Voeltzkow-Chamäleon entdeckt

Das Leben einer Diva mit der Eile einer Eintagsfliege

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 06.11.2020
 - 18:21
Das Männchen des Voetzkow-Chamäleons fällt farblich weit hinter das Weibchen zurück. zur Bildergalerie
Mehr als hundert Jahre lang „verschollen“: Was die Wiederentdeckung des Voeltzkow-Chamäleons in Madagaskar durch deutsche Zoologen über das Glück der Regenzeit und der Naturforschung lehrt.

Sie ist alles andere als unscheinbar, sie ist auch nicht extrem selten, und sie ist vieles, nur eben nicht menschenscheu. Trotzdem gehörte sie bis vor kurzem zu den „25 meistgesuchten verlorenen Arten“ auf dem Globus: Furcifer voeltzkowi, eine von mehr als zweihundert Chamäleon-Arten, die die ostafrikanische Tropeninsel Madagaskar bevölkern, stand auf der Suchliste der internationalen Naturschutzvereinigung „Global Wildlife Conservation“ weit oben.

Verschollen – und vielleicht dennoch nicht für immer verloren. Das ist die Hoffnung, die sich hinter der weltweiten Initiative verbirgt. Tiere, um die sich Gerüchte ranken. Jedes Jahr sterben nach Schätzungen der Biodiversitätsforschung Hunderte von Arten aus, verursacht in letzter Instanz von der invasivsten aller Arten, dem Menschen. Den Chamäleon-Arten auf Madagaskar, von denen mehr als die Hälfte ausschließlich auf dieser Insel im Indischen Ozean vorkommt, geht das nicht anders. Brandrodungen sind ein jahrzehntealtes Problem, dazu kommt der Klimawandel, und zusammen erhöht das den Druck auf die Ökosysteme und den Stress auf die Wildpopulationen immer stärker.

Frank Glaw, Herpetologe an der Zoologischen Staatssammlung München, verfolgt den Niedergang der Naturräume auf Madagaskar seit Jahrzehnten. Gleichzeitig aber entdeckt er in entlegenen Winkeln immer wieder auch Neues – oder er findet verloren Geglaubtes wieder. Dutzende wissenschaftlich neu beschriebene Arten von Amphibien, Reptilien und Insekten gehen auf sein „Entdecker“-Konto.

Die Wiederentdeckung allerdings, die ihm mit Kollegen, seiner Familie und dem Braunschweiger Zoologen Miguel Vences am Ende der Regenzeit 2018 im Nordwesten Madagaskars gelungen war, gehört in die Kategorie Wundertüte (siehe das Video von Timon Glaw). Gesucht war ein markantes grünes Baum-Chamäleon mit weit vorstehender Schnauze: Chamaeleon voeltzkowi. So jedenfalls hatte der Frankfurter Herpetologe Oskar Boettger vor 115 Jahren die ersten wissenschaftlich erfassten Exemplare bezeichnet. Bis im Jahr 1986 der Bonner Herpetologe Wolfgang Böhme die taxonomisch immer reichere Gruppe der Chamäleons aus Madagaskar und Afrika in vier Gattungen unterteilte. Von da an hieß die Art, die nach Boettger wenig Interesse fand, Furcifer voeltzkowi. Mit der Initiative zur Wiederentdeckung der verloren geglaubten Arten hat die Sache einen neuen Reiz bekommen.

Und der hat sich für Glaw und seine Expeditionstruppe ausgezahlt. In kurzer Zeit hat man nahe Mahajanga und an drei weiteren Orten an der Bombetoka Bay einige Männchen und erstmals überhaupt die sehr viel farbenfroheren Weibchen entdeckt. Allein auf dem Gelände des Hotels „Madame Chabaud“ waren es mehr als ein Dutzend Weibchen „mit leicht fühlbaren Eiern im Bauch“, wie die Biologen in der Zeitschrift „Salamandra“ berichten. Das Verbreitungsgebiet dürfte sich auf tausend Quadratkilometer erstrecken.

Wieso aber hatte man die Tiere nicht früher gefunden? Alles deutet darauf hin, dass die Tiere nur eine Regenzeit als ausgewachsene Tiere leben, und in dieser Zeit ist die Gegend im Nordwesten schwer erreichbar für Reisende. Im November sollen nur noch die aus den Eiern geschlüpften Jungchamäleons auf Bäumen klettern – und schlafen. Glaw: „Die Tiere sind quasi die Eintagsfliegen unter den Wirbeltieren.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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