Schützenfische

Mit einem Wasserstrahl auf Fliegenjagd

Von Diemut Klärner
28.07.2021
, 13:10
 Schützenfisch auf der Jagd
Schützenfische sind wahre Meisterschützen: Doch um eine Fliege mit einem Wasserstrahl zielgenau abschießen zu können, müssen die Fische den Rückstoß kompensieren.

Schützenfische sind Meisterschützen, ausgerüstet mit einer Art Wasserpistole: Sie spucken gezielt nach Insekten, die auf einem Blatt oder Zweig sitzen, und schnappen sich dann die ins Wasser gefallene Beute. Vor allem in Süd- und Südostasien heimisch, leben Schützenfische mit Vorliebe im Brackwasser von Mangrovenwäldern, können sich aber auch flussaufwärts tummeln. Obwohl selbst die stattlichsten Exemplare kaum mehr als spannenlang werden, treffen sie auf eine Di­stanz von bis zu zwei Metern. Dabei müssen sie damit zurechtkommen, dass sich an der Grenze zwischen Luft und Wasser die Ausbreitungsrichtung des Lichts verändert: Die Lichtstrahlen werden gebrochen. Entsprechend verzerrt ist das Bild, das sich den Schützenfischen bietet, wenn sie Objekte über dem Wasserspiegel in den Blick nehmen. Erstaunlich, dass sie dennoch treffsicher schießen.

Biologen von der Universität Erlangen-Nürnberg hatten vor einigen Jahren herausgefunden, dass ein Schützenfisch das Geschoss, mit dem er seiner Beute den Boden unter den Füßen wegzieht, situationsgerecht optimieren kann. Je nachdem, wie weit sein Ziel entfernt ist, variiert er Reichweite und Fokussierung des Wasserstrahls. Und je größer das Insekt, desto mehr Wasser spucken die Schützenfische aus, um die Beute abzuschießen. Damit der Schuss ein Treffer wird, müssen sie freilich den Rückstoß kompensieren, der von Masse und Beschleunigung des ausgespuckten Wassers abhängt.

An der Universität Bayreuth haben Peggy Gerullis, Caroline Reinel und Stefan Schuster nun erkundet, wie ein Fisch mit seinen Flossen gegensteuert. Sie konnten auf Filmsequenzen aus früheren Experimenten zurückgreifen, filmten aber auch abermals Schützenfische der Spezies Toxotes jaculatrix und Toxotes chatareus, die aus einer bestimmten Position auf Schmeißfliegen zielen. Unmittelbar vor dem Schuss, so stellte sich heraus, ändern die beiden Brustflossen des Schützen ihren Schlagrhythmus.

Den Absturz des Opfers fest im Blick

Von einer langsamen asynchronen Bewegung wechseln sie zu einem schnellen synchronen Flossenschlag: Wie bei einem Fisch, der plötzlich bremst, weil er ein Hindernis oder eine Beute erspäht, bewegen sie sich gleichzeitig nach vorn. Da der schussbereite Schützenfisch seinen Kopf nach oben gerichtet hat, geben ihm seine Brustflossen auf diese Weise Auftrieb. Damit verhindern sie, dass durch den Rückstoß der Kontakt zur Wasseroberfläche verloren geht und der Schuss unter Wasser verpufft.

Früher oder später setzt der Schützenfisch auch seine anderen Flossen in Bewegung. Mit vereinten Kräften sorgen sie offenbar dafür, dass er unverrückt an Ort und Stelle verharrt, während er seinen Wasserstrahl ausspuckt. So lassen sich Beutetiere, die im Trockenen sitzen, zielgenau anpeilen und zum Absturz bringen. Anschließend gilt es das abgeschossene Insekt nur noch aufzulesen. Dabei ist allerdings Eile geboten, denn meist sind aufmerksame Zuschauer in der Nähe, die dem erfolgreichen Schützen seine Beute wegzuschnappen versuchen.

Ehe ein Fisch zielstrebig los ­schwimmt, beobachtet er den Absturz einer Fliege nur etwa hundert Milli­sekunden lang. Anscheinend genügt ihm diese Zeitspanne, um abzuschätzen, wann und wo das Insekt im Wasser landen wird. Wenn er dann den voraussichtlichen Landeplatz an­steuert, wählt er zunächst eine Geschwindigkeit, mit der er kurz nach der Beute eintreffen würde.

Meistens beschleunigt er aber doch noch ein bisschen und kommt fast pünktlich an. Vermutlich legen die Schützenfische aber nur dann einen Gang zu, wenn sie die abgeschossene Fliege im Auge behalten können. Wenn nicht, scheint es ratsam, nicht zu früh anzukommen. Allzu eilige Fische würden riskieren, dass sie versehentlich übers Ziel hinausschießen und ihre Jagdbeute deswegen an einen Konkurrenten verlieren.

Quelle: F.A.Z.
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