Paläo-Diät

Steinzeit als Lebensstil

Von Sonja Kastilan
16.01.2015
, 21:01
Essen wie die Jäger und Sammler - das liegt im Trend. Aber ist diese Ernährungsform auch wirklich sinnvoll?

Ganz glücklich ist er nicht über seinen Body-Mass-Index. Auch den Fettanteil von 16,4 Prozent wünscht er sich geringer, doch S. Boyd Eaton gibt sich zufrieden: Er steht mit Mitte 70 sichtbar besser da als der mit Übergewicht kämpfende Durchschnittsamerikaner seiner Altersgruppe. Eaton eignet sich zum Vorbild für alle, die den körperlichen und geistigen Verfall im Alter fürchten - als Wegbereiter eines Lebensstils, der mit der Vorsilbe „Paläo“ jetzt zum Trend erklärt, was manchmal wie ein hysterischer Gegenentwurf zu einer strikt veganen Ideologie erscheint. Jedenfalls sind hartgekochte Eier, honigsüße Nussriegel und Trockenfleisch erlaubte Snacks für die Paläo-Adepten, auf deren T-Shirt-Brust schon mal „Früher war alles besser“ gedruckt steht.

Eaton trug bei seinem Vortrag anlässlich des „Ancestral Health Symposium“ im August 2013 ein schlichtes Polohemd ohne Slogan. Er muss keine Blutdrucksenker nehmen oder auf Zuckerwerte achten, stattdessen schluckt der orthopädisch versierte Radiologe zusätzlich Vitamine, Spurenelemente, Omega-3-Fettsäuren sowie Ballaststoffe und unterzieht sich einem rigorosen Fitnessprogramm. So legt er, der einst Olympiateilnehmer medizinisch betreute, seinem Publikum zum Beispiel offen, welche Gewichte er wie häufig stemmt, dass er gerne schwimmt und Rotwein nicht so maßvoll trinkt, wie man vielleicht sollte, wenn überhaupt.

Kein Zuckerschlecken

Auf Natriumsalz und Zuckerzusatz verzichtet Boyd Eaton und warnt vor Tabakkonsum. Folgt selbst aber nicht den strengsten Regeln, lässt sowohl Magermilch und Hülsenfrüchte als auch Vollkorn gelten und vollzieht seit Jahrzehnten etwas, das er als weiche Form einer „recreating ancestral nutrition“ bezeichnet: eine Art Steinzeit-Diät, die er mit dem Anthropologen Melvin Konner erstmals am 31. Januar 1985 im New England Journal of Medicine propagierte. Um Gesundheitsprobleme zu lösen, die sich die Menschheit mit ihrer modernen Ernährungsweise einhandelt, hatten sie sich die Stammesgeschichte des Homo sapiens vorgenommen und Antworten in der Altsteinzeit, dem Paläolithikum, gefunden. Wer wie unsere frühen Vorfahren isst, so die These, kann den Zivilisationskrankheiten entkommen.

Vor dreißig Jahren entwickelten die beiden an der Emory University in Atlanta beschäftigten Akademiker somit ein Konzept weiter, von dem der Arzt Walter Voegtlin bereits 1975 behauptete: „It’s safe, it’s sane, it’s simple, and it really works!“ Was sicher und einfach funktionieren soll, versucht die Ernährungs- und Lebensweise einer Periode nachzuempfinden, die vor vielleicht 2,6 Millionen Jahren mit den ersten Steinwerkzeugen ihren Anfang nahm und damit endete, dass die Menschen nicht mehr in Jäger- und Sammlergemeinschaften lebten, sondern Viehzucht und Ackerbau betrieben und sesshaft wurden, was sich heute beispielsweise in einem leichteren Knochenbau abzeichnet.

Sind 10 000 Jahre nicht genug?

Mehrfach variierte der Speiseplan im Lauf der Geschichte. Seit einigen hunderttausend Jahren wird immerhin das Feuer beherrscht und Nahrung durch Kochen verändert. Zu kurz sei jedoch die Phase seit der neolithischen Revolution vor rund 10 000 Jahren, als dass der menschliche Körper mit Weißbrot, zuckrigen Frühstücksflocken, Mikrowellenlasagne oder Schokopudding fertig werden würde. Das nehmen mittlerweile nicht nur Eaton, Konner und ein paar ihrer Kollegen an. Längst ist eine regelrechte Bewegung entstanden, der laut einer Umfrage in den Vereinigten Staaten vor allem weiße, gutverdienende Hochschulabsolventen mittleren Alters folgen, motiviert von dem Wunsch, abzunehmen, körperlich oder geistig fitter zu werden. Die Masse der Bevölkerung werde sich kaum für diese Lebensweise begeistern lassen, prognostizierte der Historiker Hamilton Stapell 2013 im Rahmen des Symposiums. Sie suche im Internet lieber nach „cupcake“ denn nach „paleo diet“ und erliege wohl weiterhin der Verlockung von Zucker, Salz und Fett. Doch werde die Anhängerschar über das geschätzte eine Prozent hinaus wachsen.

Wie man nun neolithische Innovationen samt den Erfindungen der modernen Lebensmittelindustrie konkret meidet, dazu melden sich inzwischen auch deutsche Blogger und Autoren zu Wort. Sie geben Tipps, wie sich Neujahrsvorsätze umsetzen lassen oder welche Vorzüge Tageslichtwecker, Fleischwolf und spezielle Hanteln haben. Der Buchmarkt hält etliche Ratgeber und Kochfibeln bereit: Vom „Code“ über das „Manifesto“ zum „Prinzip“ ist für alles gesorgt. Das Ziel lautet „Power for Life“; man wird „fit, gesund und schlank“, erhält „Energie und Lebensfreude“, das alles natürlich, mit Genuss und „leckeren Rezepten“.

Im Jagdrevier der Moderne

Die sehen anders aus als jene, mit denen Meister Paul Bocuse uns 1985 die französische Küche näherbringen wollte. Jetzt kommen Hamburger auf den Tisch, bei denen gebratene Ananasscheiben das Brötchen ersetzen. Das sieht appetitlich aus, und Maniok-Chips oder Süßkartoffel-Rösti passen sicher gut dazu, warum also nicht diese käsefreie Interpretation eines Toast Hawaii probieren? Nur dürfte kein Steinzeitjäger, der einst einen Auerochsen erlegte, zugleich die Frucht eines neotropischen Bromeliengewächses zur Hand gehabt haben oder irgendeine Wurzelknolle aus Südamerika. Die Paläo-Köche der Gegenwart sammeln nur selten Bucheckern, Kastanien oder Hagebutten. Sie schöpfen aus der weltweiten Vielfalt an Nahrungsmitteln, zu der insbesondere Europäer erst seit vergleichsweise kurzer Zeit Zugang haben. Ihr Jagdrevier ist der Supermarkt, wo Rehrücken und Schweinelende vereint sind und Kokosnüsse neben Äpfeln und Avocados liegen.

Wie sich unsere Vorfahren zu den verschiedensten Zeiten genau ernährten, ist nicht sicher. Analysen von Zahnschmelz und Knochenmaterial oder Reste ihrer Beutetiere können nur Hinweise geben. Auf jeden Fall waren sie stark vom Klima und der Jahreszeit abhängig und natürlich von der Region. Sie erweiterten ihr Spektrum, wenn möglich oder notwendig, und Erkrankungen im Alter waren weniger ihr Problem - sie starben meist früh. Boyd Eaton liefert trotzdem eine allgemeingültige Basis der Nährwertverteilung: Vor rund 50 000 Jahren habe der Mensch seinen Energiebedarf zu 30 Prozent mit Proteinen gedeckt, meist aus tierischen Quellen, auch nahm er 35 Prozent Fett, vor allem ungesättigte Fettsäuren, zu sich. Und die 35 Prozent an Kohlenhydraten kamen aus Früchten, Gemüsen, Wurzeln, Nüssen und Honig. Er sei ein großer Fan der in Afrika in Erscheinung getretenen Ernährungsweise, bekennt Eaton, überzeugt, dass die Savanne nach wie vor Biochemie und Stoffwechsel bestimmt, weil unsere Vorfahren dort die längste Zeit verbracht hätten.

Die Arktis ist nicht Afrika

Das mag irgendwie plausibel klingen, scheinen doch die typischen Gesundheitsprobleme der Neuzeit mit der westlichen Ernährungsweise und einem sesshaften Leben im Überfluss zusammenzuhängen. Erste Studien geben auch Hinweise, dass Patienten von einer entsprechenden Umstellung profitieren könnten. Gegen eine ausgewogene, saisonale Ernährung, weniger Fertigprodukte und mehr Bewegung ist ohnehin nichts einzuwenden. Aber ganz so einfach, wie manche Paläo-Jünger glauben, ist die Lösung nicht. Jäger-und-Sammler-Gesellschaften ernähren sich auch heute recht unterschiedlich, je nachdem, ob sie in der Arktis, im Amazonasbecken oder in Afrika leben.

Selbst wenn fünf bis zehn Prozent der Bundesbürger von einer glutenfreien Ernährung profitieren könnten (Sonntagszeitung vom 2.11.2014) und ein gewisser Teil der Bevölkerung tatsächlich keine Kuhmilch verträgt oder darauf allergisch reagiert, so ist der menschliche Organismus keinesfalls im Paläolithikum gefangen. Wobei Europäer schon vor mindestens 30 000 Jahren mit der Prozessierung von Lebensmitteln angefangen haben. In der Kultur des Gravettien gewann man offenbar Stärke aus Pflanzenwurzeln, um Mehl für spätere Gelegenheiten parat zu haben. Wildgetreide aus frühen Zeiten wurde wiederum in einer Fundstätte am See Genezareth entdeckt: Homo sapiens nutzte hier bereits vor 23 000 Jahren Gräsersamen verschiedenster Art, neben Emmer und Urgerste sogenannte Trespen und Salzschwanden. Und obwohl sich bei Statur und Gesundheit gerade anfangs Einbußen erkennen lassen, hielt die Menschen im Nahen Osten, in Asien und Amerika offenkundig nichts davon ab, sich um die Kultivierung von Getreide, Reis, Mais und allerlei anderen Pflanzen zu bemühen.

Zweifel an der These

Nicht nur Archäologen bezweifeln, dass es eine einheitliche Steinzeit-Diät für alle gegeben hat. Unter Anthropologen und Evolutionsbiologen regt sich ebenfalls Kritik. Die amerikanische Wissenschaftlerin Marlene Zuk wehrt sich in ihrem Buch „Paleofantasy“ auch gegen die Vorstellung, dass Evolution ein bestimmtes Ziel hätte und dass Veränderungen immer Jahrtausende bräuchten. So hilfreich es sei, den evolutionären Kontext zu berücksichtigen, um Gesundheitsprobleme zu verstehen, das „Mismatch“-Modell habe Grenzen, schreiben Bethany Turner und Amanda Thompson von der Georgia State University in Nutrition Reviews. Nicht alles ließe sich mit der Annahme erklären, dass die heutige Ernährung nicht zur Biologie des Menschen passe, weil Instinkt oder Gene uns beim Essen ins Paläolithikum zurückführen. Zudem werde unsere Ernährungsweise vor allem durch physiologische und gesellschaftliche Erfahrungen geprägt. Schon im Mutterleib beginne ein Lernprozess, der sich ein Leben lang fortsetze.

Der Mensch wird niemals perfekt an irgendeine Umgebung angepasst sein oder gar auf einer Entwicklungsstufe verharren. Im Gegenteil, die fast unheimliche Fähigkeit, mit den unterschiedlichsten Bedingungen zurechtzukommen, zu überleben und sich fortzupflanzen, sichert Homo sapiens bis heute die Existenz. Er ist ein Omnivore, ziemlich flexibel und wandelbar. Wir können uns jetzt in nahezu allen Regionen der Erde aufhalten, weil unsere Vorfahren irgendwann gelernt haben, essbare Wurzeln und Beeren zu erkennen, zu kochen, strategisch zu jagen, ihren Speiseplan auszuweiten, Boote zu bauen, sich in unbekanntes Terrain vorzuwagen, Tiere zu zähmen, Pflanzen zu züchten und Siedlungen anzulegen. Mit dem Zuwachs an Menschen haben sich Kunst, Kultur und Technik entwickeln können, samt Medizin und Wissenschaft.

Schnelle Evolution

Gerade die stark genetischen Anpassungen würden eher Veränderungen seit dem Neolithikum widerspiegeln beziehungsweise die Nischen, die sich der Mensch dann schuf und suchte. Diese Ansicht teilen Turner und Thompson mit einigen Wissenschaftlern. Die Fähigkeit beispielsweise, noch im Erwachsenenalter Milch zu vertragen, unterliegt der natürlichen Selektion und ist eng an das Aufkommen der Viehzucht gekoppelt - in Europa wie in Afrika. Ebenso hat der vermehrte Konsum von Stärke seine Spuren im Erbgut bestimmter Völker hinterlassen: Sie besitzen deutlich mehr Genkopien für das Speichelenzym Amylase. Bekannt sind noch andere Fälle derart junger Stoffwechselvarianten, und man vermutet weitere.

Mit seiner hellen Haut und den blauen Augen ist Boyd Eaton selbst ein gutes Beispiel dafür, dass der Mensch äußerst wandelbar ist. Diese prägnante Kombination ist keine hunderttausend Jahre alt, und ihr genetischer Ursprung liegt außerhalb von Afrika.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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