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Tierischer Spion

Ein Wal mit Vergangenheit

Von Rebecca Hahn
Aktualisiert am 19.11.2019
 - 12:00
Anfang November wurden die letzten Belugas aus dem „Walgefängnis“ an der russischen Ostküste befreit.
Bildet Russland Meeressäugetiere zu Spionen aus? Wenn „Hvladimir“ doch nur reden könnte!

Im April tauchte im Hafen der norwegischen Stadt Hammerfest ein Beluga-Wal mit mysteriöser Ausrüstung auf. Neugierig schwamm der Vertreter der Art Delphinapterus leucas in die Nähe von Fischern, als die gerade ihre Netze auswerfen wollten. Später futterte er bereitwillig den Dorsch, den ihm die Männer über die Bootskante reichten: ein reichlich ungewöhnliches Verhalten für einen Wal in freier Wildbahn. Offenbar war er an Menschen gewöhnt. Den Fischern fiel auch ein Geschirr auf, das um den prallen, weißen Leib des Wals gegurtet war.

Einer der Männer befreite das Tier von den Riemen. „Ausrüstung St. Petersburg“ stand in Englisch auf einer der Schnallen. An den Gurten war eine Vorrichtung angebracht, an der eine Kamera oder ähnliches Gerät befestigt werden konnte. Bald machte ein Video des Meeressäugetiers die Runde, der Beluga wurde dadurch weltbekannt. Der norwegische Rundfunksender NRK gab ihm den Namen „Hvladimir“, eine Wortschöpfung aus dem norwegischen „hval“ für Wal und dem Vornamen des russischen Präsidenten. In dessen Auftrag war der Weißwal angeblich unterwegs: ein Spion der russischen Marine.

Vor einigen Tagen tauchte ein neues Wal-Video auf: Darin apportiert ebenfalls ein Beluga in norwegischen Gewässern nahe dem Nordpol den Rugbyball eines südafrikanischen Forscherteams. Wie ein gut ausgebildeter Hund eilt der Wal dem Ball hinterher, schnappt ihn sich mit dem Maul und bringt ihn zurück zum Forschungsschiff. Ob es ebenfalls Hvladimir war, ist unklar, aber auch dieser Wal schien nicht zum ersten Mal Menschen getroffen zu haben. „Für einen wilden Beluga wäre das ein ziemlich skurriles Verhalten“, sagt der Meeresbiologe und Autor Karsten Brensing. „Es ist typisch für Tiere, die mal in menschlicher Obhut waren, dass sie auch nach ihrer Freilassung immer wieder die Nähe des Menschen suchen. Sie haben gelernt, dass der Mensch nicht per se gefährlich ist.“

Spione oder Therapeuten?

Ob es sich bei Hvladimir tatsächlich um einen militärisch trainierten Spion handelt, lässt sich schwer überprüfen. Im Norden Russlands gibt es mehrere Einrichtungen, die Wale halten oder gehalten haben. Belugas wurden früher zum Beispiel in einem privaten Zentrum als Therapietiere für Kinder mit Behinderungen ausgebildet. In anderen Fällen werden sie von geschäftstüchtigen Walfängern in Becken gehalten, bevor man sie ins Ausland verschifft.

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Mehr als 100 Meeressäugetiere
„Wal-Gefängnis“ in Russland soll geschlossen werden

Die meisten Abnehmer finden lebend gefangene Wale in China. Dort ist in den letzten Jahren ein regelrechter Wal-Boom ausgebrochen. In achtzig chinesischen Ozeanarien sind derzeit Meeressäuger zu sehen, weitere 27 sind im Bau. Einer der größten chinesischen Freizeitparkbetreiber eröffnete vor zwei Jahren ein Orca-Zentrum, um Nachwuchs heranzuziehen. Die meisten der Tiere stammen aus russischen Gewässern. Sie werden im Ochotskischen Meer gefangen und dann nach China verkauft.

So sollte es 87 Belugas und elf Orcas ebenfalls ergehen, die im Sommer 2018 im Ochotskischen Meer vier russischen Firmen in die Netze gingen. Die Walfänger pferchten die Tiere in winzigen Becken in der Srednjaja-Bucht an der russischen Pazifikküste ein. Als Bilder des „Walgefängnisses“ um die Welt gingen, protestierten Tierschützer. Zwar war der Fang der Wale zu Lehrzwecken zuerst genehmigt worden, nachträglich jedoch erklärten ihn die russischen Behörden für illegal. Nun wurde die Befreiung der Wale sogar Staatsziel. Den Empfehlungen der Wissenschaftler folgend habe man die einzig vernünftige Entscheidung getroffen, kündigte der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexej Gordejew an. Die Tiere würden in ihren Heimatgewässern wieder freigelassen. „Zum Glück bewegt sich nun etwas“, kommentierte Wladimir Putin die Auswilderung der ersten Orcas und Belugas im Juni. Die letzten Tiere sind seit einer Woche frei. Wegen des Wetters und der hohen Transportkosten wurden sie allerdings nicht wieder in ihre angestammten Gebiete zurückgebracht, sondern schon 1300 Kilometer südlich davon freigelassen.

Wal-Freiheit wird Staatsziel

Wenige Wochen bevor sich die russische Regierung für die Auflösung des ostsibirischen Walgefängnisses feiern ließ, zeigten Satellitenbilder, dass die russische Marine offenbar auch selbst Wale gefangen hält. In der Nähe einer U-Boot-Basis, die in erster Linie für Unterwasserforschung und Geheimoperationen zuständig ist, tauchten zwei mit zusätzlichen Tauen gesicherte Becken auf. In einem davon war der schemenhafte Umriss eines Belugas zu erkennen. Die Bilder befeuern die Vermutungen, der Beluga Hvladimir könnte ein Deserteur gewesen sein.

Aber das moderne Russland wäre nicht das einzige Land, das Meeressäuger zu militärischen Zwecken ausbildet. Schon während des Kalten Kriegs hatte die Sowjetunion eine Delphin-Staffel im Einsatz. Die Tiere waren auf der Krim stationiert und gingen nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Obhut der Ukraine über. Angeblich waren diese Delphine während des Kriegs auch mit Harpunen ausgestattet, um Eindringlinge anzugreifen. Sie hätten russische und fremde Schiffe am Klang der Propeller unterscheiden können. Die US Navy trainiert seit 1959 Seelöwen und Delphine darauf, Objekte an der Küste zu bergen und nach Unterwasserminen zu suchen. „Es ist durchaus möglich, den Tieren beizubringen, Ausrüstungsgegenstände zu unterscheiden“, sagt Karsten Brensing. Große Tümmler zum Beispiel könnten auch Menschen, die am Beckenrand stünden, auseinanderhalten.

Tiere sind keine Patrioten

Die Krim-Delphine wurden nach der Annexion der Halbinsel russisch. Letztes Jahr waren die meisten von ihnen tot. Die Tiere seien als wahre Patrioten gestorben, erklärte daraufhin der ukrainische Politiker Borys Babin: Im Hungerstreik gegen die russischen Invasoren, von denen sie kein Futter annahmen. Dass Delphine, die an ihre Pfleger gewöhnt sind, sich nicht von Fremden füttern lassen, kommt durchaus vor. Die Futterverweigerung als Vaterlandsliebe zu interpretieren, das ist jedoch zu weit hergeholt.

In anderer Hinsicht sind die Meeressäuger dem Menschen durchaus sehr ähnlich: Delphine, Belugas und Orcas sind sozial stark vernetzt und leben in Gemeinschaften zusammen. Deshalb ist es ungewöhnlich, dass Hvladimir allein unterwegs ist. „Dieser Beluga scheint solitär zu leben“, erklärt Brensing. Offenbar habe er in der freien Wildbahn keinen Anschluss an seine Artgenossen gefunden. „Manche Tiere kommen in so einer Situation besser zurecht, andere schlechter.“ Über Hvladimirs Vergangenheit, ob nun als Spion oder doch nur als Therapiewal, lässt sich viel spekulieren. Sein Leben in Freiheit ist aber nach einer so intensiven Prägung durch den Menschen ganz bestimmt kein leichtes.

Quelle: F.A.S.
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