opel-Zoos nahe Kronberg bei Frankfurt am Main, die Giraffen teilen es sich mit Zebras, Streifengnus und Impalas. Doch Mitte Dezember ist der Boden aufgeweicht vom frühwinterlichen Schmuddelwetter und kein Langhals in Sicht. Die Giraffen-Damen Katharina und Maud bleiben mit ihrem Nachwuchs, den Jungbullen Kiano und Madiba, in ihrer Halle. Die Pfleger wollen nicht riskieren, dass sich eines der Tiere auf der rutschigen Wiese ein Bein bricht.

Derart behütet leben in europäischen Zoos insgesamt etwa neunhundert Giraffen. Anders ergeht es ihren Artgenossen in freier Wildbahn. Dort gab es 2016 noch rund 97.500 Tiere, etwa vierzig Prozent weniger als noch 1985. Lange wurden die Bestände nicht einmal gezählt und Giraffen kaum erforscht. Ausgerechnet über das höchste Landtier hatten Wissenschaftler und Naturschützer jahrzehntelang hinweggesehen. Mittlerweile bildet sich jedoch in den Heimatländern der Giraffe sowie in Zoos und Universitäten auf der ganzen Welt eine starke Lobby, die für den Erhalt der Tierart kämpft.

Zwei, denen die Giraffe am Herzen liegt, sind Jörg Jebram und Anna Lena Burger. Jebram arbeitet seit einem Jahr als Kurator des Opel-Zoos. Er ist den Giraffen in besonderer Weise verbunden, da er das Europäische Zuchtbuch für die Art führt. Darin sind sämtliche Giraffen in allen Zoos der „European Association of Zoos and Aquaria“ (EAZA) aufgeführt. Es wird also vermerkt, wenn eine Giraffe zur Welt kommt, zu einem anderen Zoo transportiert wird oder verstirbt. Anhand des Zuchtbuchs koordiniert die EAZA die Nachzuchten, damit die Giraffen-Population in den europäischen Zoos genetisch gesund bleibt.

Anna Lena Burger erforschte das Schlafverhalten von Giraffen in Zoos und im Freiland und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Frankfurt in der Arbeitsgruppe von Paul Dierkes, der seit 2014 die Opel-Zoo-Stiftungsprofessur Zootierbiologie innehat. Die Biologin stammt aus dem benachbarten Ort Königstein. „Ich bin praktisch hier im Zoo groß geworden“, sagt sie.

Derzeit ist der Zoo in Kronberg wegen des Lockdowns menschenleer. Auf dem kurzen Fußmarsch zur Giraffenhalle hört man nur das Rauschen der Autos auf der nahen Bundesstraße; ab und zu trompetet ein Brillenpinguin, oder eines der Zebras lässt ein kurzes, helles Bellen verlauten. Im Gegensatz zu den Giraffen toben sich die Zebras auch um diese Jahreszeit noch auf der matschigen Wiese aus.

Die Giraffen im Opel-Zoo gehören zu der gefährdeten Unterart der Rothschild-Giraffen, Giraffa camelopardalis ssp. rothschildi, einer von neun Unterarten, die derzeit durch die Weltnaturschutzunion IUCN anerkannt werden. Wilde Rothschild-Giraffen finden sich heute nur noch in Uganda und Kenia. Ursprünglich waren Giraffen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent verbreitet, doch nördlich der Sahara wurden sie wahrscheinlich schon im frühen Mittelalter ausgerottet. Heute leben sie in vereinzelten Gebieten, vorwiegend in den Grassteppen Ost- und Südafrikas. Im 18. Jahrhundert war das Verbreitungsgebiet der Giraffen noch deutlich größer, doch Wilderei und von Haustieren übertragene Krankheiten haben den Tieren zugesetzt. Zudem wird ihr Lebensraum durch Straßenbau und andere Infrastruktur zerstört.


Im Fokus der Naturschützer standen lange Zeit trotzdem andere Tiere als die Giraffe, etwa Löwen und Nashörner. „Man kennt die dramatischen Bilder, wie Nashörner vom Helikopter aus gejagt werden“, sagt Burger. Giraffen würden in der Regel eher im kleineren Stil gewildert. Da sei ein Eingreifen möglicherweise als weniger dringend wahrgenommen worden, meint sie.

Vielleicht ist den Giraffen ihre Größe zum Verhängnis geworden. Auch als ihre Zahl zurückging, habe man sie noch auf fast jeder Safari mit dem Fernglas erspähen können, sagt Jebram. „Erst später fiel dann auf, dass die Bestände offensichtlich dramatisch abgenommen hatten.“

Zusätzlich könnte gerade die Popularität der Tiere lange über ihr Schicksal hinweggetäuscht haben: Die Langhälse sind beliebte Kuscheltiere, die Helden in Kinderfilmen und zieren Kaffeebecher. Forscher nennen das einen „virtuellen Bestand“, und je höher der ist, umso weniger gefährdet wird die Tierart eingeschätzt, legt eine 2018 im Fachjournal Plos Biology erschienene Studie nahe. Es herrsche so eine Omnipräsenz von Giraffen, sagt Burger. „Da kommt man gar nicht auf die Idee, dass sie gefährdet sein könnten.“

Das gilt nicht nur für Naturschützer, auch Wissenschaftler widmeten sich den Giraffen lange nicht. Bis vor wenigen Jahren gab es kaum Forschungsarbeiten zu den Tieren. So ist noch unklar, ob es sich, wie bisher angenommen, nur um eine Art oder nicht doch um mehrere Arten handelt. Bislang wurden die Unterarten vor allem durch äußere Merkmale kategorisiert, etwa wie ihre Felle gefleckt und die Schädel geformt sind oder in welchen Gebieten sie natürlich vorkommen.

Insgesamt Braun in Braun: Fellzeichnung der Nubischen oder Nord-Giraffe Giraffa camelopardalis
Insgesamt Braun in Braun: Fellzeichnung der Nubischen oder Nord-Giraffe Giraffa camelopardalis Foto: Juniors
Insgesamt Braun in Braun: Fellzeichnung der Nubischen oder Nord-Giraffe Giraffa camelopardalis Foto: Juniors
Geradezu fraktal wirkt die Musterung der Massai-Giraffe Giraffa tippelskirchi.
Geradezu fraktal wirkt die Musterung der Massai-Giraffe Giraffa tippelskirchi. Foto: Mauritius
Geradezu fraktal wirkt die Musterung der Massai-Giraffe Giraffa tippelskirchi. Foto: Mauritius
Scharfe Konturen zeichnen die Fellmuster der Netzgiraffe Giraffa reticulata aus.
Scharfe Konturen zeichnen die Fellmuster der Netzgiraffe Giraffa reticulata aus. Foto: Imago
Scharfe Konturen zeichnen die Fellmuster der Netzgiraffe Giraffa reticulata aus. Foto: Imago

Nun geben Genanalysen möglicherweise neuen Aufschluss über die zoologische Systematik der Giraffen: 2016 sammelten Mitarbeiter der Giraffe Conservation Foundation Gewebeproben aller großen Giraffen-Populationen in Afrika, die anschließend am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt untersucht wurden. Mit dem Ergebnis, dass es möglicherweise vier verschiedene Giraffen-Arten gibt, die verschiedene genetische Gruppen bilden. Auch scheinen die unterschiedlichen Arten in geographisch getrennten Gebieten zu leben und sich deshalb in freier Wildbahn nicht miteinander zu paaren, was ebenfalls eine Einteilung in verschiedene Spezies nahelegt. „Es gibt gute Gründe für und gute Gründe gegen eine Einteilung in vier Giraffen-Arten“, sagt Jörg Jebram. Er ist Mitglied in der Giraffen- und Okapi-Spezialistengruppe der IUCN, in der derzeit debattiert wird, ob die taxonomische Einteilung angepasst werden sollte. „Die Einteilung in mehrere Arten kann hilfreich für den Artenschutz sein“, sagt Jebram. Zum Beispiel stufte die IUCN Giraffen insgesamt lange als nicht gefährdet ein, obwohl einzelne Unterarten bereits stark zurückgegangen waren. Die Zahl der Netzgiraffen etwa ist in den vergangenen Jahren um 80 Prozent eingebrochen, während die Bestände der Rothschild-Giraffen um ein Fünftel zunahmen. Nach der vorgeschlagenen Einteilung wäre die Netzgiraffe eine eigene Art, was es leichter gestalten würde, gezielte Schutzmaßnahmen zu fordern.


„Giraffen haben, ähnlich dem menschlichen Fingerabdruck, ein einzigartiges und wiedererkennbares Fellmuster“
ANNA LENA BURGER

Für die Nachzucht in den Zoos spielt die Frage nach der Zahl der Giraffen-Arten keine entscheidende Rolle. „Wir versuchen sowieso, nach Unterarten getrennt zu züchten“, sagt Jebram. Das bisherige Zuchtmanagement in den Zoos sei für beide Klassifizierungen passend und richtig. An Nachwuchs mangelt es den Zoos nicht. Es habe sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan, was die Haltung, medizinische Versorgung und Ernährung der Tiere anbelangt, sagt Jebram. So hätten sich die Zoos zum Beispiel auf die speziellen Futterbedürfnisse der Giraffen eingestellt. Giraffen zählen wie Kühe zu den Wiederkäuern. Ihre Mägen sind allerdings nicht darauf ausgelegt, große Mengen an Gras zu verdauen. Sie bevorzugen Blätter und junge Baumtriebe, davon kann ein erwachsenes Tier bis zu siebzig Kilogramm am Tag vertilgen. Ihre Leibspeise sind die Blätter des Akazienbaums. Weil dieser in Mitteleuropa nicht heimisch ist, behelfen sich die Zoos mit Akazien-Pellets. Ein guter Ersatz können auch Luzernen sein. Die Kleepflanze wird entweder zu Pellets gepresst oder getrocknet als Heu serviert.

Der „virtuelle Bestand“ der Tiere bleibt erhalten. In der mobilen Google-Suche lassen sich Wildtiere in 3D auf dem Smartphone betrachten . Die Netzgiraffe Giraffa reticulata befindet sich auch in Googles Repertoire in bewegbarer 360° Ansicht. AR-Grafik: Google

„In der Natur ist das Bewegungsverhalten der Giraffen in erster Linie davon abhängig, wo sie Nahrung und Wasser finden“, sagt Jebram. In der etwa turnhallengroßen Giraffen-Halle im Opel-Zoo hängen deshalb an verschiedenen Stellen Futternetze mit Luzernen-Heu. Das soll die Tiere animieren, auch im Zoo von Futterplatz zu Futterplatz zu ziehen und nicht der Bequemlichkeit zu verfallen. An einem Baumstamm in der Mitte der Halle baumelt außerdem ein Plastikkanister mit Löchern, aus denen die Giraffen Futter herausangeln können. Dabei setzen sie geschickt ihre Zunge ein, die bis zu einem halben Meter lang werden kann. „Die Zunge der Giraffen hat insbesondere bei der Nahrungsaufnahme eine ähnliche Funktion wie die Hände beim Menschen“, sagt Jebram. In freier Wildbahn ziehen die Giraffen mit ihrer Zunge die Blätter von den Zweigen des Akazienbaums ab. Eine dicke Hornschicht schützt dabei vor Dornen. Diese sorgt wohl auch für die blauschwarze Farbe. Eine andere Theorie besagt, dass diese dunkle Färbung die Giraffenzunge vor Sonnenbrand bewahren soll.


„Die Zunge der Giraffen hat insbesondere bei der Nahrungsaufnahme eine ähnliche Funktion wie die Hände beim Menschen“
JÖRG JEBRAM

Am späten Nachmittag wird den Giraffen im Opel-Zoo ihr Abendbrot serviert. Damit jedes Tier seine Portion bekommt, werden die vier in Boxen getrennt gefüttert. Nur die beiden Jungbullen teilen sich einen Futterplatz. Sind alle satt, öffnet Tierpfleger Marcel Zecha die Boxen, damit die Tiere wieder in die Halle können. Sofort gesellen sich Kiano und Madiba zu Katharina.

Die beiden Giraffenkühe lassen sich gut auseinanderhalten: Katharina ist größer und eher dunkel, während das Fell der zierlichen Maud eine hellere Farbe hat. Die Grundfarbe des Giraffenfells ist hellbraun. Die dunkelbraunen Flecken, die sich davon absetzen, können mit dem Alter nachdunkeln. „Giraffen haben, ähnlich dem menschlichen Fingerabdruck, ein einzigartiges und wiedererkennbares Fellmuster“, sagt Anna Lena Burger. So sei es möglich, eine Giraffe auch über Jahre hinweg im Freiland mit bloßem Auge zu identifizieren. Einige Merkmale des Fleckenmusters scheinen Giraffen an ihre Kälber zu vererben, fanden Forscher der Pennsylvania State University 2018 heraus. Die für die Studie untersuchten Kälber ähnelten ihren Müttern zum Beispiel darin, wie kreisförmig ihre Flecken und wie klar deren Ränder waren.

Katharina hat mittlerweile die Menschen hinter der Scheibe im Giraffenhaus entdeckt und kommt dicht heranspaziert, um ihre Besucher unter langen Wimpern hervor zu mustern. Die beiden Jungtiere staksen ihr hinterher. „Katharina ist die Leitkuh“, erzählt Zecha. „Sie ist sehr neugierig.“

Auf Schlafplatzsuche: Giraffa giraffa in Namibia
Auf Schlafplatzsuche: Giraffa giraffa in Namibia Foto: Anna Lena Burger

Im Freiland leben Giraffen in einer sogenannten „fission-fusion society“. Einen deutschen Begriff dafür gibt es nicht, Jebram übersetzt ihn scherzhaft mit „Mal-so-mal-so-System“. Alte Giraffenbullen sind häufig allein unterwegs. Die Giraffenkühe hingegen leben mit ihrem Nachwuchs in Herden, in denen sich mal nur wenige, mal bis zu fünfzig Tiere zusammenschließen. Und jüngere Männchen bilden oft Junggesellengruppen.

Gemeinsam ziehen die Giraffen auf der Suche nach geeigneten Futter- und Schlafplätzen umher. „Es ist ein sehr flexibles System“, sagt Anna Lena Burger. Ihre Forschungen haben gezeigt, dass Giraffen davon profitieren, nicht allein unterwegs zu sein. So kann zum Beispiel nachts stets ein Teil der Herde über die anderen Giraffen wachen. „Giraffen schlafen sehr wenig“, sagt Burger. Die nächtliche Ruhephase dauere maximal drei bis vier Stunden, wobei die eigentlichen Schlafphasen nur wenige Minuten anhielten. Die Ruhephasen am Tage wechselten sich zyklisch mit Phasen der Nahrungsaufnahme ab.

Man kann leicht erkennen, wenn sich eine Giraffe in der sogenannten REM-Schlafphase befindet, in der die Muskulatur erschlafft. „Die Giraffen nehmen deshalb eine ganz spezielle Körperposition ein“, sagt Burger. Die Tiere liegen auf dem Boden und beugen ihren langen Hals nach hinten, bis ihr Kopf auf ihrem unteren Rücken ruht, sie benutzen sozusagen ihr Hinterteil als Kopfkissen. In dieser Position wirken sie leicht angreifbar, doch die Giraffen scheinen eine Art Wächtersystem entwickelt zu haben: „Weder im Zoo noch im Freiland waren jemals alle Tiere gleichzeitig in der REM-Phase zu sehen“, sagt Burger. Einige Tiere seien immer wach und könnten so auf den Rest der Herde aufpassen.

In den Zoos setzen sich die Giraffen-Gruppen in der Regel aus einem Bullen und mehreren Kühen zusammen. Diese Kombination sei unproblematisch, sagt Jebram. Zwei Bullen mit Kühen zu halten gehe in der Regel nicht. „Spätestens ab der Geschlechtsreife kommt es dann zu Rangeleien“, sagt Jebram. Im Opel-Zoo gibt es, seit Giraffenbulle Gregor im Herbst 2019 starb, keinen Zuchtbullen. Jebram hofft aber, dass bald wieder ein Giraffenbulle zur Herde dazustoßen kann. „Die Zucht bietet den Tieren so eine Menge an Verhaltensspektren, dass ich ungern darauf verzichten würde“, sagt er. Eine Herausforderung sei jedoch manchmal, ein geeignetes Zuhause für den Nachwuchs zu finden. Bei einer so großen Tierart muss erst ein Zoo ausfindig gemacht werden, der noch Kapazitäten hat, um eine weitere Giraffe aufzunehmen. Bei männlichen Tieren muss Jebram zudem anhand des Zuchtbuchs feststellen, ob das jeweilige Tier auch nicht mit der Herde des neuen Zoos verwandt ist, um Inzucht zu vermeiden.

Dr. Anna Lena Burger mit Giraffe Gregor im Opel-Zoo
Dr. Anna Lena Burger mit Giraffe Gregor im Opel-Zoo Foto: Anna Lena Burger

Auch Madiba und Kiano werden nicht ewig im Opel-Zoo bleiben. Die beiden Jungbullen wurden im Mai und im September 2019 geboren, in einigen Monaten sind sie geschlechtsreif. „In der Regel zeigen Giraffen im Alter von zwei Jahren erstes Interesse am anderen Geschlecht“, sagt Jebram. Sobald sie eigenen Nachwuchs zeugen können, werden sie an andere Zoos abgegeben, damit sie dort zur Erhaltung ihrer Art beitragen können.

Denn sollte sich die Zahl der wilden Giraffen nicht stabilisieren, könnte es eines Tages notwendig werden, Zoo-Giraffen wieder auszuwildern. „Ich würde erwarten, dass das funktioniert“, sagt Jebram. Bei anderen Tierarten seien Auswilderungen bereits gelungen. Addax-Antilopen zum Beispiel hätten nach ihrer Freilassung in Marokko sofort wieder eine normale Fluchtdistanz zum Menschen eingenommen und sich wie ihre im Freiland geborenen Artgenossen verhalten.

Jebram wäre es am liebsten, wenn es erst gar nicht so weit kommt: „Ich würde mich mehr freuen, wenn wir es vorher schaffen, die Bestände in Afrika zu stabilisieren.“ Deshalb informiert er die Zoos, die am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Giraffen teilnehmen, regelmäßig über unterstützenswerte Projekte, die sich in den Heimatländern der Giraffe für deren Schutz einsetzen. Große Erfolge verzeichnet etwa ein Projekt im Niger. Die dort vorkommenden Westafrikanischen Giraffen (Giraffa camelopardalis ssp. peralta) waren Mitte der neunziger Jahre auf eine winzige Population von knapp fünfzig Tieren geschrumpft. Artenschützer begannen daraufhin, die Menschen vor Ort über die Bedeutung der Giraffen zu informieren. Und gleichzeitig unterstützten sie die Bevölkerung mit Mikrokrediten und verschafften Dorfbewohnern Zugang zu Trinkwasser. „Die Bevölkerung muss immer miteinbezogen werden“, sagt Jörg Jebram. Aber von Aufklärung allein werde eben niemand satt. Deshalb müsse man auch dafür sorgen, dass es in den Verbreitungsgebieten der Giraffen auch den Menschen gutgehe. Im Niger verbesserte sich die Lebenssituation der Dorfbewohner, die Wilderei ging zurück. Mittlerweile ist die Population der Westafrikanischen Giraffen wieder auf vierhundert Tiere angewachsen.

In vielen Regionen Afrikas werden die Giraffen zu Schutzzwecken seit einiger Zeit auch regelmäßig gezählt. Der Zensus ermöglicht es Artenschützern, die Populationsentwicklung im Blick zu behalten. Zum Teil werden auch Gruppen von Giraffen gezielt umgesiedelt, um ihr Verbreitungsgebiet wieder zu erweitern. Noch immer muss viel dafür getan werden, damit die grazilen Tiere auch in Zukunft durch die originale afrikanische Savanne stolzieren. Doch immerhin: Die Zeiten, in denen die Giraffen einfach übersehen wurden, sind vorbei.


Nächstes Kapitel:

Das lange Wunderwerk


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Das lange Wunderwerk

von REBECCA HAHN
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Die Vorderbeine weit gespreizt, den langen Hals hinabgebeugt – kein anderes Tier am Wasserloch muss sich derart verrenken wie die Giraffe. Ein Giraffenbulle beugt sich für ein paar Schlucke teils aus bis zu sechs Metern hinab. Kreislaufprobleme müssen die Tiere aber nicht fürchten, ihr Organismus ist perfekt an die Länge angepasst.

Mehr als zwei Meter misst der Hals einer Giraffe, und auch ihr Herz-Kreislauf-System leistet Rekordverdächtiges, immerhin müssen rund 60 Liter Blut pro Minute vom Herzen durch den Körper gepumpt werden, und das teils steil nach oben: So hat die Giraffe den höchsten Blutdruck aller Säugetiere, an herznahen Arterien werden fast dreimal höhere Werte als beim Menschen gemessen. Senkt die Giraffe ihren Kopf, fängt ein Netz aus verzweigten und elastischen Adern vor dem Gehirn das Blut auf, wie ein Schwamm, damit der Blutdruck im Kopf nicht zu groß wird. Zusätzlich sind die Arterien mit Rückflussventilen ausgestattet, die verhindern, dass zu viel oder zu wenig Blut Richtung Hirn gelangt.

Hals und Kopf der Giraffe können zusammen bis zu 250 Kilogramm wiegen und werden von einer einzigen dicken Sehne gehalten, die vom Hinterkopf bis zum Steißbein reicht. Am entspanntesten hält die Giraffe ihren Hals in einem Winkel von ungefähr 55 Grad. Erst beim Hinabbeugen des Kopfs muss zusätzliche Muskelkraft aufgewendet werden.

Der Knochenbau des Giraffenhalses ähnelt dem der meisten Säuger, wie auch Menschen oder Mäuse haben Giraffen sieben Halswirbel. Allerdings hat jeder einzelne etwa die Länge eines menschlichen Oberarms. Wahrscheinlich verlängerten sich die Wirbel im Verlauf der Evolution in zwei Schüben, wie eine 2015 veröffentlichte Studie der Royal Society zeigte. Die Forscher verglichen die Knochen moderner Giraffen mit denen verwandter, ausgestorbener Arten. Dabei zeigte sich, dass sich die Halswirbel erst gen Kopf verlängerten und in einem zweiten Schub in Richtung Schwanz. Schon die gemeinsamen Vorfahren der Giraffe und des Okapis (Okapi johnstoni), das ebenfalls zur Familie der Giraffenartigen zählt, hatten wohl längere Hälse. Bei den Ahnen des Okapis verkürzte er sich wieder, bei den Giraffen wuchs er weiter.

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2016 entschlüsselten Forscher das Genom der Giraffe und des Okapis. Wie die Forscher in Nature Communications zeigten, entdeckten sie siebzig Gene, die verantwortlich für charakteristische Anpassungen der Giraffen sein könnten. Mehr als die Hälfte dieser Gene spielt bei der Entwicklung des Skeletts, des Herz-Kreislauf- und des Nervensystems eine Rolle - genau jene Bereiche also, die wohl auch an der Entstehung des langen Halses und der langen Beine beteiligt waren.

Immer wieder wird spekuliert, welchen Vorteil Giraffen aus ihren langen Gliedmaßen ziehen. Ein Grund scheint auf der Hand zu liegen: Die Tiere erreichen damit auch hochgelegene Futterquellen wie die Zweige der Akazien. Schon der französische Botaniker und Zoologe Jean-Baptiste de Lamarck nahm Anfang des 19. Jahrhunderts an, dass sich Giraffen mit ihren Hälsen nach den Baumkronen recken. Und auch Charles Darwin ging davon aus, dass ihr langer Hals den Giraffen Vorteile bei der Ernährung verschafft.

„Giraffen besetzen eine ökologische Nische, die andere pflanzenfressende Tiere sich nicht erschließen können“, sagt Jörg Jebram, der das Europäische Zuchtprogramm für Giraffen koordiniert. Man könne immer wieder beobachten, wie sich etwa Antilopen auf die Hinterbeine stellen, um an höher gelegene Zweige heranzukommen: „Trotzdem sind vier Fünftel des Baums für sie nicht zu erreichen.“ Bei ihren Forschungen zu Giraffen in Namibia und Südafrika habe sie an den Bäumen ganz klare Fraßkanten sehen können, sagt die Biologin Anna Lena Burger. „Man kann daran gut ermitteln, wie hoch die höchsten Giraffen im jeweiligen Gebiet sind.“ Nicht einmal Elefanten könnten mit ihrem Rüssel so weit nach oben reichen.

Immer wieder werden Giraffen aber dabei beobachtet, wie sie mit dem Hals in horizontaler Position von niedrigeren Bäumen und Sträuchern fressen. Dieses Fressverhalten wurde auch in der Trockenzeit beobachtet, wenn die Konkurrenz durch andere, kleiner geratene Tierarten eigentlich besonders groß ist. Deshalb wird angezweifelt, dass der Vorteil bei der Futtersuche der einzige Sinn des langen Halses ist.

Vermutet wurde auch, dass er der Giraffe dabei hilft, Feinde wie Löwen und Hyänen früh zu erspähen und sich in Sicherheit zu bringen. Auch wenn sie sich im Notfall durchaus mit ein paar kräftigen Huftritten zu wehren wissen, wenn möglich, ergreifen Giraffen lieber die Flucht. Es ist jedoch ebenso unwahrscheinlich, dass der Fluchtvorteil der Hauptgrund für die Entwicklung des Giraffenhalses ist. Dann hätte sich dieses Körpermerkmal nämlich auch bei anderen Tieren durchsetzen müssen.

Tatsächlich taugt Giraffenbullen ihr Hals auch als Waffe, wenn sie um Weibchen kämpfen. Dabei schleudern sie ihre Hälse gegeneinander, wobei der Kampf meist zugunsten des Kandidaten mit dem längeren – und schwereren – Hals ausgeht. Im Jahr 2017 untersuchten Zoologen im Journal of Arid Environments außerdem, ob die Hautoberfläche der Giraffe durch den langen Hals und die langen Beine im Verhältnis zu ihrer Masse besonders groß ist. Dann kämen sie besser mit der Hitze Afrikas zurecht, denn sie könnten mehr Schweiß verdunsten. Dem war nicht so, dennoch könnte die schlanke Silhouette in ihrer Heimat nützlich sein: Die Tiere sind sehr schmal und bieten weniger Angriffsfläche, wenn sie sich frontal zur Sonne stellen.

Der lange Hals scheint den Giraffen also mehr als nur einen Vorteil zu bieten. Ausgenommen natürlich beim Trinken. Allerdings decken sie ihren Flüssigkeitsbedarf zu großen Teilen durch ihre Pflanzennahrung. Notfalls kommt eine Giraffe auch mehrere Tage ohne Verrenkungen am Wasserloch aus.


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17.01.2021
Quelle: F.A.S.