Goldschakale

Wilde Hunde auf der Balkan-Route

Von Rebecca Hahn
18.01.2021
, 12:09
Auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Indien und Südasien beheimatet, breitet sich der Goldschakal nach Mitteleuropa aus. Auch weil es hierzulande offenbar nicht mehr so kalt wird.

Im Wurzacher Ried im Kreis Ravensburg fühlt sich der Goldschakal offenbar schon heimisch. Im Mai 2020 gelang es einem Ornithologen erstmals, das Tier zu fotografieren. Seitdem läuft der Schakal bei seinen Streifzügen durch das Moorgebiet immer wieder vor die eigens für ihn aufgestellten Fotofallen. Auch im Nationalpark Hainich in Thüringen und im Landkreis Vogelsberg in Hessen wurden einzelne Goldschakale über längere Zeiträume hinweg immer wieder gesichtet. Dabei ist Canis aureus eigentlich in wärmeren Gefilden beheimatet: auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Indien und Südasien. Nun breitet sich das scheue Raubtier jedoch immer weiter nach Norden aus. Über die genauen Gründe können Ökologen bisher nur Vermutungen aufstellen.

„Deutschland ist eines der Länder, die aktuell an der Front des Ausbreitungsgeschehens zu stehen scheinen“, sagt Jörg Tillmann vom DBU Naturerbe, einer gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Seit 1997 habe es dreißig eindeutige Nachweise von Goldschakalen in Deutschland gegeben, neun davon allein im vergangenen Jahr. Wie viele der Wildhunde aktuell in Deutschland leben oder auf der Durchreise sind, lässt sich nicht genau sagen. Die Zahl der Goldschakale in Europa insgesamt wird auf 70.000 bis 117.000 Tiere geschätzt.

Zwischen Wolf und Fuchs

Für Laien ist der Goldschakal auf den ersten Blick nicht leicht als solcher zu erkennen. Mit einer Schulterhöhe von 44 bis 50 Zentimetern wird er etwas größer als ein Fuchs. Seine Rute ist im Vergleich zum Körper jedoch deutlich kürzer. Charakteristisch für den Goldschakal ist außerdem das namengebende gelblich-graue Fell. Damit erinnert er mitunter sogar an einen Wolf, auch wenn er längst nicht an dessen Körpermaße heranreicht.

In den 1960er Jahren wurden auf dem Balkan sowohl der Goldschakal als auch der Wolf gezielt verfolgt und mit Giftködern getötet. Außerdem verlor er in Süd- und Osteuropa weite Teile seines Lebensraums, unter anderem infolge der immer intensiveren Landnutzung durch den Menschen. In großen Gebieten war er daraufhin ganz ausgestorben. Erst durch Schutzmaßnahmen und ein Verbot von Giftködern erholte sich die Population wieder. „Mittlerweile geht es dem Goldschakal in den Balkan-Staaten wieder sehr gut“, sagt Tillmann. „Diese Populationserholung ist wahrscheinlich ein Hauptgrund dafür, dass sich der Goldschakal weiter ausbreiten kann.“

Schnee mag er nicht, aber den gibt es hier ja immer weniger

Auch der zeitweilige Rückgang des Wolfs könnte dazu beigetragen haben, dass der Goldschakal in neue Gebiete vordringen konnte. „Dadurch, dass der Wolf in manchen Gebieten ausgerottet war, ist Platz für kleinere Beutegreifer entstanden“, sagt die Wildtierökologin Jennifer Hatlauf, die an der Universität für Bodenkultur Wien ein Forschungsprojekt zu Goldschakalen leitet. Jetzt, da sich beide Arten vermehrt ausbreiten, sei es interessant zu beobachten, wie sich Wolf und Goldschakal in Zukunft ihren Lebensraum teilen werden. „In Kerngebieten von Wolfsrudeln werden sich kaum Goldschakale ansiedeln“, sagt Hatlauf. „In Randgebieten kann aber durchaus eine gemeinsame Nutzung des Lebensraums vorkommen.“

Viele Ökologen sehen auch in der Klimaerwärmung einen Faktor für die Ausbreitung der Tierart. Der Wildhund meidet normalerweise Regionen, die im Winter mit einer hohen Schneedecke bedeckt sind. „Der Goldschakal bevorzugt schneearme Winter und warme Sommer“, sagt Jörg Tillmann. Insofern profitiere er durchaus vom Klimawandel. In den letzten Jahren hätten außerdem zeitweilige Überflutungen und Dürren auf dem Balkan Wanderbewegungen ausgelöst. Andere Forscher sehen das skeptisch. „Der Goldschakal wurde auch schon in Skandinavien nachgewiesen. Das zeigt, dass er genauso gut unter extremen Bedingungen existieren kann“, sagt Felix Böcker von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Eher vorstellbar sei, dass grundsätzliche Veränderungen in der Nutzung der Kulturlandschaft zu einer Ausbreitung des Goldschakals beitragen.

Die aktuelle Ausbreitungsdynamik spreche jedenfalls dafür, dass der Goldschakal sich in einigen Regionen Deutschlands inzwischen heimisch fühle, sagt Jörg Tillmann: „Dementsprechend ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Reproduktionsnachweis für Deutschland erbracht wird.“ Sobald nachgewiesen werde, dass Goldschakale in Deutschland ihre Jungen großziehen, empfehle sich ein gezieltes Monitoring der Population. Es sei zum Beispiel sinnvoll, erste sesshafte Tiere direkt mit Sendern zu versehen, um zu untersuchen, in welchem Gebiet sie sich bewegen.

„Wir wissen bisher nur wenig über den Goldschakal“, sagt Böcker. Die Forscher können deshalb auch nur Vermutungen anstellen, welche Folgen ein Anstieg der Goldschakal-Dichte in Deutschland mit sich bringen könnte. Untersuchungen in Bulgarien haben gezeigt, dass in Gebieten mit Goldschakalen die Zahl der Füchse leicht abnimmt. „Ein einzelner Goldschakal wird darauf keinen Einfluss haben“, sagt Böcker. Im Moment könne man nur spekulieren, wie groß der tatsächliche Einfluss dieser Tierart auf das Ökosystem in Zukunft sein werde.

Noch fehlt der Nachweis, dass er sich hier fortpflanzt

Anders als beim Wolf gebe es für den Goldschakal in Deutschland noch keinen genetischen Stammbaum, sagt Böcker. „Wir wissen zum Beispiel nicht, wo der Schakal in Ravensburg herkam.“ Anhand einer Kotprobe konnte Böcker immerhin das Geschlecht des Tiers herausfinden. Mit dem bloßen Auge sei der Kot von Goldschakalen und Füchsen kaum zu unterscheiden, sagt Böcker. Deshalb war er mit einer speziell ausgebildeten Hündin unterwegs, die darauf trainiert ist, die Losung von Wölfen, Goldschakalen und Luchsen zu erkennen. Eine genetische Untersuchung der Kotprobe zeigte, dass es sich bei dem Goldschakal in Ravensburg um einen Rüden handelte.

Die Arbeit mit Spürhunden ist noch eine eher neue Methode, um mehr über Goldschakale zu lernen. Wichtig sind für die Forscher darüber hinaus vor allem Fotofallenbilder und Hinweise aus der Bevölkerung. „Jäger und Jägerinnen zum Beispiel, die viel draußen sind und dabei auf Hinweise stoßen, können sich bei uns melden“, sagt Böcker. Auch Tillmann hofft darauf, den Goldschakal in Deutschland noch bekannter zu machen, damit er von Menschen, die viel in der Natur unterwegs sind, erkannt wird. Später könne der Goldschakal dann beispielsweise im Rahmen des Wolfs-Monitorings mitüberwacht werden.

Es sei sehr spannend, die Diskussionen zu verfolgen, ob der Goldschakal Platz in unserer Kulturlandschaft habe, sagt Jennifer Hatlauf. Dass seine Ausbreitung in der Öffentlichkeit ähnlich kritisch aufgenommen werden könnte wie bei seinem großen Verwandten, sieht die Schakal-Forscherin bisher nicht – unter anderem, weil der Goldschakal nur etwa ein Drittel so groß wie der Wolf sei. Und auch wenn im Sommer ein Goldschakal in Nordrhein-Westfalen durch Schafsrisse für Schlagzeilen sorgte, größere Übergriffe wie beim Wolf seien nicht zu befürchten, versichert Jörg Tillmann. Auch an größere Nutztiere traue sich der Goldschakal mit seinen maximal fünfzehn Kilogramm Körpergewicht nicht heran.

Ökologen wird die Art trotzdem noch eine Weile beschäftigen: „Beim Goldschakal ist es gerade eine der wenigen Situationen, in denen der Mensch mitbekommt, wie eine Tierart sich weiter ausbreitet und an Veränderungen anpasst“, sagt Felix Böcker. Auch wenn Goldschakale bisher noch nicht in Deutschland vorgekommen seien, mit einer durch den Menschen eingeführten Art wie dem Waschbären dürfe er nicht verwechselt werden. Der Goldschakal breitet sich auf natürlichem Wege aus. Umso interessanter die Frage, wo er sich hierzulande dauerhaft niederlassen wird.

Auf www.goldschakal.eu können für einige europäische Länder, darunter Deutschland und Österreich, Sichtungen von Goldschakalen gemeldet werden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hahn, Rebecca
Rebecca Hahn
Freie Autorin in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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