Verpeilte Meeresschildkröten

Zielstrebig in die falsche Richtung

Von Hildegard Kaulen
Aktualisiert am 23.08.2020
 - 15:00
Eine grüne Meereschildkröteschwimmt über ein Korallenriff vor den Malediven.
Meeresschildkröten legen oft weite Wege zurück, um ihre Eier an altbewährten Nistplätzen abzulegen. Doch die Tiere können über große Distanzen nur schwer den Kurs halten. Deshalb brauchen sie große Schutzräume.

Grüne Meeresschildkröten legen ihre Eier immer dort ab, wo sie selbst geschlüpft sind. Dafür verlassen sie ihre Futterplätze und schwimmen oft Tausende Kilometer durchs offene Meer zu ihren angestammten Nistplätzen und wieder zurück. Sie können sich dabei offensichtlich nur auf ein grobes Navigationssystem stützen und müssen oft lange suchen, bevor sie das richtige Ziel gefunden haben. Das kostet die Tiere Kraft und Zeit, wie Untersuchungen von Graeme Hays von der Deakin-Universität im australischen Geelong in der Fachzeitschrift „Current Biology“ zeigen. Allerdings paaren sich Meeresschildkröten auch nur alle zwei bis drei Jahre.

Während einiges darüber bekannt ist, wie gut die Tiere kurze Distanzen meistern, ist wenig darüber bekannt, wie präzise sie im offenen Ozean navigieren können. Hays und seine Kollegen haben deshalb 33 Grüne Meeresschildkröten mit Satelliten-Sendern ausgestattet und beobachtet, welche Kurs sie nehmen, wenn sie von ihren Nistplätzen auf dem Diego-Garcia-Atoll im Westindischen Ozean zu ihren Futterplätzen an der Ostküste Afrikas und den vorgelagerten Inseln zurückkehren. Manche Tiere legten dabei mehr als 4000 Kilometer zurück und waren Wochen unterwegs, ohne dabei Nahrung zu sich zu nehmen. Die Forscher bestimmten auch die Abweichungen vom direkten Kurs und rechneten die Strömung ein.

Erdmagnetfeld bietet Orientierung

Die Tiere starteten ihre Reise zwar immer in der richtigen Richtung, aber nicht auf direktem Kurs. Oft lagen sie Hunderte von Kilometern daneben und mussten ihre Route auf offener See korrigieren. Das taten sie mitunter abrupt, nachdem sie zuvor noch zielstrebig in die falsche Richtung geschwommen waren. Die Tiere orientieren sich dabei am Magnetfeld der Erde, verfügen aber offensichtlich nur über eine grobe Karte. Sonst würden sie den Kurs laufend nachjustieren und nicht erst, wenn sie deutlich davon abweichen. Auch in der unmittelbaren Umgebung ihrer Futter- oder Nistplätze suchten die Schildkröten oft tagelang nach ihren angestammten Seegrasweiden. Also auch für kurze Distanzen fehlt ihnen ein präzises Navigationssystem.

Die Ergebnisse sind für den Schutz dieser Arten durchaus relevant. Grüne Meeresschildkröten sind die ältesten noch lebenden Reptilien und seit rund 225 Millionen Jahren auf der Erde. Obwohl sich ihr Bestand in den vergangenen Jahren erholt hat, sind die Tiere nach wie vor vom Aussterben bedroht. Sie leiden unter der Besiedlung der Strände, dem Klimawandel, dem Müll im Meer und der Gier nach Schildkrötenfleisch und Schildpatt. Viele Tiere verheddern sich zudem in den Netzen der Fischfangboote. Die Daten von Hays und seinen Kollegen machen deutlich, dass die Schutzräume beim Fischfang sehr viel weiter gefasst werden müssen als bisher.

Quelle: F.A.Z.
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