Tal der Könige

Dann zahlen es eben die Toten

Von Ulf von Rauchhaupt
09.06.2012
, 19:24
Die Gräber fast aller Pharaonen im Tal der Könige wurden bereits in den Jahrhunderten nach ihrer Beisetzung geplündert. Doch da waren keineswegs nur Kriminelle am Werk.

“Geschrieben im Jahr 4, am 22. Tag des 3. Monats der Überschwemmungszeit vom Armeeschreiber Butehamun, nachdem er kam, um für die Ausführung des Befehls zu sorgen im Haus der Ewigkeit im Grab des Königs Djesercheprure-Setepenre, Leben! Wohlstand! Gesundheit!“ Diese Inschrift, in kursiven Hieroglyphen aus Tinte, hatte der britische Ägyptologe Alan Gardiner 1909 im oberägyptischen Tal der Könige in sein Notizbuch übertragen. Sie war bei der Freilegung des Eingangs zum Grab Nummer KV57 aufgetaucht, der vorletzten Ruhestätte besagten Königs, der heutigen Historikern unter seinem Eigennamen Haremhab geläufig ist und als letzter Pharao der 18. Dynastie zwischen 1306 und 1292 v. Chr. über Ägypten herrschte.

Die riesige Gruft war, bis auf ein paar Trümmer, leer. Welche Schätze sie enthalten haben muss, das erahnt, wer auf die erhaltene Grabausstattung von Haremhabs Vorvorgänger Tutanchamun schaut, der schon als Neunzehnjähriger starb und in einer vergleichsweise winzigen, ursprünglich nicht für einen König bestimmten Suite aus Felsenkammern bestattet worden war. Wo aber sind die Reichtümer hingekommen, die man Haremhab ins Jenseits mitgegeben hatte? Und wo die all der anderen Pharaonen, etwa Haremhabs Nachfolger Sethos I., zu dessen Zeit die ägyptische Kunst einen einsamen Höhepunkt erlebte, und Ramses II., unter dem das Reich am Nil so mächtig war wie danach nie wieder?

Haarsträubende Geständnisse

Grabräuber, lautet die Antwort zumeist. Kriminelle, die klammheimlich oder mit Deckung korrupter Beamten in die Gräber eindrangen, die Schätze fortschleppten, die Sarkophage aufbrachen und die königlichen Mumien zerrupften, um an die Amulette aus Gold und Edelstein zu kommen. Und tatsächlich sind aus der Zeit Ramses’ IX., der 180 Jahre nach Haremhab regierte, Akten aus Prozessen gegen Grabräuber erhalten, inklusive Geständnissen, deren Lektüre jedem Freund Altägyptens noch heute die Haare zu Berge stehen lässt.

Doch der britische Ägyptologe Nicholas Reeves, der am New Yorker Metropolitan Museum arbeitet, hat Indizien dafür gesammelt, dass ein Teil der Schätze andere Wege gegangen ist. Auf einem Symposion über Haremhab im vergangenen Jahr in New York legte er dar, dass es ein regelrechtes Programm zur amtlichen Ausbeutung der Grabgoldvorkommen im Tal der Könige gegeben haben muss. Laut Reeves zeugen davon eine Reihe von Inschriften, zu denen auch die in Gardiners erwähntem Notizbuch gehört und unter der eine weitere steht: „Jahr 6, am 12. Tag des zweiten Monats der Überschwemmungszeit, Tag der Entfernung des Begräbnisses des Königs Djesercheprure-Setepenre durch den Wesir General Herihor“.

„Wiederholung der Geburt“

Dieser Herihor war allerdings mehr als nur Wesir. Die Nennung seines Namens beweist, dass sich die Datumsangabe auf eine Periode zwischen etwa 1080 und 1070 v. Chr. bezieht, die sogenannte Wehem Mesut (wörtlich „Wiederholung der Geburten“). Das war programmatisch im Sinne von Renaissance gemeint, doch in Wahrheit war der Pharaonenstaat in jener Zeit dabei auseinanderzufallen. In seiner Hauptstadt im Nildelta regierte Ramses XI., der Letzte dieses Namens und letzter König der 20. Dynastie, nur noch formal.

Im oberägyptischen Theben, der alten Metropole gegenüber dem Tal der Könige, hatte de facto General Herihor das Sagen, der nicht nur Wesir war, sondern auch Oberpriester des Amun und der eine bürgerkriegsähnliche Fehde mit dem Panehsi, dem Vizekönig von Kusch, ausfocht. Panehsi hatte, wohl noch im Auftrag des Königs, den früheren Amun-Oberpriester verjagt, war dann aber selbst aufsässig geworden, so dass der Pharao Herihor gegen ihn marschieren ließ, nicht zuletzt, um dem Reich die nubischen Goldminen zu sichern. Dafür bekam der Wesir praktisch alle Macht, doch der Krieg um Nubien musste irgendwie finanziert werden. Da vom regierenden König nichts kam, bediente sich Herihor eben bei dessen Vorgängern.

Ramses II. lag in der falschen Kiste

Seine Vorgehensweise rekonstruierte Nicholas Reeves aus den Inschriften an Gräbern und den erhaltenen Mumien aus dem Tal der Könige. In zwei Gräbern waren nämlich 1881 Lager mit über 50 einbalsamierten Leichnamen gefunden worden, darunter die einiger der herausragendsten Persönlichkeiten der altägyptischen Geschichte. Offenbar waren sie schon im Altertum in jene Lager gebracht worden, wobei spätestens seit C. W. Cerams Bestseller „Götter, Gräber und Gelehrte“ aus dem Jahr 1949 kolportiert wird, pflichtbewusste Priester hätten die von Grabräubern geschändeten Körper geborgen, liebevoll wieder eingewickelt und in Sicherheit gebracht.

Die meisten neuverpackten Mumien sind von ihren antiken Restauratoren mit den Namen des Verblichenen versehen worden, mitunter auch ihre - aller goldenen Beschläge entkleideten - Särge. Zuweilen findet sich dabei auch das Datum der, wie es heißt, „Erneuerung des Begräbnisses“ des betreffenden Königs. Allerdings waren die Särge in vielen Fällen nicht die, in der die dort gefundenen Personen auch ursprünglich bestattet worden waren. So lag Ramses II. in einem schönen Holzsarg (links im Bild), dessen Antlitz so überhaupt nicht zu der Physiognomie der vielen Statuen passt, die von Ramses II. erhalten sind. Reeves glaubt eher, dass es sich um den Originalsarg Haremhabs handelt, der dann aber sorgfältig seiner Hülle aus Gold, farbigem Glas und Halbedelstein entkleidet worden sein muss.

Da wurde systematisch umgesargt

Das aber ist kaum das Werk von Räubern. Reeves meint denn auch, dass die „Restauratoren“ der Mumie auch die waren, die das Gold von den Särgen gerissen haben. Die „Erneuerung des Begräbnisses“ war in Wahrheit ein systematisches Umsargen der Mumien, das unter Herihor vermutlich in eigens eingerichteten Werkstätten in der nahegelegenen Tempelfestung Medinet Habu stattfand. Dort hatte auch Butehamun sein Büro, der beileibe nicht nur Armeeschreiber war, sondern auch Titel trug wie „Toröffner der Nekropole“ oder „Oberaufseher über die Arbeiten in den Häusern der Ewigkeit“. Er war der Manager dieser makabren Goldmine. Unter seiner Leitung, so Reeves, wurden die Gräber auf ihre Ausbeutbarkeit überprüft, später in Anwesenheit des Wesirs geöffnet. Die Sarkophage wurden nach Medinet Habu gebracht und von den Mumien und schließlich ihrer Goldverkleidung getrennt.

Bevor die toten Könige dann in einem bereits zuvor entgoldeten (und daher in der Regel anderen) Sarg neu verpackt wurden, stellte man ihre Mumien senkrecht und schlug mit einem scharfen Beil seitlich in die Kopfgegend, um sie von dort aus der Länge nach aufzuschlitzen. „Das war die schnellste und einfachste Methode, um eine Mumie ihrer Bandagen zu entkleiden und an die Juwelen darin zu kommen“, sagt Reeves und verweist auf die Löcher in den Schädeln vieler Mumien, die durch solch eine Behandlung am einfachsten zu erklären sind. „Wenn das eine offizielle Aktivität war - und ich denke, angesichts ihrer konsistenten Muster muss sie das gewesen sein -, dann ist das sehr erhellend“, sagt Reeves. „Es straft die amtlichen Angaben Lügen, bei dem, was zu dieser Zeit mit den königlichen Toten geschehen ist, habe es sich um eine fromme Restaurierung gehandelt.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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