Rätselhaftes Meereswesen

Die vielen blauen Augen der Kammmuschel

Von Diemut Klärner
20.01.2022
, 11:05
Schau mir in die Augen! Doch in welche? Die Kammmuschel hat gleich mehrere Dutzend blaue Augen.
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Mit ihren winzigen Augen und Tentakeln kann die Kammmuschel räumlich sehen und Fressfeinde frühzeitig erkennen. Das haben jetzt amerikanische Biologen herausgefunden.
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Die Kammmuschel Argopecten irradians hat leuchtend blaue Augen, und davon einige Dutzend. Ähnlich wie die europäische Jakobsmuschel ist ihre als „bay scallop“ bekannte Verwandte von der amerikanischen Ostküste für eine Muschel außergewöhnlich mobil. Indem sie vorwärts oder seitwärts Wasser zwischen ihren Schalen hervorpresst, kommt sie rückwärts hüpfend oder im Zickzack schwimmend voran. So kann sie zum Beispiel einem hungrigen Seestern entwischen — vorausgesetzt, sie hat ihn rechtzeitig bemerkt. Die Augen der Kammmuschel, die auf kurzen Stielen unter den Schalen hervorlugen, sind mit einem Durchmesser von ungefähr einem Millimeter zwar klein, aber gut ausgestattet:

Hinter den lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut sitzt statt einer Linse eine Art Hohlspiegel, der das einfallende Licht fokussiert. Zwischen den Augen ragen außerdem lange, dünne Tentakeln hervor, die mit ihren Tast- und Geruchssinneszellen verdächtige Objekte näher erkunden können.

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Dass die optischen Informationen, die mehrere Dutzend Muschelaugen aus unterschiedlichen Blickwinkeln liefern, offenkundig zu einer Panoramaansicht kombiniert werden, haben kürzlich Biologen um Daniel R. Chappell von der University of South Carolina in Columbia herausgefunden. Im Labor verfolgten die Forscher, wie kleine Kammmuscheln, die ruhig auf dem Boden lagen und mit ihren Kiemen nahrhafte Partikel aus dem Wasser filterten, auf optische Reize reagierten. Ohne eine derartige Stimulation strecken die Muscheln gewöhnlich einige Tentakeln aus, bevorzugen dabei jedoch keine bestimmte Richtung.

Erst mal abwarten, dann flüchten

Ließen die Forscher aber einen senkrechten dunklen Streifen um die Kammmuschel kreisen, zeigte diese meist eine entsprechende dynamische Reaktion: Eine Welle sich streckender Tentakeln folgte dem optischen Stimulus im vorgegebenen Tempo. Wurden die Muscheln dagegen mit einem unbeweglichen Streifen konfrontiert, so streckten sie ihre Tentakeln überwiegend in die entsprechende Richtung — es sei denn, der Streifen erschien genau hinter dem Scharnier, das beide Schalenhälften verbindet, dort also, wo keine Augen sitzen.

Detailansicht einer Kammmuschel
Detailansicht einer Kammmuschel Bild: David Liittschwager

Solche Beobachtungen lassen darauf schließen, dass Kammmuscheln mit ihren vielen kleinen Augen ein Panorama von mindestens 270 Grad im Blick behalten, schreiben die Forscher in den „Proceedings of the Royal Society B“. Jedes einzelne Auge erreicht eine räumliche Auflösung von etwa zwei Grad. Sein Blickfeld beträgt 90 bis 100 Grad und überlappt stark mit benachbarten Augen. Für den Panoramablick müssen die Kammmuscheln nach Einschätzung von Chappell und seinen Kollegen zunächst die Signale der Sinneszellen von jedem einzelnen Auge auswerten. Anschließend gilt es, die Informationen so zusammenzuführen, dass die Muschel ihre sensorischen Tentakeln zielgerichtet ausstrecken kann.

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Vor einem Fressfeind das Weite zu suchen, mag ihr zwar das Leben retten. Anschließend ist die Kammmuschel aber erschöpft und einem Angreifer so lange hilflos ausgeliefert, bis sie sich von ihrer kräftezehrenden Flucht wieder erholt hat. Das Schalentier sollte sich also lieber nicht voreilig in Bewegung setzen, sondern zunächst feststellen, ob tatsächlich Gefahr droht. Hat die Muschel mit ihrem Panoramablick ein verdächtiges Objekt wahrgenommen, ist ihr Tast- und Geruchssinn an der Reihe. Beispielsweise, um Schnecken, die sich an anderen Schalentieren gütlich tun, von harmlosen Pflanzenfressern zu unterscheiden.

Bleibt noch die Frage, wie es der Kammmuschel ohne ein zentrales Gehirn gelingt, aus den optischen Informationen ihrer einzelnen Augen ein umfassendes Bild zu berechnen und die Bewegung ihrer sensorischen Tentakeln entsprechend zu steuern. Vermutlich, so die Forscher, sind Ganglien – kompakte Bereiche mit vielen Nervenzellkörpern – dabei ebenso im Spiel wie der Nervenring, der sämtliche Augen und Tentakeln miteinander verbindet.

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Quelle: F.A.Z.
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