„Jurassic World“

Dinosaurier im Schnee

EIN KOMMENTAR Von Ulf von Rauchhaupt
08.06.2022
, 20:47
Dinoflüsterer Owen Grady (Chris Pratt) - hier mit einem Parasaurolophus - muss sich diesmal warm anziehen.
Im neusten Dino-Blockbuster lässt Hollywood die Urzeitriesen ordentlich frieren. Doch hören die Creature Designer durchaus auf die Wissenschaft.
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Heute kommt „Jurassic World Dominion“ in die Kinos, der sechste Film der Reihe, die 1993 mit Steven Spielbergs „Jurassic Park“ begann. Eine Szene in den Trailern zu dem neuen Film könnte bei ernsthaften Freunden der Urzeit besonderes Kopfschütteln ausgelöst haben: Steht da doch ein leibhaftiger Apatosaurus, ein riesiger pflanzenfressender Sauropode aus der Familie der Diplodocidae, statt im tropischen Sumpf putzmunter in verschneiter Landschaft. Müssen diese Tiere nicht wechselwarm gewesen sein, um den Energiebedarf ihrer 20 Tonnen schweren Körper einigermaßen in Grenzen zu halten?

Offenbar nicht. Vorletzte Woche staunte die Zunft der Dinosaurierforscher nämlich nicht schlecht über Forschungsergebnisse der Paläomolekularbiologin Jasmina Wiemann, die sie und ihr Team gerade in Nature veröffentlicht hatten. Die deutsche Postdoktorandin am California Institute of Technology hatte mittels Infrarotspektroskopie in Knochen von mehr als fünfzig rezenten und ausgestorbenen Tieren Biomarker vermessen, die Auskunft über die Stoffwechselrate geben. Wiemanns Team bestätigte dabei die schon lange gehegte Vermutung, dass Dinosaurier wie Tyrannosaurus rex Warmblüter waren.

© Youtube/KinoCheck

Doch ihre Studie liefert auch zwei handfeste Überraschungen: So muss sich die Warmblütigkeit schon bei den gemeinsamen Vorfahren von Dinosauriern und Flugsauriern entwickelt haben - doch dann kehrten einige Gruppen, darunter die des kultigen Triceratops, zu einem wechselwarmen Metabolismus zurück, wie er bei heutigen Reptilien üblich ist. Verblüffenderweise blieben aber die riesigen Pflanzenfresser wie die Diplodocidae, bei denen man eigentlich das Gegenteil erwartet hätte, immer ausgeprägte Warmblüter.

Nun war dieser Moment der Eintracht von Forschung und Filmästhetik sicherlich Zufall. Doch schon Spielberg wusste, dass er sich bei diesem Thema nicht alles herausnehmen kann. Schließlich sind Dinosaurier für viele Kinder die erste Berührung mit alltagsfernen Fakten – also sozusagen mit Grundlagenforschung. In dem neuen Film, in dem 33 verschiedene Arten von Urzeitviechern auftreten sollen (1993 waren es nur sieben gewesen), ist man sich dieser Verantwortung offenbar bewusster als je zuvor.

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Der prominente Dinosaurierforscher Stephen Brusatte von der University of Edinburgh wurde als Berater der Filmproduktion engagiert und hat auch gleich dafür gesorgt, dass mit Pyroraptor olympius endlich ein Dino mit ordentlichem Federkleid auftritt. Die fehlende Berücksichtigung des Befundes, dass viele Dinosaurier gefiedert waren, hatten Experten an den vorangegangenen Jurassic-Park-Filmen besonders kritisiert. Dann allerdings lässt das Drehbuch den Pyroraptor unter der Eisdecke eines zugefrorenen Gewässers hindurchtauchen. Gut, auch diese Tiergruppe war der neuen Studie zufolge warmblütig gewesen. Trotzdem ist der Text, den der Hauptdarsteller in diesem Moment zu sprechen hat, wohl am Platze: „That can’t be right.“

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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