Biodiversität

„Nötig ist eine biologische Alphabetisierung der Gesellschaft“

Von Joachim Müller-Jung.
28.08.2021
, 09:00
Erhaltungskulturen von gefährdeten Wildpflanzenarten im Botanischen Garten Berlin
Wie die Forschung in der Hauptstadt helfen soll, den globalen Artenschwund zu stoppen. Ein Gespräch mit dem Direktor des Botanischen Gartens Berlin, Thomas Borsch.
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Herr Borsch, vom Wissensarchiv und Naturerlebnisraum zum Internationalen Wissenschaftszentrum der Botanik. Ist Ihr Zukunftskonzept für den Botanischen Garten Berlin als Beitrag zu verstehen, mithilfe verstärkter Forschung der Lösung der weltweiten Artenkrise, also gesellschaftlicher Probleme, mehr Gewicht zu verleihen?

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Der Spirit, etwas bewegen zu wollen, ist bei allen Mitarbeitern in unserem Haus ganz stark. Viele jüngere Leute, die zu uns kommen, geht das einfach auch selbst immer mehr an. Denn die Zeit für den Artenschutz läuft ab. Es ist die Motivation vieler von uns, nicht nur Argumente zu liefern, warum etwas getan werden muss, sondern auch seriöse Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ich würde die Biodiversitätsforschung mit der Medizin vergleichen. Stellen Sie sich vor, die Medizin wäre reine Humangenetik. Unmöglich. Mediziner wollen heilen, es gibt für sie ein Gesundheitsziel. Wir möchten doch alle eine gesellschaftliche Entwicklung voranbringen, die nicht länger auf Kosten der Biosphäre geht. Deshalb finde ich es legitim, wenn Taxonomen genau wie Biodiversitäts- und Evolutionsforscher aus sich herausgehen und den gesellschaftlichen Diskurs suchen.

Was ist die neue Philosophie des Botanischen Gartens?

Wir wollen zum einen Wissen über die Arten produzieren und verfügbar machen. Das hat inzwischen einen starken globalen Charakter. Wir haben viele internationale Partner, es gibt einen engen akademischen Austausch, und wir entwickeln uns heute mit dem Gedankengut, das in der UN-Biodiversitätskonvention, in den nachhaltigen Entwicklungszielen und einer globalen Gerechtigkeit verankert ist. Uns ist auch Forschung auf Augenhöhe sehr wichtig. Zum Zweiten ist für uns die Verfügbar­machung des Wissens ganz wichtig. Die Sammlungen werden digitalisiert und weltweit vernetzt. Wir liefern ganz viele Daten in die Global Biodiversity Information Facility hinein, und dieses Wissen kann als Faktenwissen von allen genutzt werden, die es brauchen, unentgeltlich und ungeschönt.

Thomas Borsch leitet den Botanischen Garten Berlin – die größte universitäre Forschungssammlung im Land, die Millionen historischer Belege unter anderem von Alexander von Humboldt enthält. Der Botanische Garten enthält zudem die weltweit zweitgrößte Sammlung an lebenden Pflanzen.
Thomas Borsch leitet den Botanischen Garten Berlin – die größte universitäre Forschungssammlung im Land, die Millionen historischer Belege unter anderem von Alexander von Humboldt enthält. Der Botanische Garten enthält zudem die weltweit zweitgrößte Sammlung an lebenden Pflanzen. Bild: Michael Fahrig

Warum sollte man botanisches Wissen schönen?

Wir erleben das in Deutschland immer wieder mit den Interessengruppen, die teils sehr unterschiedliche Nutzungspläne haben. Wie in der Klimadiskussion ist hier offenes Biodiversitätswissen notwendig, und das können wir durch den freien Zugang zu digitalisierten Daten schaffen.

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Nun haben botanische Gärten traditionell auch eine starke Funktion als Erlebnis- und Ruheraum für Schüler oder Laien, wird die auch gestärkt?

Das bleibt für uns ganz entscheidend. Wir wollen die Menschen natürlich auch emotional mitnehmen. Ein botanischer Garten mit denkmalgeschützten Gebäuden ist auch ein Kunstwerk. Bei uns wird seit 120 Jahren Wissen inszeniert, das ist ein kulturhistorischer Ort, an dem man sich auch erholen und etwas entdecken kann. Heute geht es aber zusätzlich darum, das Wissen über Arten- und Umweltschutz emotional verpackt an die Menschen zu bringen, die vielleicht bisher keinen Zugang dazu haben. Alles, was wir forschen, soll möglichst schnell an die weitergegeben werden, die es zur Verbesserung der Welt nutzen möchten.

Eine Datensammlung und Biodiversitätsinformatik kann man schlecht öffentlich inszenieren. Inwiefern bringt sie die Digitalisierung als öffentlicher Garten weiter?

Als Internationales Wissenszentrum für Botanik werden wir zu einem Knotenpunkt. Wir vernetzen das Artenwissen und verknüpfen Daten zu Organismen, die an Sammlungsobjekten und an Beobachtungen hängen und die georeferenziert sind. Da geht es um Standards, um die Verfügbarkeit von Daten, auch die Datenqualität spielt eine Rolle. Das gilt auch für die Herbariensammlung. In ganz Deutschland gibt es ungefähr 30 Millionen Belege. Inzwischen gibt es den Plan, alle deutschen Herbarien zu vernetzen, und als größtes Haus haben wir auch da eine Vorreiterfunktion. In den kleineren Häusern liegen viele wichtige Informationen über die regionale Verbreitung brach, dieses Wissen wollen wir erschließen. Ein schönes Beispiel ist Arnika, die inzwischen ja leider bedroht ist. Allein wir besitzen dazu mehr als fünftausend Belege aus dreihundert Jahren, aber nur ein Teil davon ist ausgewertet.

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Große Lücken gab es immer auch international. Wie schnell kommt die Biodiversitätsforschung da voran?

Geschätzt kennen wir heute 400 000 Arten weltweit, und jedes Jahr werden 2000 neue entdeckt. Wir organisieren zusammen in einem weltweiten Konsortium, dem World Flower Online, das wir mit allen führenden botanischen Institutionen wie etwa Kew Gardens in England betreiben. Das müssen wir auch unbedingt weiter voranbringen. Die Erforschung der Artenvielfalt mit den Werkzeugen der molekularbiologischen Revolution ist in vollem Gange. Darin sollen alle global eingebunden werden. Es soll nicht mehr irgendwo anonym etwas kompiliert werden, und es ist nicht gut, wenn die wissenschaftliche Community ihr Eigenleben führt. Deshalb war es uns auch wichtig, die Taxonomie mit den angewandten Gebieten der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung zusammenzubringen.

Was bringen die digitalen Datenberge für den weltweiten Artenschutz?

Um Artenwissen anwendbar zu machen, muss ich zuerst wissen, wo kommen welche Arten vor. Das ist in biodiversitäts­reichen Ländern besonders schwer, wo oft nur einzelne Experten unterwegs sind. Wir haben zudem 100 Millionen Her­barien-Belege weltweit. Damit könnten wir ähnlich wie die Klimaforschung neue Artenverbreitungsmodelle aufstellen, wenn es die Informationen über die Verbreitung gibt und wenn wir auch mehr über die ökologischen Nischen der Arten wissen. Zusammen mit den Klimamodellen erlaubt das Vorhersagen über die Zukunft der Arten und stellt auch ein wichtiges Wissen für künftiges Landmanagement oder Schutzgebietsplanung zur Verfügung. Ohne solche großen Datensätze ist das gar nicht mehr möglich.

Montage von Herbarbelegen
Montage von Herbarbelegen Bild: G. Hohlstein, Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin

Hat man dafür nicht immer die Roten Listen der gefährdeten Arten genutzt?

Viele machen sich gar nicht klar, wie rudimentär die Informationen über den Gefährdungsstatus bisher sind. Wir haben von weniger als der Hälfte der Blütenpflanzenarten überhaupt eine Einschätzung, ob sie gefährdet sind oder nicht. Das gilt auch für die Frage der genetischen Vielfalt. Durch die exakte Dokumentation der Populationen, wo eine Art reich an vielen verschiedenen Genotypen ist und wo andererseits die Populationen isoliert sind, können wir gezielter sagen, was passieren muss, um die Arten auch in einer stark genutzten Landschaft zu erhalten. Deshalb ist es auch wichtig, die Daten mit unserer Saatgutbank für Wildpflanzen zu vernetzen, um dann den Arten vielleicht auch zielgerichtet durch Wiederansiedlung und Populationsstützung auf die Sprünge helfen zu können.

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Wird das bei dem bevorstehenden Biodiversitätsgipfel der UN in China eine Rolle spielen, an den viele Hoffnungen in der Hinsicht geknüpft sind?

Eines der großen Themen wird sein, die Schutzgebietsflächen weltweit zu erhöhen. Einige Länder sind da sehr aktiv, andere wie Deutschland müssen noch etwas tun. Wie viel Raum bekommt Natur? Darum wird es zentral gehen. Wie wir dagegen auf die katastrophalen Ökosystem-Zusammenbrüche reagieren, die wir gerade mit den Bränden weltweit erleben, oder durch die riesigen Abholzungen, dafür gibt es noch gar kein Konzept. So viel aufzuforsten, wie durch die Vegetationsverluste jedes Jahr schwindet, geht gar nicht. Es ist deshalb entscheidend, Klimaschutz und Biodiversitätsschutz zusammenzudenken. Dafür muss es endlich eine gemeinsame Strategie geben. Die Arten müssen einen hohen Stellenwert haben. Bei der Frage, welche Stellschrauben gedreht werden sollen, dürfen wir nicht in die Situation kommen, dass wir nur noch die Ökosystemdienstleistungen betrachten oder was mit Ökosystem-Engineering möglich ist. Es muss klar sein, dass es nicht nur um Stoffflüsse, sondern auch um Artenvielfalt gehen muss. Die Gefahr besteht leider ganz eklatant. Klima kann sich ändern, Artenvielfalt hingegen, die in Jahrmillionen entstanden ist, ist eben unwiederbringlich verloren.

Ärgert es Sie manchmal, dass Aktivisten wie Fridays for Future für das Klima in kurzer Zeit viel erreicht haben, der Artenschutz aber nach Jahrzehnten verglichen dazu eher dahindümpelt?

Nein, ärgern nicht, aber es zeigt nur einmal mehr, dass wir dringend eine biologische Alphabetisierung der Gesellschaft schaffen müssen. Die Gesellschaft hat sich im Schnitt der Natur entfremdet. Zwar kommt langsam eine Bewusstseinsbildung an, das zeigen zumindest viele politische Initiativen und Debatten, etwa um den Insektenschutz. Aber wir müssen dahin kommen, dass der Wert von Natur und Artenvielfalt nicht verhandelbar ist. Dahin kommen wir aber nur wissensbasiert, um künftig ein kluges Management zu ermöglichen.

Das erinnert an Ideen von Hubert Markl, der in seinem Buch „Natur als Kulturaufgabe“ dafür plädiert hat, Naturschutz nicht mehr vordergründig als Abwehrschlacht zu verstehen, sondern als Aufruf, den Planeten aktiv wie einen Garten zu pflegen, auch die Wildnis. Müsste Ihnen das als Chefgärtner nicht gefallen?

Das Konzept wurde natürlich diskutiert, aber man muss sagen, dass es nicht gerade eine Modewelle geworden ist. „Gardening the Earth“ ist ein Slogan, der geblieben ist. Wie man da rangeht, ist aber eher eine Haltungsfrage. Man kann das rein technokratisch sehen nach dem Motto „Wir machen uns die Natur untertan“ und denken dann, wir lösen alles schon irgendwie in der Zukunft. Oder überlegen wir uns als schlaue Art Homo sapiens, wie wir uns auf dem Planeten einnischen können und alle anderen Mitbewohner auch eine Chance haben und wir trotzdem ein gutes Leben als menschliche Gesellschaft erhalten. Die Kipppunkt-Debatte gibt es längst auch bei uns. Uns muss klar werden, dass es unsere Generation ist, die etwas ändern muss, denn sonst beenden wir wahrscheinlich in vieler Hinsicht auch eine Kulturentwicklung der Menschheit.

Quelle: F.A.Z.
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