Bedrohte Haie

Die Gesundheitspolizei der Meere ist in Gefahr

Von Charlotte Wolff
26.03.2021
, 12:11
In den vergangenen fünfzig Jahren ist der Bestand an Haien und Rochen dramatisch geschrumpft. Hauptursache ist die Überfischung der Weltmeere.

Haie und Rochen zählen zu den am stärksten bedrohten Meeresbewohnern. Ihre Bestände in den Ozeanen sind laut einer Studie einer internationalen Gruppe von Biologen in den vergangenen fünfzig Jahren um mehr als 70 Prozent gesunken. Das sei mehr als bei jeder anderen Art, schreiben die Wissenschaftler um Nathan Pacoureau von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby in der Zeitschrift „Nature“.

Die Hauptursache für diese erschreckende Bilanz sehen die Biologen in der seit 1970 massiv gestiegenen Hochseefischerei und der daraus folgenden Überfischung der Ozeane. Die Anzahl der gefangenen Haie und Rochen habe sich laut der Studie um das 18-Fache erhöht. Haie und Rochen werden vor allem wegen ihres Fleischs, ihrer Finnen und Kiemenplatten sowie des Leberöls gejagt.

Die Wissenschaftler um Pacoureau analysierten zahlreiche regionale Daten und schätzten darauf basierend die Entwicklung der Populationen von 18 Hai- und Rochenarten zwischen 1970 und 2018 ab. Zudem untersuchten sie das Risiko des Aussterbens für alle 31 bekannten Spezies. Danach sind mehr als drei Viertel aller im Meer lebenden Arten von Haien und Rochen mittlerweile vom Aussterben bedroht. Am stärksten gefährdet sei der Weißspitzen-Hochseehai, der Bogenstirn-Hammerhai und der Große Hammerhai.

Der Bestand schrumpft drastisch

Obwohl tropische Haie und Rochen als widerstandsfähiger gelten als ihre Artgenossen der gemäßigten Zonen, ging ihre Zahl stärker zurück. Die Hauptursache sei der langsame Generationszyklus der tropischen Meeresbewohner. Die Bestände hätten weniger Zeit, sich zu erholen. So ging im Südwest-Indischen Ozean beispielsweise der Bestand an Teufelsrochen innerhalb der vergangenen 15 Jahre um 85 Prozent zurück.

Es gibt nach Ansicht von Pacoureau und seinen Kollegen auch einige Lichtblicke. So zeigen sowohl der Weiße Hai als auch der Heringshai Zeichen eines Populationsaufbaus seit Anfang der 2000er Jahre. Allerdings musste der Weiße Hai zuvor auch einen starken Artenschwund um fast siebzig Prozent erleiden. Im Nord-West-Atlantik nehmen inzwischen wieder einige Hammerhaipopulationen zu, was vor allem an strikten Fangquoten in einigen Zonen vor der Nordamerikanischen Küste liegt. Obwohl das Habitat des Blauhais sich mit stark befischten Arealen überschneidet und er somit ein erhöhtes Risiko hat, sank seine Zahl weniger als bei anderen Arten.

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Der hohe Schwund und das mögliche Aussterben der Haie ist frappierend. Ihr Erhalt ist für das Ökosystem Meer von unschätzbarer Bedeutung. Haie bilden die Spitze der Nahrungskette und sorgen so für ein Gleichgewicht. Sie kontrollieren das Wachstum von Fischpopulationen und Wirbellosen wie Muscheln und Schnecken. Fallen sie weg, übernimmt die an zweiter Stelle stehende Art diese Aufgabe.

Wenn die sich aber ungehindert vermehren kann, weil natürliche Fressfeinde fehlen, frisst sie ihre Nahrung immer schneller, als diese sich reproduzieren kann. Das kann sich über viele Nahrungsstufen fortsetzen. Doch letztlich würden alle Arten aufgrund von Nahrungsmangel zugrunde gehen. Neben der Erhaltung des Gleichgewichtes sind die Haie auch eine Art Gesundheitspolizei der Meere. Da sie auch Aas fressen, verhindern sie, dass sich Krankheiten weiter ausbreiten. Wenn die Haie verschwinden, wird das ein erheblicher Einschnitt in das Ökosystem Meer sein.

Meeresbewohner könnten gerettet werden

Noch ist es möglich, den Rückgang der Hai- und Rochenpopulationen aufzuhalten und den Trend umzukehren, erklären die Wissenschaftler um Pacoureau. Das würde sogar für langsam wachsende Arten wie den Schwarzhai gelten. Dafür müssten aber umgehend wissenschaftsbasierte Fanggrenzen für Hochseehaie umgesetzt werden, die eine nachhaltige Fischerei ermöglichen. Und das möglichst bevor der Kipp-Punkt erreicht würde. Zudem wären unter anderem strikte Vorgaben nötig, um das Anlanden von Fischen zu verhindern und den Beifang zu reduzieren.

Quelle: F.A.Z.
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