Unterschätztes Vogelhirn

Krähen verfügen über eine Art von Bewusstsein

Von Hildegard Kaulen
Aktualisiert am 02.10.2020
 - 11:27
Hat diese Krähe ein Bewusstsein?
Von wegen Spatzenhirn! Manche Vögel weisen Hirnareale auf, die ähnlich aufgebaut sind wie die Großhirnrinde von Säugetieren. Das macht sie so klug und verleiht ihnen sogar eine Art Bewusstsein.

Gemessen an ihrer Körpergröße, haben Vögel zwar ein verhältnismäßig großes Gehirn. Mehr als fünf bis zwanzig Gramm bringt so ein Vogelhirn aber nicht auf die Waage. Trotzdem sind einige Arten wie Raben, Tauben, Eulen oder Elstern erstaunlich schlau. Sie benutzen Werkzeuge, spielen nach entsprechendem Training Memory, planen in die Zukunft, können sich in andere hineinversetzen, Zusammenhänge erkennen und entsprechende Schlussfolgerungen ziehen. Mehr noch: Raben erkennen sich selbst im Spiegel, Tauben sind in der Lage, die englische Rechtschreibung bis zum Niveau eines sechsjährigen Kindes zu erlernen, und sie können zwischen einem Kunstwerk von Picasso und Monet unterscheiden, wie Experimente bewiesen haben.

Diese Vögel sind damit offenkundig genauso klug wie Schimpansen und Menschenaffen. Eine Untersuchung von Forschern um Andreas Nieder vom Institut für Neurobiologie der Universität Tübingen bescheinigt Krähen jetzt sogar, Sinneseindrücke bewusst wahrzunehmen und damit über eine Art sensorisches Bewusstsein zu verfügen. Veröffentlicht haben die Tübinger Forscher ihre Ergebnisse jüngst in der Zeitschrift „Science“.

Dabei erscheint das Gehirn der Vögel auf den ersten Blick sehr wenig organisiert. Den Tieren fehlt auch die für Säugetiere typische geschichtete und in Falten gelegte Großhirnrinde, in der das Denken und die Kreativität angesiedelt sind. Deshalb hält sich seit 150 Jahren die Ansicht, dass ein Vogelhirn lediglich aus Klumpen grauer Zellen besteht. Das Schimpfwort „Spatzenhirn“ ist vermutlich Ausdruck dieser historischen Geringschätzung.

Verblüffende Ähnlichkeit zur Großhirnrinde

Eine ebenfalls in der Zeitschrift „Science“ erschienene Untersuchung des Biopsychologen Onur Güntürkün von der Universität Bochum und weiterer Kollegen aus Düsseldorf, Aachen und dem Forschungszentrum Jülich zeigt, dass das sensorische Hirnareal von Tauben und Eulen der Großhirnrinde von Säugetieren verblüffend ähnlich ist. In diesem Areal des Vogelhirns verlaufen die Nervenfasern auch in horizontalen Schichten und vertikalen Säulen und bilden damit eine ähnliche Gitterstruktur wie in der Großhirnrinde der Säugetiere. Güntürkün und seine Kollegen sind der Ansicht, dass diese Ähnlichkeiten bei der Neuroarchitektur und der Informationsverarbeitung für die enormen kognitiven Leistungen der Vögel verantwortlich sind.

Doch wie zeigt sich nun das Bewusstsein der Krähen? Um das zu demonstrieren, brachten Andreas Nieder und seine Kollegen zwei Krähen dazu, auf Bildschirm-Reize mit einer eindeutigen Kopfbewegung zu reagieren. Auf diese Weise zeigten die Tiere an, ob sie den Reiz gesehen hatten oder nicht. Auf einen deutlich erkennbaren oder gar fehlenden Reiz reagierten die Krähen schnell und zuverlässig. Allerdings wurde den Vögeln auch Reize an der Schwelle der Wahrnehmung präsentiert. In diesen Fällen mussten sich die Krähen entscheiden, ob sie etwas gesehen hatten oder nicht. Sie konnten also denselben Reiz als präsent oder nicht präsent betrachten.

Während der Tests registrierten die Forscher die neuronale Aktivität der Tiere. Stuften die Krähen den Reiz als gesehen ein, feuerten die Nervenzellen der Tiere von der Präsentation des Reizes bis zur Bewegung des Kopfes. Nahmen die Krähen den Reiz dagegen nicht wahr, blieben auch ihre Nervenzellen stumm. Für Nieder und seine Kollegen spiegelt sich darin eine erste Form von subjektivem Bewusstsein. Denn hätten die Tiere lediglich auf die Helligkeit desselben Reizes reagiert, hätten auch ihre Nervenzellen immer mit der gleichen Intensität feuern müssen. Weil die Krähen aber auf denselben Reiz unterschiedlich reagierten, musste ihr subjektives Erleben die Aktivität der Nervenzellen beeinflusst haben, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler.

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Die Arbeiten der Tübinger Forscher sind auch in evolutionsgeschichtlicher Hinsicht bedeutsam. Denn sie werfen die Frage nach dem Ursprung des Bewusstseins auf. Nach den aktuellen Befunden könnte diese Hirnfunktion älter und unter den Lebewesen weiter verbreitet sein als bisher angenommen. Nach Ansicht von Nieder sind zwei Szenarien denkbar. Entweder hatte der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Krähe, der vor 320 Millionen Jahren lebte, bereits ein Wahrnehmungsbewusstsein, das in den beiden Entwicklungslinien weitervererbt wurde. Oder das Wahrnehmungsbewusstsein ist während der Evolution mehrmals und unabhängig voneinander entstanden, weil Lebewesen mit den gleichen Aufgaben konfrontiert waren und dafür ähnliche Lösungen gefunden haben. Für Nieder ist jedenfalls klar, dass bewusstes Erleben mit verschiedenen Gehirnen möglich ist, auch unabhängig von der Großhirnrinde.

Quelle: F.A.Z.
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