FAZ plus ArtikelSuperfrucht

Das Geheimnis des Blaubeer-Booms

Von Andreas Frey
Aktualisiert am 01.09.2020
 - 17:32
Wilde Waldheidelbeeren sind kleiner, dunkler und viel empfindlicher (links) als die auf Größe und Festigkeit getrimmten Züchtungen (rechts).zur Bildergalerie
Exportschlager und Geheimwaffe der Gesundheitsapostel: Von den prallen Blaubeeren werden allein in Deutschland 66.000 Tonnen im Jahr verzehrt. Was ist dran an der Superfrucht?

In diesem Sommer ist die Welt wieder ein bisschen blauer geworden. Die Heidelbeere erobert Cafés, Supermärkte, Bäckereien und Restaurants, sie verwandelt Käsekuchen, Muffins und Smoothies in blauviolette Kunstwerke. Ihr Geschmack ist frisch; eine Wachsschicht schützt beim Transport, doch fein poliert verleiht die glänzende Haut den Früchten den richtigen Style: Star der Influencer, im Foodporn stets der Farbtupfer.

Das Heidekrautgewächs entwickelt sich zum Liebling der Deutschen: Der Absatz schnellt in die Höhe, 66.000 Tonnen Blaubeeren wurden im vergangenen Jahr vertilgt, das sind 20.000 Tonnen mehr als im Jahr zuvor. Knapp 15.000 Tonnen stammen aus deutscher Produktion, der Großteil wird importiert, und nicht nur hierzulande boomt das Strauchobst. Die ganze Welt nascht Blau. Was finden die Menschen bloß an diesen Beeren? Antworten erhält man in der Lüneburger Heide in Grethem; 600 Einwohner zählt dieser Ort, und dort, eine halbe Stunde von der Landeshauptstadt entfernt, liegt Heermanns Blaubeerland. Ein Familienbetrieb, der bereits seit 1934 die begehrten Früchte anbaut, für die heute Hannes Badenhop, 23, in vierter Generation zuständig ist. In Hannover hat er Gärtner mit Fachrichtung Obstbau gelernt, bald wird er den Betrieb mit 140 Hektar Anbaufläche und vierzig Mitarbeitern von seiner Mutter übernehmen. Schon als Kind hat er alles über die Blaubeere gelernt. Wie sie wächst, wie man die Sträucher schneidet, richtig pflückt, all solche Sachen eben, denn die sind im Blaubeerland wichtig. Die Beere begleitet ihn, seit er denken kann, so soll es auch bleiben.

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So blau, blau, blau wirkt die Heidelbeer’

Blaubeeren sind reich an Vitamin C und von der American Heart Association zertifiziert: förderlich für die Gesundheit des Herzens. Neben kardiovaskulären Effekten wird ihnen auch nachgesagt, dass sie die Gehirnfunktionen positiv beeinflussen, mitunter bei Krebs helfen, Entzündungen lindern und vor Diabetes schützen können. Meist wurden die Erkenntnisse in Versuchen an Mäusen oder Ratten gewonnen, ein vielfältiger Nutzen deutet sich aber in klinischen Studien zumindest an. Das ist kein Wunder, auch der hohe Gehalt an färbenden Anthocyanen und weiteren Polyphenolen lässt eine bioaktive Wirkung vermuten. Die wichtigsten Blaustoffe sind Malvidin, Petunidin, Cyanidin und Delphinidin; und selbst Züchtungen mit hellem Fruchtfleisch können je hundert Gramm Beeren drei-, vier-, gar sechs- bis achthundert Milligramm dieser Substanzen aufweisen, je nach Anbauregion: Die Sorte ,Rubel' variierte in Tests von 235 bis 325 Milligramm. In einem Review vom März 2020 für „Advances in Nutrition“ folgern Wilhelmina Kalt und Kollegen, eine tägliche Portion Blaubeeren könne das Risiko für Krankheiten und Beschwerden entschärfen, die in der westlichen Welt von großer sozioökonomischer Bedeutung seien.

Amerikanische Farmer ordnen ihre Blaubeeren meist schlicht dem Wuchs entsprechend ein, in northern oder southern highbush, lowbush, half-high und ein rabbiteye. Botaniker nehmen es natürlich genauer, erkennen verschiedene Vaccinium-Arten, wie V. corymbosum, V. angustifolium, V. myrtilloides sowie V. virgatum alias ashei, samt Hybriden. Weil diese Gattung der Heidekrautgewächse Hunderte Arten umfasst, die sich teilweise gut miteinander kreuzen lassen, spielen für Züchter zudem V. darrowii, V. boreale, V. tenellum und etliche mehr eine Rolle. Als Gewächse der nördlichen Hemisphäre sind sie in der Regel winterhart, an harsche Bedingungen angepasst; mit tropischer Hitze tun sie sich hingegen schwer, auch sind sie bei der Bestäubung auf Insekten angewiesen.

Von indigenen Völkern im Osten der Vereinigten Staaten ist bekannt, dass sie früh versucht haben, wilde Blaubeeren (die niedrigen Büsche von V. angustifolium und V. myrtilloides) im größeren Maßstab anzupflanzen, um durch Hege und Pflege auch mehr Strauchobst zu ernten. Sternfrüchte einst genannt, weil jede Blüte einen kleinen fünfeckigen Stern an der Unterseite der Beere hinterlässt. Überhaupt sind die meist weißen, nur zart rosa oder grünlich gefärbten Blüten sehenswert, perfekte Glöckchen, die man zum Beispiel erhält, wenn die kargen Heidelbeerzweige im Frühlingsstrauß irgendwann richtig ergrünen; die Tulpen sind dann allerdings meist schon hinüber. Die Zucht konzentriert sich auf nordamerikanische Arten und hat seit den selektiven Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts inzwischen eine ganze Reihe von Sorten für die Kultur geschaffen, mit verheißungsvoll klingenden Namen wie Bluegold, Patriot, Duke, Goldtraube, Pink Lemonade oder Champagne.

In Europa, wo abgesehen von der Preiselbeere (V. vitis-idaea) auch die Moosbeere (V. oxycoccus) und Rauschbeeren ( V. uliginosum) gesammelt werden, sind wilde Heidelbeeren (V. myrtillus) begehrt. Sie liefern Vitamin C, und von alters her sagt man ihnen medizinische Wirkungen nach; im Vergleich zu den nordamerikanischen Kultursorten gelten sie als viel aromatischer. Für ihre nahezu blauschwarze Färbung werden mehr als ein Dutzend Anthocyane verantwortlich gemacht, aber die in unseren Wäldern heranreifenden Früchte sind recht empfindlich und nur getrocknet lange haltbar. Wer schon einmal im Schwarzwald, in den Vogesen oder in Skandinavien auf Beeren-Jagd war, weiß, wie mühsam es ist, sich nach den Früchten zu bücken, um sie vorsichtig von den Ästen zu lösen, am besten einzeln. Andererseits ist eine "Tarte aux myrtilles d'Alsace" jede Mühe wert, ihr Geschmack ist unvergleichlich, kein Blaubeer-Muffin kann da mithalten.

Zur Abwechslung im heimischen Obstgarten bieten Gärtnereien hin und wieder Sträucher der europäischen Waldheidelbeere an, weitreichende Plantagen hat damit jedoch noch niemand angelegt. Weil das mit Vaccinium angustifolium wiederum sehr erfolgreich gelingt, diskutierten norwegische Agrarwissenschaftler 2011 in einem Review, unter welchen Umständen es möglich wäre, die Erträge von V. myrtillus ebenfalls zu steigern, die einheimische Art vielleicht sogar zu domestizieren. Die Ernte kann in der Wildnis je nach Standort zwar stark variieren, aber das Potential schätzen sie auf nahezu zwei Tonnen je Hektar. Und damit ließen sich ziemlich viele Tartes, Torten und andere süße Träume in Blauviolett erfüllen. Sonja Kastilan

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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