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Monarchfalter

Bedrohte Fernreisende

Von Diemut Klärner
 - 16:48
Die mehrere tausend Kilometer langen Wanderungen der Monarchfalter sind ein Naturereignis.

Reiselustig sind nicht nur Störche, Schwalben und andere Zugvögel. Auch manche Insekten machen sich im Frühjahr auf den Weg nach Norden und ziehen im Herbst wieder südwärts. Der schwarzbraun, orange und weiß gemusterte Distelfalter (Vanessa cardui) zum Beispiel fliegt von Nordafrika in Regionen nördlich der Alpen. Schon etwas ausgeblichen, aber immer noch flott unterwegs, war er hierzulande im Juni dieses Jahres auffallend zahlreich zu sehen. Der prominenteste Fernreisende unter den Schmetterlingen ist allerdings der amerikanische Monarchfalter (Danaus plexippus). Anders als der Distelfalter produziert er im Winter keinen Nachwuchs: Dieselbe Generation, die im Herbst nach Süden gezogen ist, wandert im Frühjahr wieder nordwärts.

Bäume, auf denen Monarchfalter in dichten Trauben überwintern, sind noch immer ein faszinierender Anblick. Doch schon seit Jahren sind diese geselligen Schmetterlinge auf dem absteigenden Ast. Warum ihre Zahl so stark abgenommen hat, ist eine Frage, die viele Wissenschaftler umtreibt. Wie Blanca Xiomara Mora Alvarez und Keith A. Hobson von der University of Western Ontario in London, Ontario, entdeckten, könnte zunehmender Straßenverkehr eine Rolle spielen. Gemeinsam mit Rogelio Carrera-Treviño von der Universidad Autónoma de Nuevo León in Escobedo zählten sie an den mexikanischen Highways Mex-057 und Mex-40D vorbeifliegende und tot am Straßenrand liegende Falter. Und zwar im Herbst, als Schmetterlinge der östlichen Population ihr Überwinterungsquartier in den Wäldern der mexikanischen Sierra Nevada ansteuerten.

Die Forscher konzentrierten sich auf zwei Stellen, wo das Gelände die Monarchfalter zwingt, in dichten Schwärmen über die Autobahn zu fliegen. Nach Hochrechnungen sind im Herbst 2018 an diesen Engpässen mindestens 196.560 Falter dem Verkehr zum Opfer gefallen. Gemessen an der gesamten Population östlich der Rocky Mountains, sind das zwar nur wenige Promille. Doch die wandernden Monarchfalter müssen etliche Straßen passieren.

Was der Falterpopulation zusetzt

Auf jeden Fall dürfte die Todesrate drastisch steigen, wenn das Wetter die Schmetterlingsmassen hindert, nach oben auszuweichen. Falter, die nur wenige Meter über der Autobahn fliegen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von Fahrzeugen mitgerissen. Zumal, wenn sich diese, wie in Mexiko beobachtet, nicht sonderlich um Geschwindigkeitsbegrenzungen scheren. Als wichtigste Faktoren, die der Monarch-Population zusetzen, gelten allerdings unmittelbare Eingriffe in ihren Lebensraum: zum einen illegale Abholzungen im mexikanischen Überwinterungsquartier, zum anderen wird in den Brutgebieten großzügig mit Pestiziden hantiert.

Forscher um Emma M. Pelton von der Xerces Society for Invertebrate Conservation in Portland, Oregon, und Elizabeth E. Crone von der Tufts University in Medford, Massachusetts, widmeten sich den Monarchfaltern, die an der kalifornischen Küste überwintern. Diese westliche Population, die sich im Sommer in den Tälern der westlichen Rocky Mountains und der Kaskadenkette tummelt, war schon immer deutlich kleiner als die östliche. Seit den 1980er Jahren ist sie nun um mehr als 99 Prozent geschrumpft. Besonders steil ging es zwischen 2017 und 2018 bergab. Wie die Wissenschaftler in „Frontiers in Ecology and Evolution“ berichten, hing das wahrscheinlich mit außergewöhnlich starkem Regen im März 2018 zusammen. Nach diesen Unwettern zählten engagierte Bürgerwissenschaftler (Citizen scientists) nur ein Zehntel so viel Eier und Raupen wie im Jahr 2017 in denselben Gebieten.

Über längere Zeit betrachtet, korreliert der Abwärtstrend aber weniger mit Wetterkapriolen als mit dem Verlust von Bäumen, in denen die Falter überwintern konnten. Als ebenso fatal erweist sich, dass Unkraut gern arbeitssparend mit Herbiziden bekämpft wird. Im Herbst 2018 ergab die Zählung, die Bürgerwissenschaftler alljährlich zu Thanksgiving durchführen, weniger als dreißigtausend Monarchfalter. Ökologen waren alarmiert: Womöglich könnte die westliche Population bald komplett verschwinden. Höchste Zeit, um gegenzusteuern. Nötig scheint das an mehreren Stellen gleichzeitig, schließlich ist der Monarch ein Wanderfalter par excellence.

Selbst kein schmackhafter Bissen

Pelton und ihre Kollegen plädieren dafür, den imposanten Falter in Kalifornien als gefährdet einzustufen. Dadurch würde es einfacher, seine Winterquartiere wirksam zu schützen und durch Anpflanzungen aufzuwerten. Derzeit sind Bäume, in denen Tausende von Monarchfaltern hängen, zwar ein Highlight für Touristen, stehen aber nur selten unter gesetzlichem Schutz. Kein Wunder, dass auch in jüngster Zeit noch manche aus Unkenntnis gefällt oder so zurechtgestutzt wurden, dass sie nicht mehr als Ruheplatz für die Falter taugen. Davon abgesehen sind Winterdomizile des Monarchfalters an der kalifornischen Küste auch in Gefahr, von rasch wachsenden Siedlungen überrollt zu werden. Damit sich der Falter im Sommer prächtig vermehren kann, braucht er außerdem passende Verpflegung, nicht nur in den Bergen fernab der Küste, sondern auch auf dem Weg dorthin. Erwachsene Schmetterlinge besuchen verschiedenartige Blüten, um Nektar zu saugen. Die Raupen sind dagegen Spezialisten, sie tun sich fast immer an Seidenpflanzen der Gattung Asklepias gütlich. Dass sie sich dabei auch Giftstoffe einverleiben, signalisieren sie durch schwarz-gelbe Querstreifen. Die Falter zeigen ebenfalls mit Signalfarben, dass sie kein schmackhafter Bissen sind.

Selbst giftig, reagieren sie auf andere Giftstoffe aber durchaus empfindlich. Die Wissenschaftler fordern deshalb, dem Monarchfalter zuliebe in Parks und Gärten nicht nur auf Schädlingsbekämpfung mit Neonikotinoiden und anderen Insektiziden zu verzichten. Gärtner sollten auch ohne Herbizide auskommen, Wildkräuter also nicht radikal eliminieren. An die Landwirte appellieren Pelton und ihre Kollegen, Pestizide möglichst selten und zielgenau einzusetzen. Daran, dass Herbizide wie Glyphosat oft freigiebig und großflächig auf den Äckern verteilt werden, dürfte sich allerdings wenig ändern. Schließlich sind die in Nordamerika angebauten Nutzpflanzen oft gentechnisch derart ausgerüstet, dass ihnen diese Giftstoffe nichts mehr anhaben können.

Refugien für die Monarch-Raupen gesucht

Wenn die Raupen in ländlichen Regionen kaum noch Nahrung finden, bieten sich Städte als Alternative an. Wo sie als Kinderstube für Monarchfalter taugen, erkundeten Ökologen um Mark K. Johnston und Erika M. Hasle vom Field Museum in Chicago, Illinois. Gemeinsam mit Sozialwissenschaftlern widmeten sie sich den Metropolen Chicago, Minneapolis-St. Paul, Kansas City und Austin. Mit entsprechender Software suchten sie zunächst auf Luftbildern nach Arealen, die passende Pflanzen für Raupen und Falter beherbergen könnten. Nicht alle Grünflächen kommen dafür in Frage. Intensiv gepflegte Sportplätze zum Beispiel sind als Biotop disqualifiziert. An Wegrändern, in Parks und in Gärten können Monarchfalter und andere Insekten dagegen durchaus zu Stadtbewohnern werden.

Wie zahlreich die von Monarch-Raupen bevorzugten Seidenpflanzen bereits die Städte bevölkern, studierten die Forscher entlang von Beobachtungsstrecken, die von spärlich bebauten Randbereichen über Vorstädte bis in die City reichten. Zusätzlich nahmen sie Naturschutzgebiete und andere naturnahe Areale detailliert unter die Lupe. Wie zu erwarten entpuppten sich solche Gebiete als besonders reich an passenden Nahrungspflanzen. Brachflächen und Wegränder waren deutlich weniger üppig bewachsen. Betrachtet man bebaute Flächen, so sind Mehrfamilienhäuser im Durchschnitt zwar besser mit Seidenpflanzen bestückt als Einfamilienhäuser. Doch weil Einfamilienhäuser insgesamt viel mehr Fläche beanspruchen, sehen Johnston und Kollegen gerade hier das größte Potential für den Monarchfalter.

Dass viele Gartenbesitzer durchaus bereit wären, zugunsten des spektakulären Wanderfalters eine größere Anzahl Seidenpflanzen zu beherbergen, zeigt eine Umfrage: Von den gärtnernden Großstädtern unter den Befragten gaben 81 Prozent an, dass solche Gewächse bereits auf ihrem Grundstück gedeihen. Etwa die Hälfte davon konnte sich vorstellen, den Nahrungspflanzen der Monarch-Raupen künftig noch mehr Platz einzuräumen. Würde dieses Potential landesweit auch nur halbwegs ausgeschöpft, wäre das für die Population des Monarchfalters ein großer Gewinn. Vorausgesetzt, die eifrigen Gärtner wählen stets Seidenpflanzen, die vor Ort von Natur aus heimisch sind.

Fachleute der Xerces Society for Invertebrate Conservation warnen eindringlich vor der tropischen Seidenpflanze Asclepias curassavica: Wo diese Gartenpflanze im Winter nicht abfriert, kann auf ihr ein parasitischer Einzeller überleben. Im nächsten Frühjahr kann sich dann eine neue Generation von Monarchfaltern infizieren, und die Krankheit breitet sich weiter aus. Außerdem bleibt die tropische Seidenpflanze oft viel länger grün als ihre nördlichen Verwandten. Was die Schmetterlinge dazu verleitet, sich zu paaren und Eier zu legen statt sich auf den Weg ins Winterquartier zu machen. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Asclepias curassavica bei steigenden Temperaturen mehr Gift produziert. Die Hitze nimmt jedenfalls auch in ihrem Lebensraum zu, womöglich mehr, als die Raupen des Monarchfalters vertragen.

Quelle: F.A.Z.
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