Goldfische

Wasserballett in Orange und Weiß

Von Sonja Kastilan
Aktualisiert am 09.11.2020
 - 15:45
Der Blick in einen Goldfischteich ist für die meisten Menschen einfach nur entspannend, Experten können jedoch Hunderte von Zuchtformen unterscheiden. zur Bildergalerie
Einst waren sie dem Kaiser vorbehalten, heute sind Goldfische beliebte Farbtupfer im Gartenteich. Und ihre Kulturgeschichte begeistert sowohl Historiker als auch Genetiker.

Was kleine, manchmal auch große Wünsche erfüllen sollte, brachte ihnen den Tod in Washington D.C.: Goldfische waren die Schmuckstücke der Brunnen am Regierungssitz. Aber mit jedem Penny, den irgendjemand als Glücksbringer ins Wasser warf, gelangte mehr Kupfer ins Becken – und das vergiftete, was in den Anfängen des 20. Jahrhunderts die amerikanische Öffentlichkeit erfreuen sollte. Niemand betrachtete die Exoten damals als Bedrohung für einheimische Arten, heute bevölkern sie zahlreiche Flüsse und Seen fern ihrer Heimat in Asien. Und während sie mit einhundert Chromosomen den Genetikern nach wie vor allerhand Kopfzerbrechen bereiten, wie sich jetzt in den „Proceedings“ der der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) nachlesen lässt, feiern es mancherorts Naturschützer, wenn Reiher oder Pelikane hungrig über die orange-weiße Plage eines Süßgewässers herfallen: Die jahrtausendealte Kulturgeschichte von Carassius auratus kennt schrecklich schöne Anekdoten und ist nicht ohne Widersprüche.

Dass eine amerikanische Behörde einst lebende Goldfische als Werbegeschenke verteilte, anstelle vielleicht von Crackern, scheint inzwischen genauso abwegig wie die Vorstellung, sie irgendwann im Klo hinunterzuspülen, um die stillen Haustiere wieder loszuwerden. Nachvollziehbarer ist hingegen, dass Forscher Mitte der sechziger Jahre gezielt Bourbon beziehungsweise Ethanol in ihre Versuchsbecken kippten, um zu untersuchen, ob Whiskey oder Wodka für den Menschen und seine Fahrtauglichkeit gefährlicher ist. Warum Goldfische dabei erstaunlich hohe Werte Blutalkohol verkraften, sie das sogar harsche Winter überleben lässt, wurde jedoch erst später verstanden. Auch was beispielsweise mit ihnen passiert, wenn man neugierig ans Glas klopft, denn sie sind keineswegs stumm oder taub. Außerdem omnivor und ziemlich vermehrungsfreudig.

Der Mensch züchtete, wie es ihm gefiel

Als Labortier hat Carassius auratus noch lange nicht ausgedient, und die nun aktuell in „PNAS“ veröffentlichte Analyse zu Ursprung und Zucht lässt molekularbiologisch tief in den Wassertank blicken, liefert zugleich eine Erklärung, wie diese Karpfenart überhaupt so variantenreich werden konnte. Einem chinesischen Forschungsteam ist es dabei mit Hilfe eines zweiten, genaueren Goldfisch-Genoms als das 2019 veröffentlichte gelungen, der Geschichte, die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung mit der Sichtung roter oder goldgelber Varianten im Jangtse begann, mehr Details hinzuzufügen. Bevor der Mensch sich ans Werk machte, um über Jahrtausende zu züchten, was ihm besonders gut im Teich oder in einer Schale gefiel, möglicherweise auch nur von oben betrachtet, legten natürliche Prozesse dafür eine Grundlage, die Forscher als „whole genome duplication“ bezeichnen: Das Erbgut verdoppelte sich, und zwar nicht nur einmal im Verlauf der Fischevolution. Und Goldfische profitieren offenbar auf spezielle Weise von einer weiteren Dopplung, die ihre Vorfahren erlebt haben müssen, bevor sich ihre Linie von der des gewöhnlichen Karpfens trennte. Infolge einer lange zurückliegenden Kreuzung umfassen Goldfische nun insgesamt einhundert, teils kurze Chromosomen, die Evolutionsbiologen oft genug die Nerven rauben. Es ist ein gewaltiges genetisches Vermächtnis, das es den Züchtern erlaubte, eine bunte Vielfalt zu produzieren, die oft nur noch optische Zwecke zu erfüllen hatte.

Aus wilden, eher unscheinbaren Vertretern der Gattung Carassius, die bis heute als Speisefische begehrt sind und deshalb unter anderem in Aquafarmen gehalten werden, sind Zierformen entstanden, die mitunter eher in ein Horrorkabinett passen als ins Kinderzimmer: Im Wasser tummeln sich da Fische mit eiförmigen Körpern, fehlenden Flossen, überdimensionierten Schleierschwänzen, funkelnden Schuppen, auffälligen Farbmustern, monströsen Köpfen oder herausquellenden Augen, deren Gestalt kaum noch ihrer Verwandtschaft in schlichtem Silbergrau oder Oliv ähnelt. Im Vergleich zu solchen Karauschen untersuchten die chinesischen Genetiker 185 Zuchtformen von C. auratus, die in sieben Cluster von drei Subpopulationen fielen: die des gewöhnlichen Goldfischs, der eiförmigen sowie der Wen-Gruppe; Letztere ist für himbeerartige Wucherungen am Kopf bekannt.

Was diese eigentümliche Krone mit „Ranchu“, dem König der Goldfische, oder etwa mit „Oranda“, der Blume des Wassers, zu tun hat, liest man am besten bei Anna Marie Roos nach. Die Historikerin hat an der University of Lincoln einen Lehrstuhl für Wissenschafts- und Medizingeschichte inne und veröffentlichte 2019 eine Art Hommage an den Goldfisch, erschienen mit 208 Seiten im Verlag Reaktion Books, London. Darin schildert Roos kenntnisreich, wie gelborangerote Fische, deren Haltung zur Zeit der chinesischen Song-Dynastie ein Privileg der kaiserlichen Familie gewesen ist, die ganze Welt erobern konnten. Sie vollzogen im Lauf der Jahrhunderte auch einen Wandel vom Nahrungsmittel zum religiösen Werkzeug und gelten in Asien bis heute als Glücksbringer, als Symbole der Fruchtbarkeit.

Britische Lords fanden früh Gefallen an dieser besonderen Gartenzier aus China

Aufgrund von historischen Aufzeichnungen sowie aktuellen Genanalysen wird ihr Ursprung im südlichen China vermutet, und das charakteristische Orange findet sich schon auf kostbaren Porzellangefäßen oder Seidenkimonos wieder, lange bevor europäische Künstler wie Gustav Klimt oder Henri Matisse sich für die schillernden Lebewesen begeistern konnten. Was die Goldfischkultur in Japan von der in China unterscheidet, erklärt Roos anschaulich, denn Fangspiele haben Tradition, und sie lässt in ihrer Schilderung auch nicht die seit 1579 bekannten transparenten Formen oder die amerikanische Züchtung des „Kometen“ aus. Oder wie es dazu kam, dass Goldfische, um deren Zucht sich zunächst buddhistische Mönche bemühten, zur Massenware verkamen und in den Vereinigten Staaten sogar als Köder dienten; offiziell hatte man die exotische Fracht erst 1878 aus Japan importiert.

Mit portugiesischen Seefahrern gelangten die ersten Exemplare Anfang des 17. Jahrhunderts von Macau aus ins alte Europa, doch Carl von Linné (1707–1778) musste sich im schwedischen Uppsala lange Jahre gedulden, bevor er die Karpfenverwandtschaft anhand lebender Fische bestimmen konnte. Einer seiner ehemaligen Schüler schickte sie ihm um 1759 aus London, damals schmückten sie schon Brunnen und Teiche zahlreicher herrschaftlicher Güter, denn britische Lords und niederländische Sammler fanden Gefallen an der exotischen Gartenzier und machten chinesische Goldfische populär.

Anna Marie Roos beendet ihr Buch nicht nur mit der üblichen Danksagung, sondern wartet außerdem mit einer Entschuldigung auf – gerichtet an Speedy, ihren ersten Goldfisch. Als neugieriges Kind hatte sie seine Schuppen berührt, die ihr ungewöhnlich rauh vorkamen, also schüttete sie Handcreme ins Wasser.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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