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Neue Menschenart entdeckt

Sind so krumme Finger

Von Sonja Kastilan
 - 09:00
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Viel ist es nicht, was vom Homo luzonensis übrig blieb: sieben Zähne und ein paar Knochen – von Händen, Füßen und einem Bein. Doch das, was die Archäologen seit ihrem ersten Fund 2007 in der Callao-Höhle mittlerweile bergen konnten, genügt immerhin, um dem menschlichen Stammbaum einen weiteren Ast hinzuzufügen. Die entdeckten Skelettreste sind 50.000 bis 67.000 Jahre alt und stammen offenbar von zwei Erwachsenen und einem Kind. Diese drei lebten einst auf der namensgebenden Insel Luzon, die heute zu den Philippinen gehört, und dürfen als Vertreter einer neuen, bisher unbekannten Art gelten. Nicht nur die exotische Ausgrabungsstätte macht den Homo luzonensis zu einem außergewöhnlichen Fund, sondern auch Merkmale, die querbeet aus der Entwicklungsgeschichte der Menschheit zitieren.

Die Details legen der französische Anthropologe Florent Détroit und der philippinische Archäologe Armand Mijares mit ihren Kollegen aus Australien und Frankreich in der Zeitschrift „Nature“ vor. Ihre Beschreibung liest sich stellenweise wie die Analyse eines Zahnarztes zu Wurzeln, Kronen, Schmelz und Dentin. Doch fügt sich das auf rätselhafte Weise zusammen; und warum die Molaren so ungewöhnlich klein sind, kann niemand erklären. Zudem weisen Zehen- und Fingerknochen eine leichte Krümmung auf, die an jene des Australopithecus erinnert, zu dessen Gruppe „Lucy“ zählt. Mehr als zwei Millionen Jahre Evolution und Tausende Kilometer liegen dazwischen, doch auch auf den Philippinen schien einst ein Knochenbau von Vorteil, der somit fürs Klettern geeignet ist. Nebst diesen vermeintlich primitiven Zügen finden sich etliche moderne, die in Richtung Homo erectus oder Homo sapiens weisen. Daraus ergibt sich eine einzigartige Anatomie, und die Entdecker sind überzeugt, dass sie zur Gattung Homo passt. Allerdings mit tiefer reichenden Wurzeln als unsere eigenen oder die der Neandertaler. Wer aber vor 700.000 Jahren das Nashorn schlachtete, dessen Überreste man in der Nähe fand, ist noch völlig offen.

Ähnlichkeit mit dem „Hobbit“?

Den Fall des Homo luzonensis vergleichen internationale Paläoanthropologen vor allem mit dem des kleinwüchsigen Homo floresiensis, dessen Gebeine 2003 in Indonesien ausgegraben wurden. Deren Alter wird mittlerweile auf 190.000 bis 50.000 Jahre geschätzt. Damit lebte der „Hobbit“ ungefähr im gleichen Zeitraum in Südostasien, ebenfalls auf einer Insel, und auch seine morphologischen Merkmale ergeben eine Mischung, die sich schwer zwischen die anderen Frühmenschen einreihen lässt. Wäre man schon im 19. Jahrhundert auf diese beiden Insulaner gestoßen, anstelle des Homo erectus, wäre dessen Rolle heute eine andere, mutmaßt der amerikanische Anthropologe Matthew Tocheri in einem Kommentar in der Zeitschrift „Nature“. Seiner Migration aus Afrika nach Asien würde man vielleicht weniger Aufmerksamkeit schenken, es könnte ja noch andere frühe Auswanderungswellen gegeben haben. Es ist eine alte, umstrittene These – den Fund des Homo luzonensis wertet Tocheri nun als einen Beleg.

„Da heute nur noch Homo sapiens die Welt bevölkert, scheint es fast unglaublich, dass einmal mehrere Hominiden gleichzeitig existierten“, sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Einst wäre die Vielfalt jedoch sehr viel größer gewesen: Die menschliche Ahnengalerie bilde einen recht buschigen Stammbaum – dafür sei Homo luzonensis ein weiterer Beweis und wahrscheinlich nicht der letzte, den man finden werde. Ein recht merkwürdiges Wesen war er, das gibt Hublin zu, obwohl bisher nur wenige Teilstücke gefunden wurde. Diese weisen jedoch ähnlich wie beim „Hobbit“ sowohl weiterentwickelte als auch archaische Merkmale auf, allein die Zähne, etwa die überraschend kleinen Backenzähne oder die oberen Prämolaren mit ihren drei Wurzeln. Alles in allem eine „seltsame Mischung“.

Die erste große Auswanderungswelle

Es sei nun mal sehr schwer vorstellbar, welche Wege die Diversifizierung selbst beim Menschen nehmen könne, erklärt Hublin. In einer isolierten Gruppe aber, insbesondere auf einer abgelegenen Insel, da könne im Laufe der Zeit so einiges geschehen. Die These, es könnte sich bei der auf Luzon gefundenen Spezies um Nachfahren des Australopithecus handeln, hält der Anthropologe für unwahrscheinlich: „Seit Jahren hält sich die Idee, es könnte sich auch schon Australopithecus nach Asien verirrt haben, bis heute fehlen aber wirklich überzeugende Beweise.“ Derzeit gebe es keinen Fund, der entsprechend älter als zwei Millionen Jahre sei. Vielmehr geht Hublin davon aus, dass Nachkommen eines anderen archaischen Hominiden auf den südostasiatischen Inseln ihre Heimat fanden, die des Homo erectus.

Als erster Hominide sei dieser nicht mehr auf ein Leben in Nähe von Bäumen angewiesen gewesen, stattdessen eher an ein offenes Gelände angepasst, an ein Dasein in der Savanne. Es sei deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet Homo erectus den afrikanischen Kontinent verließ und sich als erster Mensch über die Erde ausbreitete, meint Hublin. Und dort, in den verschiedenen Regionen hätten sich dann die unterschiedlichsten Variationen entwickeln können. „Stellen Sie sich einmal vor, es ist erst 300.000 Jahre her. Damals entwickelten sich unsere eigenen Vorfahren, also die des Homo sapiens, in Afrika, wo parallel zumindest Homo naledi existierte“, sagt Hublin, „Neandertaler lebten in Europa, deren Schwestergruppe, die Denisovaner, in Asien, auf den Inseln Flores und Luzon könnten sich schon unabhängige Gruppen entwickelt haben, und in manchen Ecken hatte vielleicht ein sehr später Homo erectus überdauert.“ Und es bestehe Hoffnung, weitere Mitglieder dieser großen Familienbande zu finden, für die Paläoanthropologie herrsche jetzt eine phantastische Zeit.

Dass die Genetik dabei eine entscheidende Rolle spielen kann, zeigten Hublins Kollegen am Leipziger Institut, als sie 2010 den Denisova-Menschen aufspürten, und zwar anhand der DNA aus einem winzigen Fingerknochen. Archäologen hatten diesen Überrest eines Mädchens im sibirischen Altai-Gebirge gefunden, in einer Höhle, in der noch weitere Knochenstücke und Zähne wie in einer Kühlkammer lagerten. Paläogenetische Analysen zeigten inzwischen, dass sich Denisovaner nicht nur mit Neandertalern erfolgreich paarten, sondern ihre Erbinformationen auch an den nach Asien einwandernden H. sapiens weitergaben. Ihre Gene sind heute noch in manchen Bevölkerungsgruppen zu finden.

Ein Mysterium in Südostasien

Eine aktuelle Studie legt nun nahe, dass in Asien mindestens drei verschiedene Denisova-Gruppen existierten. Deren Linien trennten sich vor rund 363.000 beziehungsweise 283.000 Jahren, sie lebten wohl in unterschiedlichen Regionen und kreuzten sich mehrfach in die Linie des modernen Menschen ein. Die gemeinsame Geschichte lässt sich an den Sequenzdaten ablesen, und ein internationales Forscher-Team erzählt sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Cell“. Genetiker verglichen Denisova- und Neandertaler-DNA mit dem Erbgut von fast 500 Erdbewohnern aus heutiger Zeit, einige Proben stammten von südostasiatischen Inselgruppen sowie aus Neuguinea. In Ostasien ließ sich die Spur einer Denisova-Linie verfolgen, die sich schwach auch in anderen Regionen Asiens sowie in Sibirien fand, sowie in der indigenen Bevölkerung Amerikas. Die Papua wiederum tragen nicht nur das Erbe einer anderen, zweiten Linie, die in Ozeanien verbreitet scheint, sondern zudem das einer Linie, die nirgendwo sonst auftaucht. Ihre Vorfahren trafen offenbar auf Denisovaner, die größere Wasserstrecken zwischen Inseln zurücklegen konnten, und erbten Genvarianten, die Immunsystem und Nahrungsaufnahme beeinflussen. Archaischen Spuren geht man noch nach, auf der Insel Flores fielen aber keine Besonderheiten auf, und weder aus den Knochen des Homo floresiensis noch des H. luzonensis ließ sich brauchbare DNA gewinnen.

So hilfreich die Genetik auch sei, jedes Rätsel könne sie nicht lösen, sagt Jean-Jacques Hublin. Gerade in heißen und tropischen Regionen bleiben DNA-Spuren nur wenige Jahrtausende erhalten, doch Afrika sei nun mal die Kernzone der frühen Entwicklungsgeschichte des Menschen. Dort und in Asien müsste man deshalb auf Fossilien vertrauen – und andere molekularen Methoden heranziehen, um diese genauer zu untersuchen. Dann lassen sich längst bekannte Fundstücke vielleicht den Denisovanern zuordnen: „Ich glaube, wir kennen sie schon besser, als wir im Moment ahnen.“

Quelle: F.A.S.
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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