Lichtverschmutzung

Störendes Licht für Glühwürmchen

Von Diemut Klärner
04.08.2020
, 10:17
Die Lichtverschmutzung macht auch den Leuchtkäfern zunehmend zu schaffen. Die Partnersuche wird zunehmend schwieriger. Das könnte den Insekten zum Verhängnis werden.

Künstliches Licht macht uns die Nacht zum Tag, was nicht nur astronomisch interessierte Zeitgenossen stört. Auch für Tiere, die von Natur aus nachts unterwegs sind, ist Helligkeit zur Unzeit irritierend. Mit tödlichen Folgen, etwa wenn Nachtfalter unwiderstehlich von Lampen und Kerzen angelockt werden. Kein Wunder, dass nächtliche Beleuchtung auch Insekten, die selbst leuchten, schlecht bekommt: Künstliches Licht hindert beispielsweise weibliche Glühwürmchen an effizienter Kommunikation mit dem anderen Geschlecht. Das haben jüngst Wissenschaftler um Christina Elgert von der Universität in Helsinki und Juhani Hopkins von der Universität in Oulu beobachtet.

Das Forschungsobjekt der Wissenschaftler war das Große Glühwürmchen (Lampyris noctiluca), auch als Großer Leuchtkäfer bekannt. Dieser von Europa bis nach China verbreitete Käfer ist der einzige Vertreter der Glühwürmchen-Familie, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Finnland erstreckt. Auf der Suche nach einer Partnerin fliegen die Männchen in lauen Sommernächten emsig umher. Die Weibchen sind dagegen wenig mobil, denn sie entwickeln keine Flügel, sondern bleiben noch im erwachsenen Alter wurmförmig wie eine Larve.

Bei Einbruch der Nacht krümmen die weiblichen Glühwürmchen ihren Hinterleib so weit nach oben, dass ihre Leuchtorgane sichtbar werden. Deren grüngelbes Licht informiert über die Qualitäten der potentiellen Partnerin: Größere Weibchen, die mehr Nachwuchs produzieren können, leuchten stärker und sind damit für die Männchen attraktiver. Hat ein Glühwürmchen mit seiner leuchtenden Kontaktanzeige einen Partner angelockt, löscht es das Licht. Wenn es mit seiner Werbung keinen Erfolg hat, zieht es sich in seinen Unterschlupf zurück, um in der nächsten Nacht abermals sein Glück zu versuchen.

Werden sich die Glühwürmchen anpassen?

Einige Glühwürmchen hatten Elgert und ihre Kollegen im Juni dieses Jahres gefangen und im Labor einquartiert. Dort waren die Insekten – passend zur Jahreszeit im südlichen Finnland – einem Zyklus aus 20 Stunden Tag und 4 Stunden Nacht ausgesetzt. Wurden die Weibchen in dieser künstlichen Nacht mit weißem Licht angestrahlt, begannen sie später zu leuchten als gewöhnlich – wenn sie nicht ganz auf Lichtsignale verzichteten und sich vorzeitig zurückzogen, schreiben die Forscher in den „Proceedings of the Royal Society B“.

Wie männliche Artgenossen auf hell angestrahlte Weibchen reagieren, erkundeten die finnischen Biologen in freier Natur: Sie plazierten zwei Attrappen weiblicher Glühwürmchen. Jeweils eine im Scheinwerferlicht einer LED-Lampe, eine andere so weit entfernt, dass es dort kaum heller war als sonst in einer finnischen Juninacht. Derart im Dunkeln gelassen, lockten die leuchtenden Attrappen fast zwanzigmal so häufig ein Männchen an wie im Lichtschein der LED-Lampe.

Angestrahlte Glühwürmchen täten also gut daran, sich einen schattigeren Sitzplatz zu suchen, wo ihr Leuchten besser zur Geltung kommt. Auf grünes Licht, das eine leuchtende Artgenossin imitiert, reagieren die Insekten durchaus, indem sie auf Distanz gehen. Bei zu hellem Tageslicht gilt es aber normalerweise nur geduldig abzuwarten, bis die Abenddämmerung weit genug fortgeschritten ist. Grelles weißes Licht zu meiden gehört offensichtlich nicht zum Verhaltensrepertoire des Großen Glühwürmchens. In Siedlungen und entlang von Landstraßen könnte dieses Manko langfristig das Aus für diese Spezies bedeuten. Denn den Weibchen bleibt nicht allzu viel Zeit, um auf einen Partner zu warten. Als erwachsene Insekten nehmen Glühwürmchen nämlich keine Nahrung mehr zu sich. Sie leben dann ausschließlich von den Energiereserven, die sie gespeichert haben, während sie sich als Larve an Schnecken gütlich taten.

Ob sich Glühwürmchen langfristig an künstliches Licht anpassen können, ist eine offene Frage. Da es zwei bis drei Jahre dauert, bis aus abgelegten Eiern eine neue Glühwürmchen-Generation herangewachsen ist, wird die Evolution wohl eher langsam ablaufen. Deshalb kommen die Forscher um Christina Elgert und Juhani Hopkins zu dem Schluss, dass die verbreitete Präsenz künstlicher Lichtquellen eher dazu beiträgt, dass sich Glühwürmchen auch global gesehen zunehmend rarmachen. Andere Faktoren dürften aber ebenfalls eine Rolle spielen: Die Zerstörung von Lebensräumen, die Verwendung von Insektiziden und die Auswirkungen des Klimawandels machen einem Großteil der Insekten zu schaffen. Auch solchen, die weder nachts noch leuchtend unterwegs sind.

Quelle: F.A.Z.
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