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Sanddorn in Not

Die Vitamin-Bombe des Ostens

Von Katharina Elsner
 - 11:47
Sanddorn-Erntezur Bildergalerie

Benedikt Schneebecke stapft an diesem grauen Morgen kurz nach neun Uhr über seine Felder, vorbei an kahlen, abgeernteten Sträuchern. Er schlägt links in eine Reihe ein, bleibt vor seinen Mitarbeitern stehen. Die Männer halten Akkuscheren, die nach den Zweigen schnappen. Schneebecke selbst zwackt mit zwei Fingern ein paar Beeren ab, stopft sie sich in den Mund. „Hier habe ich zwei, drei Pflanzen, die sehen super aus“, sagt er. Aber da hinten, da seien ein paar Sträucher schon tot.

Schneebecke ist Ende 30 und eigentlich Anwalt. Nach dem Abitur studiert er Jura in Münster, Freiburg und in Lausanne. Dann stirbt sein Vater nach einem Arbeitsunfall auf dem Hof in Marlow, Sohn Benedikt muss plötzlich den Familienbetrieb in Vorpommern übernehmen, damals ist er 31 Jahre alt. „Ich hatte keine Wahl, aber das war für mich auch klar, das zu übernehmen.“ Heute, acht Jahre später, gehören ihm 600 Hektar Land, auf 60 Hektar baut er Sanddorn an und steht vor einem Rätsel. „Uns sterben die Sträucher ab, 15 Prozent meiner Fläche ist befallen, aber das ist ein Problem in ganz Mecklenburg-Vorpommern.“ Und nicht nur dort.

Ein bisher unbekannter Erreger

Landwirte und Wissenschaftler beobachten seit mehr als vier Jahren, dass es dem Sanddorn (Hippophae rhamnoides) nicht besonders gut geht. Sowohl den Sträuchern in Plantagen wie denen von Schneebecke als auch den Wildsorten an der Küste. Regionen in Brandenburg, Bayern und Sachsen-Anhalt sind ebenfalls betroffen. Es gebe auch Pflanzen in Niederösterreich, in China, und überall zeige der Sanddorn die gleichen Symptome, berichtet Joachim Vietinghoff.

Er ist stellvertretender Direktor des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei in Rostock und zuständig für das Sanddornsterben in Mecklenburg-Vorpommern. Das Amt untersucht Proben im Labor und forscht nach Pilzen, Viren, Bakterien, die dem Sanddorn zu schaffen machen könnten. „Wir beschäftigen uns eigentlich jeden Tag mit Schadorganismen, an den unterschiedlichsten Kulturpflanzen. Mir ist das in meinem Berufsleben noch nie passiert, dass wir einen Erreger haben, der völlig unbekannt ist“, sagt Vietinghoff.

Der Phytopathologe hat auf dem kranken Sanddorn zwar einen Pilz der Gattung Verticillium gefunden und erklärt, dass dieser Gefäße hinaufwandere und verstopfe, so dass die Pflanze keine Nährstoffe und kein Wasser mehr aufnehmen könne. Die Sträucher verdorren, aber: „Das sind in der Regel Schwächeparasiten, die sich auf geschwächte Pflanzen aufsatteln. Dass die jetzt die Ursache für das Sanddornsterben sind, können wir uns nicht vorstellen.“

Das Sterben auf den Plantagen geht schnell. Schneebecke muss hilflos zuschauen, wie die Blätter welken, abfallen, wie die Zweige aufhellen und austrocknen. Manchmal dauere das nur zwei, drei Wochen. Aber der Landwirt will seine Sträucher retten. Er steigt in seinen Geländewagen, steuert ihn zwischen zwei Sanddornreihen hindurch, die Einparkhilfe fiept, und zeigt auf seine Sträucher. Links wächst die Sorte Habego, rechts Leikora, tropfenförmig und prall orange.

Sanddorn ist ein Ölweidengewächs, das vier bis sechs Meter hochragen kann und die Geschlechter trennt, also tragen die Sträucher weibliche oder männliche Blüten. Er gedeiht vorwiegend in den kühleren Gebieten Asiens und Europas, die sogenannten Scheinsteinfrüchte sind reich an Vitamin C und anderen nützlichen Inhaltsstoffen. Das macht das Wildobst nicht nur als Lebensmittel interessant – für Tee, Saft, Fruchtaufstrich, sondern ebenso als Heilpflanze und für die Kosmetikindustrie, die das Öl zum Beispiel in Cremes rührt.

Die ertragreiche Sorte Leikaro ist heute in ganz Mitteleuropa beliebt und geht auf die Arbeit des Züchters Hans-Joachim Albrecht in den 1970er Jahren zurück. Der Gartenbauingenieur entwickelte diese und weitere Kultursorten an einer Baumschule in Berlin-Treptow, weil die DDR-Führung auf der Suche nach Vitamin-C-Spendern war, als Alternative zu teuer importierten Südfrüchten. Mit den Züchtungen hatte man dann auch im Westen Erfolg, das brachte Devisen.

Sanddorn statt Südfrüchte

Fünf, sechs Reihen hinter der Leikora sticht eine graue Fläche heraus, voller abgestorbener Sträucher. Das sei der Befallsherd, sagt Schneebecke, von dem sich das Sterben wie in Fingerform ausbreite. „Ich mache Befahrungen alle paar Tage, aber im Grunde habe ich keine Lust mehr durch die befallenen Kulturen zu fahren, weil wir nichts machen können.“ Schneebecke rechnet dieses Jahr damit, sechzig Tonnen Sanddorn zu ernten. Zwanzig Tonnen würde er durch das Sanddornsterben verlieren und damit etwa 70.000 Euro an Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr.

Eigentlich will er expandieren, sein Ziel: jedes Jahr 120 bis 160 Tonnen Sanddorn ernten. Also schreibt er einen Brief an das Ministerium für Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern: „Unsere Existenz ist bedroht und eine Kulturpflanze vor dem Aussterben. Und das Ministerium muss etwas tun, es muss eine Stelle schaffen, um am Sanddorn zu forschen. Da reicht ein Mitarbeiter.“ Klar, den müsse man finden und finanzieren, sagt Schneebecke. „Aber allein, was ich an Schaden habe, damit hätte ich zwei Stellen finanzieren können.“

Sein Geländewagen lenkt auf den Hof ein. Schließlich habe er mehrere hunderttausend Euro investiert, allein in die Schockfrosterzellen, zwei weiße Container, die auf seinem Hof haushoch aufragen. Schneebecke steigt aus dem Auto, zieht die Tür eines Schockfrosters auf, es dampft, drinnen herrschen minus 26 Grad. Weiße Kisten sind übereinandergestapelt, die Mitarbeiter versuchen, an einem Tag 48 Boxen zu füllen, jede fasst sieben Kubikmeter.

Ventilatoren pressen die Luft zwischen die Beeren, unter Jacke und Hose. „Damit die Beeren sich leichter von den Ästen lösen lassen“, ruft Schneebecke über das Umluftbrummen und greift nach den Zweigen in einer Box, es knackt wie ein Lagerfeuer. Orange Beeren rieseln hinab, für Schneebecke sind es kleine Perlen.

Ein Gabelstapler zieht eine Box heraus, fährt sie zu der Erntemaschine, die schüttelt die Beeren von Zweigen und Blättern. Die Beeren landen auf einem Fließband, das die Ernte auf ein Sieb spuckt, in die Hände der Helfer. Die ruckeln das Sieb hin und her, um die letzten Blätter von den Früchten zu trennen, verpacken sie knisternd in Lebensmittelfolie, eine Mosterei wartet schon darauf. Eine digitale Waage zeigt: 355 Kilo, jede Kiste enthalte 350 Kilo Beeren, sagt Schneebecke. „Hier freut sich der Kunde, wenn wir ein bisschen mehr reinpacken.“ Er zwinkert, und sein Mitarbeiter schaufelt schnell wieder ein, zwei Kellen hinaus.

Keine Ursache gefunden

Das Sanddornsterben nannte der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, schon 2018 dramatisch: „Wir müssen uns dieses Problems jetzt verstärkt annehmen.“ Sein Ministerium schreibt auf eine Anfrage im vergangenen Herbst, man prüfe eine finanzielle Unterstützung für betroffene Landwirte, habe entlang der Ostseeküste kartographiert, wie krank der Sanddorn sei.

Eine Ursache hat weder das Ministerium noch das ihm unterstehende Landesamt für Landwirtschaft gefunden. „Das kratzt an unserer Ehre, das gebe ich zu“, sagt Vietinghoff. „Es gibt kein Muster, keine Analogien zu anderen Schadorganismen. Das Einzige: Es gibt ein West-Ost-Gefälle der Wildbestände an den Küsten.“ Soll heißen, das Ausmaß des Sterbens nimmt vom Westen Mecklenburgs bis zum Osten Vorpommerns ab. Kranke Pflanzen stehen aber überall, daher hat sich das Ministerium ans Julius-Kühn-Institut gewendet, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.

Aus Mecklenburg-Vorpommern wurden mehrere Proben nach Baden-Württemberg geschickt, die von unbekannten Erregern befallenen Sanddornblätter landeten dort in Dossenheim bei Wilhelm Jelkmann. Er leitet das Institut für Pflanzenschutz in Obst und Weinbau und hat nun zwei Mitarbeiter auf den Sanddorn angesetzt. Diese erstellen eine Art genetischen Fingerabdruck, isolieren und sequenzieren Erbinformationen, identifizieren praktisch alles, was sich in und auf der Pflanze befindet, um diese Daten in einen Rechner zu füttern.

Eine spezielle Software ordnet die Daten zu: der Pflanze, den Bakterien, Viren, vielleicht den Schuppen eines Menschen oder eines Insekts. Werden irgendwelche Mikroorganismen gefunden, werfen die Forscher einen Blick in die Datenbanken, um zu sehen, ob es Erreger sind, die womöglich schon andere Pflanzen geschädigt haben. Jelkmanns Ansatz ist, das Sterben des Sanddorns mit dem Sterben von Weinreben zu vergleichen.

„Klimawandel ist oft eine viel zu einfache Erklärung“

Die von Winzern gefürchtete Esca-Krankheit wird von Pilzen verursacht, und Forscher gehen davon aus, dass sich verschiedene Spezies auf Trieben, Blättern und Holz der Reben tummeln. Erst bei Stress, Dürre, Hitzeperioden schaden die Pilze den Reben, so dass die Rebstöcke austrocknen. „Der Klimawandel ist oft eine viel zu einfache Erklärung, die man aus dem Hut zaubert.

„In der Regel gibt es keine einfachen Erklärungen“, sagt Jelkmann. Also experimentiert sein Team weiter, versucht es zum Beispiel mit Inokulationen. Dabei übertragen die Biologen einen isolierten Pilz auf eine gesunde Pflanze und kontrollieren, ob die gleichen Symptome auftreten. Sollten die Dossenheimer Wissenschaftler einen Erreger finden, hieße das noch nicht, dass dieser allein verantwortlich ist. Es könne ganze Forscherkarrieren dauern, bis sie die Ursachen des Sanddornsterbens ermittelten, sagt Jelkmann.

Benedikt Schneebecke in Marlow versucht deswegen, sich selbst zu helfen, und hat eigens Wasserleitungen verlegt. Ab und zu ragt ein Stöckchen aus der Erde, dort blinzeln Wasserhähne. Auf 25 Hektar spannt sich das Netz, unterirdisch, alle fünfzig Zentimeter ein Loch, daraus rinnt das Wasser Tropfen für Tropfen. Diese Bewässerung soll seinen Sanddorn besser gegen die Krankheit wappnen, hofft Schneebecke.

Er hat Angst, dass sich der Erreger über die Wurzeln verbreitet, also reißt er außerdem das Wurzelwerk der kranken und abgestorbenen Pflanzen heraus. Sanddorn setzt sich nur flach, aber breit in der Erde fest; die Wurzeln strecken sich bis zu zehn Meter aus, reichen bis drei Meter in die Tiefe. Unwahrscheinlich, dass er alle befallenen Enden herausrupfen kann.

Auf einem Hektar stehen rund 1500 Pflanzen. Setzt Benedikt Schneebecke neue Stecklinge in die Erde, hält er mindestens einen Kilometer Abstand zu den befallenen Flächen seiner Plantage. Schneebecke braucht den Sanddorn. Dreißig Prozent seines Umsatzes mache dieser aus, im Winter verkaufe er Tannenbäume, die auf den Feldern neben dem Sanddorn wachsen. „Ich will dahin kommen, fünfzig Prozent des Umsatzes mit dem Sanddorn zu machen“, sagt Schneebecke. „Ich kann nicht nur auf Weihnachtsbäume setzen – ich könnte nicht mehr ruhig schlafen, wenn ich denken würde, dass meine komplette Existenzgrundlage verlorengeht.“

Quelle: F.A.S.
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