Verbraucherskepsis

Kommt der Kantinenaufstand?

Von Christina Hucklenbroich
04.11.2011
, 14:44
Ratlos im Supermarkt: Die Verbraucherskepsis wächst
Die Deutschen schwören Tütensuppen ab, demonstrieren gegen Massentierhaltung und gründen Selbsternte-Projekte. Noch nie war die Lebensmittelindustrie so unter Verdacht wie heute: Eine Suche nach den Ursachen.
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Knapp 3900 Beschwerden über Dosensuppen, Tütengratin und Fertigdressing haben Verbraucher seit Juli an das Internetportal "lebensmittelklarheit.de" gemeldet. Das gab Landwirtschaftsministerin Aigner in der vergangenen Woche in ihrer Hundert-Tage-Bilanz des Projektes bekannt. Einmal mehr war sie bei dieser Gelegenheit der Kritik von Vertretern der Lebensmittelwirtschaft und der FDP ausgesetzt: Sie halten das Portal, das Verbraucherbeschwerden über irreführend beworbene oder falsch gekennzeichnete Fertigprodukte an die Hersteller weiterleitet und stichhaltige Vorwürfe schließlich veröffentlicht, für tendenziös in seiner Aufmachung. Man wehrt sich gegen die Wirkung als "Lebensmittel-Pranger". Doch wie schon beim Start vor einem Vierteljahr hielt die Ministerin auch diesmal stoisch an dem Projekt fest: Mit der Website sei eine Debatte begonnen worden - und die sei erwünscht.

Studien belegen das ungeheure Misstrauen

Aus Aigners Worten spricht die Überzeugung, mit dem Portal einer Missstimmung zu begegnen, die sich ansonsten kaum noch in Bahnen lenken lässt. Zwar sind die Besucherzahlen der Website nach einem fulminanten Beginn inzwischen mit 16 000 pro Monat überschaubar. Doch längst lastet ein Generalverdacht auf der Lebensmittelwirtschaft. Jede Plattform, die diese Gefühle kanalisieren hilft, kommt da gelegen.

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Dass in der Bevölkerung ein ungeheures Misstrauen gegenüber Fertigprodukten vorhanden ist, hatten Studien schon belegt, lange bevor es das Portal des Verbraucherzentralen-Bundesverbandes gab. Das Institut Fresenius hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass nur einer von zehn Verbrauchern Industrie und Politik in Lebensmittelfragen überhaupt vertraut. Jeweils die Hälfte hat Angst vor gentechnisch veränderten Zutaten, versteht die Angaben auf Verpackungen nicht und befürchtet, dass Zusatzstoffe, etwa Geschmacksverstärker oder Farbstoffe, gesundheitsschädlich sind. Ebenfalls 2010 ist eine Arbeitsgruppe der Universität Göttingen auf einen klaren Trend gestoßen: Immer mehr Verbraucher verspürten eine "Sehnsucht nach Natürlichkeit", schreiben die Agrarwissenschaftler. Effizienz und Technologisierung würden vom Konsumenten als "negative Veränderung von Naturprozessen" angesehen.

Der Protest kommt aus der Provinz

Doch wie kam es zu dem Stimmungsumschwung? Für Einzelbereiche des Lebensmittelsektors lassen sich konkrete Erklärungen finden, etwa für die ablehnende Position vieler Verbraucher der industriellen Tierhaltung gegenüber. Offenbar haben nicht allein Bücher wie "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer oder "Anständig essen" von Karen Duve eine arglose Öffentlichkeit wachgerüttelt. Tatsächlich sind die Bücher und Enthüllungsreportagen wohl auf fruchtbaren Boden gefallen, der Konflikt schwelte seit langem: Schon seit etwa zehn Jahren entstehen bundesweit in ländlichen Regionen Bürgerinitiativen gegen den Bau von Mastställen in der Nähe von Wohngebieten.

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Nach Meinung von Agrarexperten sind die Proteste aufgekommen, weil die Haltung von Masttieren tatsächlich sichtbarer geworden ist. Früher seien Bestände verhalten aufgestockt worden - etwa von 150 auf zweihundert Schweine, sagt Reinhild Benning vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die mehr als 130 Bürgerinitiativen koordiniert: "Heute haben wir das Phänomen, dass Bestandsgrößen verdoppelt werden oder sogar aus dem Nichts Bestände von 60 000 Tieren entstehen. Das sind Ausmaße, die in der Bevölkerung auf Akzeptanzgrenzen stoßen." Die Sichtbarkeit von Ställen und Tiertransporten habe den Anwohnern schließlich die Lust genommen, Lebensmittel aus "konventioneller" Haltung zu konsumieren.

Die „Ampel“ wurde abgesagt

Mehr Einblick also, daneben zu wenig Schutz durch gesetzliche Regelungen - sind das auch die Gründe, die dazu führten, dass die Stimmung industriellen Fertigprodukten gegenüber kippte? Politische Entscheidungen trugen jedenfalls dazu bei, dass die Verbraucher sich ungeschützt fühlten. Im vergangenen Jahr etwa scheiterte nach langen Debatten die Einführung einer Lebensmittelampel auf Fertigprodukten. Sie hätte es immerhin ermöglicht, dass die Verbraucher auf einen Blick den Fett- und Zuckergehalt eines Lebensmittels erfassen.

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Gleichzeitig war das Thema Lebensmittel medial besonders präsent: Allein im Jahr 2010 erschienen viele thematisch ähnliche Bücher, etwa "Die Essensfälscher: Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen", "Die Ernährungsdiktatur: Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt" oder "Die Ernährungsfalle: Wie die Lebensmittelindustrie unser Essen manipuliert".

„Essen Sie kein Müsli, das die Farbe der Milch verändert“

In den Klappentexten ist viel von "perfiden Praktiken" der Lebensmittelbranche die Rede, von "dubiosen Geschäftemachern", "geheimen Machenschaften", "unheimlichen Dickmachern", "gezielter Irreführung", von "Gift" und "Manipulation". Unlängst erschien schließlich eine Anleitung zum kompletten Ausstieg aus der Fertigkost auf Deutsch: "64 Grundregeln Essen: Essen Sie nichts, was ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte" von Michael Pollan, der in Amerika als "Food-Philosoph" gilt. Regel 36 lautet etwa: "Essen Sie kein Müsli, das die Farbe der Milch verändert."

Agrarökonomen haben damit angefangen, die Gründe für das neue Misstrauen zu suchen. "Die Lebensmittel sind so komplex geworden", sagt die Agrarwissenschaftlerin Maike Kayser, Mitautorin der Göttinger Studie. "Der Verbraucher muss oft einfach dem vertrauen, was auf der Packung steht. Häufig sind die Produktdeklarationen so gestaltet, dass er nicht erkennen kann, was genau er vor sich hat."

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Vegetarismus boomt

Inzwischen hat diese Situation Aussteigewillige hervorgebracht. Immer mehr Konsumenten entziehen sich etwa der Fleischwirtschaft. Forsa veröffentlichte im Juni eine Umfrage, der zufolge fast zwei Drittel der Frauen und knapp vierzig Prozent der Männer sich mittlerweile als "Teilzeitvegetarier" sehen. Der Vegetarierbund Deutschland verzeichnet die größte Eintrittswelle, die es jemals gab: Nachdem sich die Mitgliederzahl stets um etwa fünf Prozent pro Jahr gesteigert hat, kam es 2010 zu einer Zunahme um dreißig Prozent, die für 2011 schon jetzt erreicht ist.

Diejenigen, die insgesamt nicht mehr auf die Lebensmittelindustrie vertrauen wollen, organisieren sich in Urban Gardening- und Selbsternte-Projekten. Noch mögen das nur Mikrotrends sein. Doch es gibt inzwischen eine Gruppe, die ganz generell wenig kompromissbereit ist: Familien. "Eltern wollen dringender als Singles wissen, woraus das Essen besteht", sagt Maike Kayser. "Deshalb sind die Produkte im Babynahrungssegment inzwischen zu 64 Prozent ,Bio', in anderen Segmenten aber nur zu zwei bis vier Prozent."

Selbst kochende Küchenroboter bedienen den Gesundheitstrend

Und auch andere Wege werden gesucht: Derzeit erleben stark automatisierte Küchenmaschinen einen Aufstieg. Bekannt sind etwa der "Thermomix", der komplexe Gerichte aus frischen Zutaten zubereitet, oder die Heißluftfriteuse "Actifry", die Gemüse mit wenig Öl gart. Allein in Deutschland hat der Umsatz der Firma Vorwerk mit dem "Thermomix" sich innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt, die Käufer sind überwiegend Frauen zwischen dreißig und fünfzig Jahren. Am häufigsten ist das Gerät in Familien mit vier Personen zu finden. In den Foren, die zum Tausch der Spezialrezepte gegründet wurden, geht es darum, die Lieblingsfertiggerichte aus der Tüte, mit denen man in den siebziger und achtziger Jahren sozialisiert wurde, vom Küchenroboter mit ausschließlich frischen Zutaten nachkochen zu lassen. Gemeinsam schwört man Tütenpulvern ab und diskutiert, wie der Geschmack von "Maggi-Fix für Lachs-Sahne-Gratin" ohne Fertigmischung zu kopieren ist. Ein Generationswechsel scheint sich abzuzeichnen. Wer mit der überschwänglichen Fernsehwerbung für Käpt'n Iglo, Knorr-Tüten und Dr.-Oetker-Pizza aufgewachsen ist, mag solche Produkte nicht mehr als Errungenschaft ansehen.

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Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass die Mehrheit noch nie so abhängig von verzehrfertigen Lebensmitteln war wie heute. Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott von der Universität Göttingen sieht den Griff zu "Convenience Food", schnell verfügbaren Lebensmittel, die nicht selbst zubereitet werden, als den zentralen Trend im Ernährungsverhalten an. Seine Sicht wird durch eine gerade als Buch erschienene Studie bestätigt: "So is(s)t Deutschland" beschreibt den deutschen Verbraucher als einen Getriebenen, der in keiner Weise mehr Herr über seinen Tagesablauf ist, sofern er berufstätig ist. "Entstrukturierung" heißt das in der Untersuchung, die im Auftrag des Nestlé-Konzerns vom Institut für Demoskopie Allensbach angefertigt wurde und auf 10 000 Verbraucherbefragungen basiert. Die Entstrukturierung des Alltags kommt durch lange Arbeitszeiten zustande. Bei Berufstätigen bestimmen statt des Hungers freie Zeitfenster, wann etwas gegessen wird. Die Bedeutung sogenannter Außer-Haus-Ernährung, etwa in Kantinen, ist entsprechend hoch.

Neue Anforderungen an Kantinen

Eine konfliktreiche Situation ist so entstanden: Während sie immer mehr Wert auf die "Natürlichkeit" von Essen legen, verlieren die Menschen auch immer mehr die Kontrolle über das, was sie täglich essen, weil sie es nicht mehr selbst zubereiten können. Ellrott merkt im aktuellen "Brockhaus Ernährung" zudem an, dass die vielen widersprüchlichen Aussagen über Lebensmittel, die im Umlauf sind, die Verbraucher zusätzlich verunsichern. Trendforscher sehen in dieser Atmosphäre neue Strömungen voraus: Als Nächstes werden die Ansprüche an Schul- und Betriebskantinen steigen. Daneben werden auch ganz neue Forderungen entstehen: In Zukunft werden die Arbeitsbedingungen der Menschen, die Lebensmittel herstellen, in den Fokus rücken.

Quelle: F.A.Z.
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