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Die Assel

Landkrebs mit Löwenmut

Von Nike Heinen
 - 14:10
Ekel ist bei der Kellerassel eigentlich unangebracht. Die Tierchen sind reinlich und kinderlieb. Hier ein Exemplar unter dem Elektronenmikroskop in 55-facher Vergrößerung.

Still liegt der See, inmitten von Wäldern. Wer einen Geigerzähler mitbringt, der kann ihn aufgeregt klackern hören. Das havarierte Atomkraftwerk von Tschernobyl ist nur zehn Kilometer entfernt. Ein Mann taucht einen kleinen Käscher in das klare Wasser und fischt damit über die alten Blätter auf dem Boden. Seine Beute: viele Dutzend gepanzerte Wesen, die auf ihren sieben Beinpaaren erstaunlich schnell flitzen können. Aber in dem Eimer können sie nicht entkommen.

Der Mann ist Neil Fuller, Doktorand am Institute of Marine Sciences an der Universität von Portsmouth. Fuller möchte verstehen, wie Lebewesen in radioaktiv verseuchtem Wasser zurechtkommen. Er war auch schon in Fukushima. Was er jetzt in der Ukraine sammelt, das sind Wasserasseln der Art Asellus aquaticus, wie es sie in ganz Europa gibt. Und sie haben die hohe Strahlendosis im Glubokoje-See offenbar erstaunlich unbeschadet überstanden. Fuller wird sich die Segmente genau ansehen, aus denen ihr Körper zusammengesetzt ist. In diesem See erwartet er Deformationen. Und er wird die Eier der trächtigen Weibchen zählen, die sie unter ihrem Bauch spazieren tragen. Es werden wohl nicht sehr viele sein. Er begutachtet, zählt und findet: nichts. Jedes einzelne der sieben Segmente des Brustpanzers ist wunderbar symmetrisch ausgebildet. Und die Weibchen haben viele, prächtig entwickelte Kinder im Gepäck.

Rund um Tschernobyl ist überall Wasser. Aber das meiste davon ist mit dem Fluss Prypjat verbunden. Mit der Zeit hat er die Strahlung abfließen lassen. Der Glubokoje-See jedoch gehört zu sechs Seen ohne Flusszugang. Nachdem die kurzlebigen Radioisotope zerfallen sind, haben sich dort heute vor allen noch 137-Caesium und 90-Strontium angereichert. Der Glubokoje-See ist mit 27 Mikrosievert pro Stunde der radioaktivste. Seine strahlende Fracht hat sich vor allem auch am Grund der Gewässer abgesetzt, wo die Wasserasseln fressen. „Wir untersuchten sechs verschiedene Seen mit unterschiedlichen Belastungen. Wir hatten erwartet, dass wir umso mehr Deformationen und umso weniger gut entwickelte Eier finden, je höher die Strahlenbelastung ist“, schreibt Fuller. „Aber das war falsch. Ausgerechnet bei den Asseln gibt es offenbar gar keinen Effekt der Strahlung.“

Ideale Hinweisgeber für die Verschmutzung eines Ökosystems

Asseln galten eigentlich als ideale Hinweisgeber für die Verschmutzung eines Ökosystems. Sie ernähren sich von den Resten des Lebens, die sich am Boden sammeln. Alte Blätter, kleine Kadaver. Sie fressen alles zweimal. Einmal, wenn es in seiner ursprünglichen Form herumliegt. Und ein zweites Mal, weil sie auch noch den Kot wieder verputzen, den sie daraus machen. Ob Schwermetalle oder Medikamente – was auch immer Menschen in die Umwelt gebracht haben, in den Asseln muss es sich anreichern.

Asseln gehören wie Hummer oder Krabben zu den Höheren Krebsen. Wasserflöhe gehören ebenfalls in diese Gruppe. Auch bei ihnen gab es Untersuchungen in radioaktivem Milieu. Sie waren ab einer chronischen Strahlenexposition mit 137-Caesium von sieben Mikrogray pro Stunde deutlich beeinträchtigt. Weniger Weibchen trugen Eier. Und die DNA dieser Embryonen zeigte deutliche Strahlenschäden. Fuller kann noch nicht erklären, was die Wasserasseln anders machen. Er ist sich auch noch nicht sicher, ob Wasserasseln in einem englischen Tümpel genauso reagiert hätten wie in dem seit 1986 kontaminierten Glubokoje-See. „Es könnte sein, dass sich die Asseln rund um Tschernobyl durch zufällige Mutationen an die Radioaktivität angepasst haben. Es sind seitdem ja schon dreißig Generationen. Es könnte auch sein, dass sie eben einfach damit zurechtkommen.“

Asseln waren ursprünglich Wassertiere

Die Forschung an Asseln boomt. Nicht nur die an im Wasser lebenden Arten, auch für ihre Verwandten an Land interessiert sich die Wissenschaft zunehmend. Denn die kleinen Krebse bringen alles mit, was ein guter Modellorganismus braucht: Sie haben keine großen Ansprüche an ihren Käfig, sie bekommen schnell viele Kinder – und sie sind immer wieder für eine Überraschung gut. Die Gliederfüßer-Ordnung der Isopoda umfasst rund 8000 Arten, von denen man weiß. Manche sind mit bloßem Auge kaum zu erkennen, andere, wie die in der Tiefsee beheimatete Riesenassel, sind so groß wie ein Menschenbaby. Riesenasseln sollen in großer Zahl den Meeresboden in Pazifik und Atlantik besiedeln und dort alles entsorgen, was nach unten fällt. Von toten Algen bis zu Wal-Kadavern.

Ursprünglich lebten alle Asseln im Wasser. Dass sich heute etwa die Hälfte der Arten an Land findet, ist möglich, weil sie das Wasser mitgenommen haben. Auch Landasseln atmen nämlich mit Kiemen. Allerdings sind ihre in einem mit dachziegelartigen Platten geschützten Wassersack am Hinterleib untergebracht. Durch Öffnungen und ein Schlauchsystem in den Beinen füllen die Landasseln Wasser nach. Die bekannteste Art, die heute weltweit verbreitete Kellerassel, ist besonders effektiv bei der Wassergewinnung für die Atmung. Sie nutzt zusätzlich ihren Harn, den sie an einer Kopfdrüse ausscheidet und über eine Art Aquädukt nach hinten laufen lässt. Dabei verdunstet das enthaltene Ammoniak, und Sauerstoff aus der Luft kommt dazu.

Im Garten leben Kellerasseln überall dort, wo es schön feucht ist. Unter Steinen, im Komposthaufen, zwischen den Leisten von Gartenmöbeln. Sie lieben es, auf altem Holz herumzukauen. In ein paar Jahren bekommen sie so einen ganzen Tisch klein. Aus der Nähe betrachtet, kann man die Tiere trotzdem richtig liebgewinnen. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Brustbeutel: Die Weibchen haben zwei Klappen unter ihrer Brust, unter der sie erst ihre Eier und dann die frisch geschlüpften Nachkommen verstecken, genau wie Hipstermütter ihre Babys im Tragetuch. Hebt man einen Stein im Garten hoch, dann kann man die kleinen Familien kuscheln sehen. Die heller gefärbten Kinder, die dem Brustbeutel entwachsen sind, turnen auf den Müttern herum. Die Kinderstube dauert eine Weile. 14 Mal muss sich eine Assel häuten, bis sie erwachsen, also geschlechtsreif ist.

Es ist nicht überliefert, was den Pariser Entomologen Pierre André Latreille 1804 ritt, der die Kellerassel ausgerechnet Porcellio scaber taufte, schmutziges Schweinchen. Die Tiere wühlen sich zwar durch allen möglichen Dreck. Aber sie verwandeln ihn bei der Passage durch ihren Darm in angenehm duftenden Humus. Und auch dank der Aquädukte auf ihrem Panzer sind sie außen immer adrett poliert.

Gifte aller Art stecken sie locker weg

Seit etwa zehn Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Studien über Landasseln. Die Idee war ursprünglich, dass sie schnelle Hinweise auf Umweltprobleme geben könnten. Normalerweise müssen Ökotoxikologen großen Aufwand betreiben, um die Qualität eines Boden zu begutachten. Sie müssen dazu ein Netz aus Proben nehmen, dicht genug, damit zufällige Ansammlungen oder Verdünnungen keine Rolle spielen. Dann gilt es, die Proben auszuwerten und dabei nach den richtigen aus einer Unzahl möglicher Stoffe zu suchen und Stoffwechselraten abzuschätzen. Mit den Asseln dagegen, so dachten sie, würde der Blick unter ein paar Steine reichen. Denn der Theorie nach müssten die Abfallverwerter des Ökosystems die Ersten sein, die sichtbare gesundheitliche Probleme bekommen.

Aber die Forscher hatten die Asseln unterschätzt. Alles alte Holz und tote Blätter, die sich die Gliedertiere mit ihren Mundwerkzeugen herbeischaffen, muss den sogenannten Hepatopankreas passieren. Das ist der Teil des Darms, aus dem bei Wirbeltieren Leber und Bauchspeicheldrüse hervorgegangen sind. Die Drüse versorgt den Darm mit Verdauungssäften – und holt alles aus dem Nahrungsbrei heraus, was giftig sein könnte. Statt unter Umweltdreck zu leiden, haben die Abfallverwerter aber offenbar dank dieser Filterstelle zahlreiche Strategien entwickelt, schädliche Stoffe unschädlich zu machen. Und zwar jede Art ihre eigene.

Als sich Tübinger Zoologen Asseln vornahmen, die sich in unmittelbarer Umgebung einer alten Metallschmelze angesiedelt hatten, fanden sie bei Mauerasseln viele „Speherite“ genannte Metallkörnchen in den Filterorganen sowie Lipidtröpfe – ein Zeichen metabolischer Überforderung, vergleichbar der Fettleber eines Alkoholikers. Bei Kellerasseln fanden sie nichts dergleichen. Können Kellerasseln über ihr Aquädukt, das den Mauerasseln fehlt, auch bestimmte Metallionen über die Verdunstungsanlage ausscheiden? Bislang ist vollkommen unklar, was die Kellerasseln anders machen. Forscher aus Catania fütterten drei verschiedene Asselarten, unter anderem eine nahe Verwandte der Kellerassel und eine Rollassel, mit Blei- und Cadmiumverbindungen. Wieder dasselbe Bild. Am Ende sah jeder Hepatopankreas unter dem Mikroskop anders aus. Die Rollasseln hatten vor allem das Blei, die Kellerasselverwandten das Cadmium gespeichert. Die Schlussfolgerung der Biologin Veronica Mazzei: „Jede Asselart hat eine eigene Strategie im Umgang mit Schwermetallen. Biomonitoring macht erst Sinn, wenn wir diesen Stoffwechsel auch kennen.“

Wahre Helden, aber auch typische Angsthasen

Vorgeschlagen wird auch, Asseln für toxikologische Labortests zu nutzen, zum Beispiel organischer Substanzen, die sich in Nervenzellen anreichern könnten. Dabei wollten die Wissenschaftler dann beobachten, ob sich das Verhalten der Tiere verändert. Auf diese Weise hoffen sie, frühzeitig auf mögliche Gefahren für den Menschen aufmerksam zu werden. Also evaluierten sie die Haltungsbedingungen. Dabei fanden sie heraus, dass Asseln am ausgeglichensten sind, wenn man ihnen in ihrem Terrarium Erlenblätter zu fressen gibt – und dass sie Abstand zu den Nachbarn schätzen und erst dann in Stimmung zum Familiegründen kommen, wenn es um sie herum genug Platz ohne Artgenossen gibt. Und schließlich begannen die Forscher, unter genormten Bedingungen das normale Verhalten der Tiere zu studieren. Der Theorie nach sollten sie als Tiere, die anstatt eines richtigen Gehirns lediglich über ein Gangliensystem verfügen, nur reflexartig ererbte Verhaltensprogramme abspulen. Und wieder hatte man die Asseln unterschätzt. Die Viecher entpuppten sich als hartnäckige habituelle Individualisten.

Der Klassiker für Verhalten, das sich jeder Norm widersetzt, ist diese Studie: Kellerasseln aus einem Labor im tschechischen Olomouc wurden drei Wochen lang nach einem festen Protokoll vorsichtig angestupst, zwischen zwei Fingern leicht gedrückt oder aus ein paar Zentimeter Höhe fallen gelassen. Sinn der Übung, die der Vielfüßler-Forscher Ivan Hadrián Tuf zusammen mit zwei Kollegen veranstaltete, war es, die Angriffe von Räubern zu simulieren. Der Stupser war der einer Spinne, das Drücken das einer Maus und das Fallenlassen war ein hungriger Vogel. Während die Tiere bei Mäuse- und Vogelangriff nach einem festen Muster reagierten – in der Bewegung festfrieren und hoffen, dass man so nicht entdeckt wird –, gab es bei den Stupsern überhaupt keine artspezifische Reaktion.

Manche Asseln verfielen in Schreckstarre, manche spazierten weiter geradeaus. Und zwar nicht zufällig mal so, mal so, sondern je nachdem, welches Tier die Forscher angestupst hatten. Was sie also sahen, waren Persönlichkeiten: Helden und Angsthasen. Auch bei den Angriffen der großen Tiere war das so. Die Mutigen verharrten nur kurz in der Schreckstarre, die Ängstlichen blieben lange liegen. „Kellerasseln gehören damit zu den ersten Asseln, bei denen Persönlichkeit nachgewiesen wurde“, sagt Huf. „Aber vielleicht ist das auch gar nicht so ungewöhnlich. Bisher hat man das ja auch fast nur bei Wirbeltieren untersucht.“

Quelle: F.A.S.
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