Gefleckter Aronstab

Strenger Duft ködert potentielle Bestäuber

Von Diemut Klärner
30.05.2022
, 22:14
Ein blühender Arum maculatum in seiner natürlichen Umgebung.
Im Mai blüht in den Wäldern der Aronstab. Mit welchen Tricks dessen Blüten potentielle Bestäuber in die Falle locken, haben nun Biologen aus Salzburg herausgefunden.
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Wenn Bienen Blütenstaub von Blume zu Blume tragen, knüpfen sie sexuelle Kontakte zwischen den Pflanzen. Gewöhnlich gibt es für diesen Service eine Belohnung, etwa in Form von Nektar. Manche Blütenpflanzen bieten ihren Bestäubern allerdings keine faire Gegenleistung; sie täuschen ein attraktives Angebot bloß vor. Zu diesen trickreichen Gewächsen zählt der Gefleckte Aronstab (Arum maculatum), dessen Blätter übrigens oft auch ungefleckt daherkommen.

Wie bei Aronstabgewächsen üblich, hüllt die in Europa weitverbreitete Spezies ihren Blütenstand in ein Hochblatt. Zur Blütezeit öffnet sich dieses hellgrüne, mitunter violett überhauchte Blatt derart, dass ein keulenförmiger Auswuchs des Blütenstands sichtbar wird. Ihm verdankt die Pflanze den deutschen Namen „Aronstab“, aber auch den englischen „lords-and-ladies“. Wenn das Gebilde, das so unterschiedliche Assoziationen hervorruft, gespeicherte Stärke abbaut, produziert es Wärme. Dadurch fördert es die Verdunstung organischer Stoffe, die ziemlich abstoßend riechen. Für kleine Fliegen, deren Larven in Fäkalien und verfaulendem organischem Material heranwachsen, ist dieser Geruch allerdings verheißungsvoll.

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Dass der Gefleckte Aronstab zahlreiche Duftstoffe produziert, die solchen Insekten eine passende Kinderstube versprechen, haben Wissenschaftler um Eva Gfrerer von der Universität Salzburg bestätigt. Gemeinsam mit Rüdiger Wagner von der Universität Kassel und Marc Gibernau von der Korsischen Universität in Ajaccio studierte sie kleine Dungfliegen (Sphaeroceridae) und bestimmte, auch als Abortfliegen bekannte Schmetterlingsmücken (Psychodidae). Als Duftquelle nutzten die Forscher Kuhfladen, die diese Insekten zuverlässig anlockt.

Großes Spektrum unterschiedlicher Duftstoffe

Mit einer Kombination aus Gaschromatograph und Flammenionisationsdetektor ließ sich eine Vielzahl organischer Stoffe identifizieren, die in den Duftcocktails von Kuhfladen und Geflecktem Aronstab stecken. Wie Gfrerer und ihre Kollegen in den „Scientific Reports“ berichten, registrierten sie zugleich, für welche Komponenten die kleinen Fliegen empfänglich sind. Dabei stellte sich heraus, dass die Geruchsrezeptoren in den Antennen der Insekten auf insgesamt 78 Duftstoffe des Gefleckten Aronstabs mit elektrischen Signalen reagieren. Von diesen Substanzen fanden sich 18 auch in den Ausdünstungen der Kuhfladen.

Dank eines großen Spektrums unterschiedlicher Duftstoffe kann der Gefleckte Aronstab vermutlich verschiedenartige Fliegen anlocken, die bei der Platzierung ihrer Eier jeweils besondere Vorlieben zeigen. Aus der Insektenperspektive ist der Blütenstand des Aronstabs freilich nie eine gute Wahl. Schließlich hält er keine Nahrung für Fliegenlarven bereit. Mit dem geruchlichen Täuschungsmanöver gelingt es der Pflanze jedoch, sexuelle Kontakte mit ihresgleichen einzufädeln: Indem der keulenförmige Auswuchs des Blütenstands einen vielversprechenden Duft verströmt, lockt er die hilfreichen Insekten regelrecht in die Falle. Die Fliegenweibchen purzeln in den Trichter des Hochblatts, wo sie die weiblichen Blüten bestäuben. Vorausgesetzt, sie haben von einem anderen Blütenstand des Aronstabs passenden Pollen mitgebracht. Dass die kleinen Fliegen sofort wieder entwischen, verhindern sterile Blüten, deren Borsten ein undurchdringliches Gehege bilden. Erst am folgenden Tag, wenn die weiblichen Blüten verblüht sind und die männlichen ihren Pollen verstreuen, welkt das pflanzliche Gitter, das den Weg ins Freie versperrt hat. Mit Blütenstaub bedeckt, suchen die Fliegen nun das Weite. Häufig genug fallen sie dann bald wieder auf einen blühenden Aronstab herein.

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Diverse Verwandte des Gefleckten Aronstabs ködern ihre Bestäuber ebenfalls mit falschen Versprechungen. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich die Hornwurz (Helicodiceros muscivorus), die im Frühjahr auf Inseln im westlichen Mittelmeer ihre Blütenstände entfaltet. Das Hüllblatt, dessen becherförmige Basis die Blüten umschließt, misst ungefähr einen halben Meter. Wenn es sich öffnet, stellt es seine rotbraun gemusterte Innenseite zur Schau. Gleichzeitig beginnt der stark behaarte Auswuchs des Blütenstands, seinen speziellen Duft zu verbreiten. Wonach es riecht, verrät der englische Name „dead horse arum“.

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Penetranter Gestank lockt Scharen von Schmeißfliegen an

Nicht nur der typische Aasgeruch, den die Pflanze verströmt, wirkt auf Fliegenweibchen unwiderstehlich anziehend. Eine frisch aufgeblühte Hornwurz erwärmt sich außerdem beträchtlich. Ähnlich wie zeitweilig auch der Kadaver eines toten Tiers und viel stärker als ein Gefleckter Aronstab. Mit Temperaturen, die bis zu 20 Grad über der Umgebungstemperatur liegen, und einem penetranten Gestank nach Verwesung lockt Helicodiceros muscivorus Scharen von Schmeißfliegen an. Zwar verschwinden die Insekten nicht so spurlos in dem Becher des Hüllblatts, wie es der wissenschaftliche Artname vermuten lässt („muscivorus“ bedeutet „fliegenfressend“). Wenn die Fliegen mit Blütenstaub eingepudert sind, werden sie wieder freigelassen – und stürzen sich oft prompt auf die nächste blühende Hornwurz.

Doch nicht alle Aronstabgewächse nutzen die Bedürfnisse ihrer Besucher rücksichtslos aus. In südamerikanischen Re­genwäldern zum Beispiel bieten manche Vertreter der Gattung Philodendron als Gegenleistung für den Service der Bestäubung eine behaglich warme Unterkunft. Ihre Gäste, stattliche Käfer aus der Maikäferfamilie, wissen solchen Komfort zu schätzen. Weil sie eine hohe Betriebstemperatur aufrechterhalten müssen, sind ihnen auch tropische Nächte häufig zu kühl. Ein Blütenstand, in dem sie sich aufwärmen können, hilft ihnen Stoffwechselenergie einzu­sparen, die sonst zum Aufheizen notwendig wäre. Wenn ihr Quartier verblüht und dabei auskühlt, suchen sich die Käfer umgehend eine neue wärmende Blüte und versorgen sie mit dem mitgebrachten Blütenstaub.

Quelle: F.A.Z.
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