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Wildtierhandel

Wen erwischt es als nächstes?

Von Piotr Heller
 - 09:00
Getrocknete Seepferdchen, vom Zoll beschlagnahmt

Vor zwei Jahren fiel Wissenschaftlern der Oxford Brookes University etwas Merkwürdiges auf. Die Experten für Naturschutz hatten Daten von indonesischen Vogelmärkten ausgewertet. In den Aufzeichnungen sahen sie, dass nach der Jahrtausendwende plötzlich die Nachfrage nach Eulen gestiegen war. Waren in den achtziger und neunziger Jahren noch so gut wie gar keine Eulen angeboten worden, zählten die Forscher 2016 schon über 1800 der Vögel auf den Märkten. Bei den meisten handelte es sich um wilde Tiere, die in den Wäldern des Landes gefangen worden waren. Was war passiert? Die Wissenschaftler vermuten, dass die Harry-Potter-Romane und die dazugehörigen Filme den Trend befeuert haben könnten. Schließlich begleitete eine Eule namens Hedwig den Helden der Bücher bei seinen Abenteuern im Zauberinternat. Gut möglich, dass das manchen auf die Idee gebracht hat, sich solch einen Raubvogel als Haustier zu halten.

Das Beispiel zeigt, wie komplex der Markt für Wildtiere ist. Es gibt unzählige Gründe, warum die Tiere gehandelt werden. Schuppentiere etwa landen auf dem Teller und ihr Panzer wird für die Herstellung traditioneller Heilmittel in China verwendet, ebenso wie Tigerknochen oder das Horn von Nashörnern. Da viele und gerade die begehrtesten Tiere geschützt sind, spielt sich ein riesiger Teil derartiger Handelsbewegungen in der Illegalität ab. Die Naturschutzorganisation WWF schätzt, dass jährlich Wildtiere im Wert von 20 Milliarden Dollar illegal die Besitzer wechseln – zunehmend auch über das Internet. Allein in einem Monat im Jahr 2015 sollen Tausende Elfenbeinprodukte, 77 Nashorn-Hörner und zahlreiche bedrohte Vögel auf sozialen Medien in China angeboten worden sein. Das haben Stichprobe der Artenschutzorganisation „Traffic“ ergeben. Damals beobachteten die Experten unter anderem 14 Facebook-Gruppen mit insgesamt über 67.000 Mitgliedern. Innerhalb von nur 50 Stunden seien dort 200 lebende Wildtiere angeboten worden, darunter Orang-Utans und Malaienbären.

Verhängnisvolle Hörner

Beim Handel mit Wildtieren treffen also Jahrtausende alte Vorstellungen über die Heilkräfte von Tierprodukten auf popkulturelle Trends. Im Verein mit der Geschwindigkeit und der globalen Reichweite des Internets, hat sich ein besonders undurchsichtiger Markt entwickelt. Daran wollen der Biologe David Edwards von der University of Sheffield und seine Kollegen etwas ändern. In der aktuellen Ausgabe von Science haben sie versucht vorherzusagen, welche Tiere in Zukunft auf den Märkten landen könnten.

Über eine solche Prognosemethode zu verfügen, wäre wichtig. Denn der Handel mit Wildtieren gilt neben der Zerstörung von Lebensräumen als eine der wichtigsten Ursachen für den Verlust von Tierarten. 2010 wurde etwa das letzte bekannte Exemplar einer vietnamesischen Unterart des Java-Nashorns tot im Nationalpark Cát Tiên aufgefunden. Wilderer hatten das Tier erschossen und sein Horn abgesägt. Oft sind selbst Experten überrascht, wie schnell der Handel Tiere an den Rand des Aussterbens bringen kann. Die Weltnaturschutzunion IUCN führte den Schildschnabel beispielsweise jahrelang als „potenziell gefährdet“. Das eine vergleichsweise niedrige Kategorie, die Art war also relativ sicher. Doch der in Südostasien beheimatete, bis zu 1,2 Meter lange Vogel, trägt ein imposantes, rotes Horn auf dem Schnabel. Vielen Händlern sei es wertvoller als Elfenbein, berichtete die BBC. „Innerhalb von drei Jahren wurden Zentausende dieser Tiere wegen ihres Horns getötet“, sagt David Edwards. Der Schildschnabel wanderte binnen kürzester Zeit in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“. „Das hat mich schockiert“, erinnert sich Edwards. „Denn es passierte praktisch über Nacht.“

Es werden viel mehr Arten vertickt als bislang gedacht

Seine Science-Studie ist bietet gleicht zu Beginn eine Überraschung. Für ihre Analyse mussten die Forscher nämlich zunächst eine Bestandsaufnahme machen. Dabei beschränkten sie sich fürs Erste auf Landwirbeltiere, klammerten also etwa Fische aus, und durchforsteten zunächst die Datenbanken der IUCN und des Washingtoner Artenschutzübereinkommens. Darin fanden sie genau 5.579 Wildtierarten, die gerade gehandelt werden – eine Zahl, die viele Experten wundern dürfte, denn sie legt etwa 40 bis 60 Prozent über den bisherigen Schätzungen. Dabei gibt es zwischen einzelnen Tiergruppen deutliche Unterschiede. So wird etwa eine von zehn Amphibienarten irgendwo auf der Welt gehandelt. Bei den Reptilien ist es jede achte Art, bei Vögeln und Säugetieren jeweils jede vierte.

Die Wissenschaftler betrachteten sich diese Tiere als nächstes auf Stammbäumen, welche die Verwandtschaftsverhältnisse von über 31.000 Arten abbildeten. Dabei erkannten sie, dass die Tatsache, ob eine Tierart vom Handel betroffen ist, nicht zufällig auf diesen Stammbäumen verteilt ist. Vielmehr gibt es Äste, also Gruppen eng verwandter Arten, auf denen sich überdurchschnittlich viele Arten befinden, die auf den Märkten angeboten werden. „Das sagt uns, dass diese Gruppen Eigenschaften haben müssen, die sie für die Händler interessant machen“, erklärt Edwards. Bei den Vögeln waren es etwa die Papageien, unter denen sich viele gehandelte Arten fanden. „Sie klingen zwar nicht besonders schön, gelten aber als freundlich, weshalb es etwa in Indien einen großen Wunsch gibt, sie in Käfige zu stecken“, sagt Edwards. Bei den Säugetieren wiederum enthält die Familie der gewöhnlichen Makis eine Vielzahl an gehandelten Arten.

Schnee-Eulen sind Alle? Dann halt ein Käuzchen.

Dann begannen die Forscher mit ihrer Prognose. Der Gedanke war, dass Händler beispielsweise auf ähnliche Arten ausweichen, wenn das Angebot für ein bestimmtes Tier knapp wird. Diese Ähnlichkeiten spiegeln sich in den Verwandtschaftsverhältnissen der Tiere wieder. Somit konnten die Forscher in ihren Daten weitere 3196 Arten identifizieren, die zwar heute noch nicht gehandelt werden, sich aber in Zukunft auf Märkten finden könnten, weil sie eng mit bereits gehandelten Arten verwandt sind. Darunter sind etwa verschiedene Arten der Gattung der Schillertangaren, in Mittel- und Südamerika verbreitete Singvögel mit einem bunten Federkleid. Bei den Säugetieren wiederum könnten bald Fledermäuse aus der Gattung der Hufeisennasen ins Visier der Händler geraten.

Die Studie gibt jedoch keinen Aufschluss darüber, welche konkreten Eigenschaften es sind, die gerade für diese Arten das Risiko erhöhen, gehandelt zu werden. Edwards sagt aber, dass er sich mit Kollegen dieser Frage gerade in einer anderen Arbeit widme, die jedoch noch nicht veröffentlicht sei. Hätte sich also so etwas wie der Harry-Potter-Effekt beim Handel mit Eulen oder das Verschwinden des Schildschnabel vorhersagen lassen? „Wenn plötzlich Tiere aus einem bisher nicht beachteten Teil des Stammbaums gehandelt werden, dann könnten wir das wahrscheinlich nicht vorhersagen“, räumt Edwards ein. Es gehe vielmehr darum, das Augenmerk anderer Forscher und Tierschützern auf bestimme Arten zu lenken, die in Zukunft Probleme bekommen könnten.

Das könnte sich zum Beispiel bei Fällen wie dem der Schuppentiere als hilfreich erweisen. Durch massive Jagd und Handel sind die Zahlen der asiatischen Schuppentier-Arten stark zurückgegangen. Eine Folge davon war, dass plötzlich die afrikanischen Verwandten dieser Tiere viel stärker als zuvor gehandelt wurden. Die Preise für Schuppentiere auf den Märkten im zentralafrikanischen Gabun sind daraufhin innerhalb von 15 Jahren um 211 Prozent gestiegen. Solche Preissprünge sind es letztendlich, die auf Verschiebungen im Handel mit Wildtieren hindeuten und Naturschützer auf den Plan rufen. Allerdings passieren die erst, wenn die Tiere bereits gejagt und gehandelt werden. Das Wissen aus der Studie könnte dabei helfen, solche Entwicklungen bei verwandten Arten früher zu erkennen und die Tiere schneller zu schützen.

Quelle: F.A.S.
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