Weltnaturerbe in Gefahr

Neue Bedrohung für australische Korallenriffe

Von Katharina Moser
21.03.2021
, 17:32
Der Konflikt zwischen Industrie und Natur ist wohl einer der grundlegendsten des Anthropozäns. Das australische Ningaloo-Riff muss als lebendiges Testobjekt herhalten.

Während weltweit die Sorge um marine Ökosysteme und die Gesundheit der Ozeane wächst, reißen vor allem die Nachrichten aus Australien nicht ab. Abermals steht das „Ningaloo Reef“, eines der größten Saumriffe der Welt, berühmt als Heimat der seltenen Walhaie und Juwel der nachhaltigen Tourismusbranche, im Schlaglicht der Wirtschaftsprofiteure. Dabei hatte das Jahr 2020, so schien es, für die Vertreter des westaustralischen Umweltschutzes so gut geendet: Nach langem Tauziehen zwischen Unternehmensvertretern und lokalen Naturschützern hatte das Unternehmen „Subsea 7“ sein Projekt einer Pipeline durch den an das Riff angrenzenden Golf von Ningaloo zurückgezogen. Nicht nur die Umweltschutzorganisation „Protect Ningaloo“, sondern auch die westaustralische Umweltbehörde EPA hatte große Schäden für das Riff und die darin beheimatete Tierwelt für wahrscheinlich gehalten.

Das Riff beheimatet mehr als 200 Korallenarten, 500 Fischarten und andere Riffbewohner, darunter Walhaie, Buckelwale, Mantarochen, Seekühe, Delphine, Meeresschildkröten und Haie. Doch die Zeit des Aufatmens für die wertvolle Natur währte nicht lange: Nun steht ein neues Bauvorhaben im Vordergrund, das seit 2019 Teil der aufstrebenden Wirtschaftsüberlegungen der Region ist, nun aber ins Visier der Behörden und Investoren geraten ist: Der sogenannte Gascoyne Gateway, ein neuer Tiefseehafen bei Exmouth, im Golf von Ningaloo und unweit des Marine Parks gelegen, soll einen Boom des Schiffsverkehrs der Region bewirken.

Der neue Hafen wird gerade von der Umweltbehörde geprüft. Er soll die „Exmouth Marina“, den bisherigen marinen Ankunfts- und Umschlagplatz des Städtchens, ersetzen, und deutlich größeren Schiffen das Anlegen ermöglichen. Der Gascoyne Gateway bezeichnet sich als den weltweit ersten „grünen Hafen“, denn er soll ökologisches Low-Impact-Management mit nachhaltigen Maßnahmen zum maritimen Schutz verbinden. Für manche nur ein Lippenbekenntnis, das über den wie gewohnt wirtschaftlichen Charakter des Vorhabens kaum hinwegtäuschen kann; für andere eine Chance, die Exmouth zu einem der wenigen Beispiele ökologischen Wirtschaftens machen könnte.

Wirklich ein grüner Tiefseehafen?

Zunächst einmal ist der Hafen jedoch vor allem ein enormes Bauvorhaben. Kern dessen soll die Aufnahme von Kreuzfahrtschiffen sein. Der bisherige Bootshafen kann nur Boote bis zu einer Länge von 35 Metern beherbergen. Riesige Ozeankreuzer müssen vor der Küste im Golf vor Anker gehen, ihre Gäste auf kleinen Booten an Land gebracht werden. Dies wiederum ist stark von Wetter und Seegang abhängig. Die nicht ganz unkomplizierte Anreise hielt die Flut von Gästen bisher in Grenzen. Mangels eines Massentourismus, wie das Great Barrier Reef ihn in der Hochsaison erlebt, ist das Riff vergleichsweise unberührt und der Ort zumindest unter ausländischen Touristen noch ein Geheimtipp. Dies könnte sich durch einen neuen Hafen ändern.

Geplant ist eine Hafengröße, die Schiffe einer Gesamtlänge von bis zu 300 Metern und einem Tiefgang von 12 Metern in sich aufnehmen kann. Was das für den Schutz des Golfes bedeutet, wollen viele sich kaum vorstellen. Der Hafen soll ferner Superyachten aufnehmen, Schüttguttransporte und den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse direkt aus der Region ermöglichen, und die Schiffe der Australian Border Force unterstützen.

Doch ein weiterer Punkt bereitet Umweltschützern besondere Sorge: Ein Tiefseehafen würde der Öl- und Gasindustrie der Region stark zugutekommen. Vor der Küste liegen zahlreiche Bohrinseln für das reiche Öl- und Gasvorkommen. Ein größerer Hafen erleichtert der Industrie den Transport von Konstruktionsmaterialien, Personal und Versorgungsgütern. Acil Allen Consulting verspricht sich ein Wachstum der Ölindustrie. Hinzu kommt, dass der Hafen auch der verstärkten Versorgung von Tankern mit Treibstoff dienen soll.

Und wieder wird somit der altbekannte Konflikt zwischen wirtschaftlichem Profit und dem Erhalt der ebenso lebenswichtigen Natur ausgetragen. Das Board of Tourism hat sich schon hinter das Projekt gestellt, und viele Einheimische versprechen sich ein enormes Jobwachstum und die Chance zu ökonomischen Aufstieg. Aufhorchen lässt aber ein anderer Aspekt. Das Unternehmen bekennt sich zu ökologischem Management: Der Hafen soll außerhalb des geschützten Marine Parks liegen, auch die Schiffroutenführung soll außerhalb des Unesco-gelisteten Bereichs verlaufen. Nach eigenen Angaben wird der marine Fußabdruck des Hafens um ein Drittel geringer sein als der des alten Hafens und somit auch die Walhai-Migration nicht beeinträchtigen.

Das Management soll möglichst energieeffizient und emissionsarm durchgeführt und der Energiebedarf durch ein eigens gebautes Solarfeld gedeckt werden. Ein CO₂-neutraler Tiefseehafen wäre in der Tat ungewöhnlich. „Das Hauptmerkmal ist, dass es nicht mehr nur um die Minimierung der Auswirkungen auf die lokale und globale Umwelt geht, sondern dass es die Reparatur und Regeneration vergangener Auswirkungen bewirken kann“, sagt Peter Newman, Professor of Sustainability an der Curtin University, Perth. Der Gascoyne Gateway könne diese regenerativen Qualitäten in Bezug auf Energie, Wasser, Abfall und Biodiversität demonstrieren. Er könne auch soziale und wirtschaftliche Erneuerung ermöglichen und stelle somit, laut Newman, zum ersten Mal in Australien einen ganzheitlichen Ansatz für eine regenerative Entwicklung dar.

Aber kann das funktionieren? Der Hafenplan weckt unter Umweltschützern trotz allem größte Befürchtungen. Zwar liegt der Hafen nicht im Marine Park. Jüngste Untersuchungen haben aber gezeigt, dass auch im Golf die Biodiversität enorm hoch ist. Golf und Riff sind miteinander verbundene Systeme. Der Golf fungiert für die unvergleichliche und schützenswerte Meeresflora und -fauna der Region als Kinderstube. Wie das „2020 Conservation Outlook Assessment“ der IUCN betont, beherbergt das Gebiet selten große Ansammlungen von Walhaien der Art Rhincodon typus, verbunden mit einer Häufung von anderen Fischarten und Meeressäugern.

Das massenhafte Ablaichen der Korallen und der saisonale Nährstoffauftrieb verursachen einen Höhepunkt in der Produktivität, der zu Ansammlungen von bis zu 500 Walhaien entlang der Ningaloo-Küste führt, was diese zu einer der größten dokumentierten Ansammlungen der Welt macht. Bemerkenswert ist auch die Anwesenheit von Buckelwalen, die auf ihrer jährlichen Wanderung von den Futterplätzen in der Antarktis zu den Kalbungsgebieten entlang der westaustralischen Küste ziehen. Blau- und Pottwale wurden in den küstennahen Regionen des angemeldeten Gebiets beobachtet, ebenso wie Mink-, Brydes-, Südliche Glattwale und Schwertwale.

Erhöhter Schiffsverkehr kann den Meerestieren großen Schaden zufügen. Der enorme Lärm der Schiffsmotoren beeinträchtigt die Gesundheit gerade von Buckelwalen und Walhaien, ganz gleich, wie „grün“ der Hafen werden soll. Die kanadische Meeresbiologin Lindy Weilgart von der Dalhousie University in Nova Scotia untersuchte in einem im Jahr 2018 veröffentlichten Bericht die Auswirkungen von marinem Lärm auf Fische und Wirbellose, von denen sich Walhaie und Buckelwale ernähren: „Zu den Auswirkungen des Lärms auf die Entwicklung gehören Fehlbildungen des Körpers, eine höhere Sterblichkeit von Eiern oder unreifen Tieren, Entwicklungsverzögerungen, Verzögerungen bei der Metamorphose und der Ansiedlung sowie eine langsamere Wachstumsrate. Zooplankton erlitt eine hohe Sterblichkeit in Gegenwart von Lärm. Zu den anatomischen Auswirkungen von Lärm gehören massive innere Verletzungen, zelluläre Schäden an Statozysten und Neuronen, die zu Desorientierung und sogar zum Tod führen, sowie Hörverlust.“

Massive Verschmutzung durch Kreuzfahrten

Ferner ist ein erhöhtes Stresslevel bis zu Verhaltensstörungen häufig (www.oceancare.org). Und das ausgerechnet in einem Küstenbereich, der eine derart große Vielfalt an wirbellosen Meerestieren und Algen bietet wie die Ningaloo Coast: Mehr als 50 Prozent der Korallenarten des Indischen Ozeans, mindestens 650 Weichtierarten, 600 Krebstierarten, 155 Schwammarten und eine nicht dokumentierte Anzahl von Stachelhäutern, darunter 25 für die Wissenschaft neue Arten, bilden einen außergewöhnlichen Reichtum, ergänzt durch mehr als 1000 Arten von Meeresalgen. Ein weiterer wissenschaftlicher Befund, der an der Nachhaltigkeit des Projekts zweifeln lässt: Der Tod von mindestens einem Drittel aller verstorbenen Wale ist auf Schiffskollisionen zurückzuführen. Dabei ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kollision proportional zur Größe und Geschwindigkeit der Schiffe wächst.

Eine in der Zeitschrift „Ocean & Coastal Management“ veröffentlichte Studie zu den ökologischen Folgen des Kreuzfahrttourismus kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Nährstoffe, die durch Abwässer der Schiffe in die Meeresumwelt gelangen, können Veränderungen in der Struktur der Ökosysteme verursachen und den Sauerstoffgehalt reduzieren. Die International Maritime Organization weist außerdem darauf hin, dass die Folgen von Ballastwasser, das auf großen Schiffen zur Stabilisierung dient, eines der bedeutendsten globalen ökologischen und ökonomischen Risiken sind. Wie bei anderen großen Schiffen wird Ballastwasser bei Kreuzfahrtschiffen aufgrund der Übertragung von invasiven Spezies als problematisch eingeordnet. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen hat die Touristenschiffe ferner als eine der Hauptverschmutzungsquellen für marine Ökosysteme identifiziert. Auch Biozide und Lichtverschmutzung gehören zu den Folgen.

Finger weg vom Naturparadies

Das Great Barrier Reef zeigt, wie stark unvorsichtige Taucher, Massen an Sonnencreme und souvenirgierige Tagestouristen ein empfindliches Ökosystem zerstören können. Dabei ist die Bedrohung schon jetzt groß genug: Laut dem neuesten Bericht der IUCN könnte das Ningaloo Reef durch den Klimawandel bis 2049 die meisten der Korallen verloren haben. Die Studie nennt als größte Gefahren für das Riff ebenfalls wachsenden Tourismus und das Vordringen der Öl- und Gasindustrie. Jüngste Daten zeigen, dass die Populationen wichtiger Schlüsselfischarten im Ningaloo Marine Park rückläufig sind, sogar innerhalb geschützter Schutzzonen, was auch auf Sportfischerei zurückzuführen ist.

Die Öl-und Gasindustrie währenddessen wirkt sich auf wandernde Arten und ökologische Verbindungen innerhalb und in der Nähe des Standorts aus, nicht zuletzt durch seismische Tests, Bohrungen und Betrieb. Vorfälle wie das versehentliche Austreten von Öl oder anderen Schadstoffen stellen eine erhebliche und höchstwahrscheinlich irreversible Bedrohung für die Meeresfauna und -ökosysteme dar. Bestimmte Elemente der Meeresfauna, die in der Welterbestätte Ningaloo Coast zu finden sind, könnten im Falle einer Ölpest für immer verlorengehen, insbesondere Korallenriffe und festsitzende wirbellose Tiere. Forscher befürchten auch, dass das Korallenwachstum nicht mit dem steigenden Meeresspiegel wird Schritt halten können. So vielversprechend ein „Green Port“ auch scheint – es sieht so aus, als würden die Probleme nur ausgelagert: Der Hafen selbst verursacht keine Emissionen, keinen Lärm, aber die Schiffe und Touristen, die er mit sich bringt.

Das Projekt macht Umweltschützer wie die von „Protect Ningaloo“ fassungslos. Leiter Paul Gamblin bezeichnete das Projekt gegenüber australischen Medien als „völlig fehl am Platz“. Eine weitere Zerstörung der Natur wäre auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Katastrophe, schließlich hängt die Halbinsel um Ningaloo am Tourismussektor. „Die Leute kommen mit ihren Familien hierher und genießen die Tatsache, dass es hier nicht industrialisiert ist. Das Letzte, was sie sehen wollen, sind Öl- und Gastanker und riesige Kreuzfahrtschiffe im Golf.“

Bis Juni 2021 will sich die Umweltbehörde mit der Begutachtung des Vorhabens Zeit nehmen. Bis dahin werden sich die Unterstützer von „Protect Ningaloo“ weiter dafür einsetzen, dass Riff und Golf von industriellen Machenschaften verschont bleiben. Gamblin ärgert sich, dass alle paar Monate der lokalen Bevölkerung neue Industriepläne vorgeschlagen würden, und fordert die Regierung auf, endlich klarzumachen, dass die Region für die Industrie nicht zu haben sei.

Es ist zu hoffen, dass der „Grüne Hafen“, sollte er dennoch zugelassen werden, auch so umweltschonend und nachhaltig ist, wie er verspricht. Doch es ist zu bezweifeln, dass der Region und dem Unternehmen das Spagat zwischen Nachhaltigkeit und Profit gelingt.

Quelle: F.A.Z.
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