Kinderzahn-Studie

Neandertalerinnen stillten nicht länger als moderne Mütter

Von Sascha Zoske
Aktualisiert am 03.11.2020
 - 11:59
Familiär: Neandertaler-Darstellung aus dem Buch „Menschen der Urzeit“ von 1977
Warum sind die Neandertaler ausgestorben? Eine Theorie hängt mit der Dauer des Stillens zusammen. Forscher aus Frankfurt und Italien haben gezeigt, dass sie wahrscheinlich nicht stimmt.

Muttermilch ist ein wertvolles Nahrungsmittel, aber manche Forscher meinen, dass der Neandertaler zu viel davon getrunken hat. Ihre These: Die Mütter hätten ihre Kinder sehr lange gestillt. Weshalb die Säuglinge nicht früh genug andere wichtige Nährstoffe bekommen hätten, die für eine Höherentwicklung des Gehirns nötig seien. Dies könne zum Aussterben der Verwandten des Homo sapiens geführt haben, so lautet die Hypothese.

Eine Studie von Forschern der Universität Frankfurt zeigt nun: Diese Annahme ist wohl nicht zu halten. Zusammen mit Kollegen aus Italien hat Arbeitsgruppenleiter Wolfgang Müller Milchzähne von vier Neandertaler-Kindern untersucht, die vor 40.000 bis 70.000 Jahren in norditalienischen Höhlen gelebt hatten. „Wir betteten die Zähne in Harz ein und schnitten sie dann in hauchdünne Schichten - ein für solch seltene Funde äußerst ungewöhnliches Vorgehen, zumal wir die kostbaren Proben hinterher wieder zusammensetzen mussten“, erläutert Müller.

Aufschlussreiches Verhältnis von Strontium und Calcium

Mit einem Laser wurde dann Zahnsubstanz abgetragen. In diesem Material bestimmten die Wissenschaftler mithilfe eines Massenspektrometers den Gehalt von Strontium und Calcium. Aus dem Mengenverhältnis beider Elemente ließen sich Rückschlüsse auf die Ernährung der Kinder ziehen: Ein niedriger Strontium-Gehalt deutet auf Muttermilch hin, denn mit dem Wechsel zu pflanzlicher und tierischer Nahrung nimmt der Anteil dieses Elements im Zahnschmelz zu. Auf diese Weise konnten die Forscher ermitteln, dass die Mütter ihre Kinder vier bis sechs Monate nach der Geburt abgestillt hatten. Das ist nicht später, als es heute bei Babys üblich ist.

Aus dem Verhältnis verschiedener Strontium-Isotope (Atome des gleichen Elements mit unterschiedlicher Neutronenzahl) ließ sich zudem erkennen, auf welchem Boden die Neandertaler gelebt haben. Eine der Mütter verbrachte die letzte Zeit vor der Geburt und die ersten 25 Tage danach nicht am Fundort des Zahns ihres Kindes. Die Mütter der anderen Kinder, die etwa 10.000 Jahre früher gelebt hatten, waren dagegen sehr ortstreu.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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