Domestiziertes Geflügel

Wann wurde die Wildgans zur Hausgans?

Von Diemut Klärner
16.04.2022
, 11:15
Wildgans im Anflug
Wann wurde die Wildgans domestiziert? Offenbar schon viel früher als das Huhn. Das zeigen zumindest steinzeitliche Knochen aus China.
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Schweinefleisch ist noch im­mer am beliebtesten, dicht gefolgt von Geflügel. Gut dreizehn Kilogramm pro Person werden davon in Deutschland jährlich verspeist. Das meiste ist Hühnerfleisch. Nach der Erhebung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zum 1. März 2020 werden hierzulande mehr als 159 Millionen Hühner und 11,6 Millionen Puten als Nutztiere gehalten. Alle anderen Geflügelarten, darunter Gänse, rangierten unter „ferner liefen“.

Bislang galt das Haushuhn auch als derjenige Vogel, der als erster domestiziert wurde. Das Bankivahuhn, von dem sämtliche Hühnerrassen abstammen, ist ursprünglich in Süd- und Südostasien beheimatet. Dort bevölkert es nicht nur Wälder, auch extensive Landwirtschaft in Form von Wanderfeldbau bietet ihm günstige Lebensbedingungen. Dass sich dieser Hühnervogel einst in der Nähe von Menschen herumzutreiben begann, könnte seine Domestikation erleichtert haben. Archäologische Funde bezeugen, dass gezähmte Hühner schon vor viertausend Jahren den Speiseplan des Menschen bereicherten.

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Eine Gruppe japanischer und chinesischer Archäologen hat entdeckt, dass Gänse offenbar aber schon Jahrtausende früher als Hühner domestiziert wurden. Den entscheidenden Hinweis auf frühe Pioniere der Gänsezucht lieferten Gänseknochen aus der jungsteinzeitlichen Fundstätte Tianluoshan im unteren Yangtze-Tal in China. Mit der Radiokarbon-Methode datierten die Wissenschaftler um Masaki Edaa von der Universität Hokkaido die Knochen auf ein Alter zwischen 7200 und 6700 Jahren. Damals existierte in Tianluoshan eine Siedlung der Hemudu-Kultur, deren Bauern auf gefluteten Feldern Reis anbauten und womöglich auch Schweine hielten. Wie der Inhalt ihrer Abfallgruben verrät, fischten und jagten sie außerdem eifrig.

Ein Sauerstoffisotop gibt Aufschluss

Die aus dem prähistorischen Müll herausgeklaubten Vogelknochen identifizierten die Forscher hauptsächlich als Überreste von Rallen, Enten und Gänsen. Offenbar handelte es sich vor allem um Zugvögel, die im Winter die subtropische Sumpf- und Seenlandschaft bevölkerten. Heutzutage beherbergt der breite untere Teil des Yangtze-Tals sechs unterschiedliche Gänsearten als Wintergäste. Keine einzige lässt sich während der Brutzeit dort blicken, und nichts spricht dafür, dass sie sich vor sechs- bis siebentausend Jahren anders verhalten haben.

Eine Graugans  mit ihren Küken auf einer Wiese im Englischen Garten.
Eine Graugans mit ihren Küken auf einer Wiese im Englischen Garten. Bild: dpa

Dennoch kamen aus den jungsteinzeitlichen Abfallgruben auch einige Knochen von jugendlichen Gänsen zum Vorschein. Einer stammt von einem Vogel, der höchstens acht Wochen alt war. Also definitiv noch zu jung, um die Flugreise vom Brutgebiet ins Winterquartier absolvieren zu können. Gehörte dieses junge Gänschen womöglich zu einer Population, die in der Obhut der Reisbauern gelebt hat? Dann müssten sich auch Knochen von erwachsenen Gänsen finden, die ihr gesamtes Leben vor Ort verbracht haben. Und tatsächlich haben Masaki Edaa und seine Kollegen solche Gänseknochen aufspürt.

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Als aufschlussreich erwies sich die Methode, den Gehalt von Sauerstoff der Massenzahl 18 (18O) im Kalziumphosphat der Knochen von Gänsen und weniger mobilen Säugetieren zu vergleichen. Denn je nach klimatischen Rahmenbedingungen variiert der Anteil dieses seltenen nicht radioaktiven Sauerstoffisotops in der Natur. Im unteren Yangtze-Tal zum Beispiel enthält das Regenwasser – also das Wasser, das auch Gänse trinken – mehr 18O als in den viel weiter nördlich gelegenen Brutgebieten. Deshalb bauen die Vögel hier entsprechend mehr davon in ihren Körper ein. Dabei entpuppten sich vier von 25 untersuchten Gänseknochen aus Tianluoshan als Überreste von sesshaften Individuen. Offenbar hatten diese Gänse die Gegend, die üblicherweise nur als Winterquartier dient, nie verlassen, schreiben die Archäologen um Edaa in den „Proceedings“ der nationalen Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

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Unbekannte Arten, kleine Populationen

Das Kollagen der Knochen gibt Auskunft über Ernährungsgewohnheiten. Je nachdem, was sich ein Tier als Nahrung einverleibt hat, enthält dieses Eiweiß mehr oder weniger vom Stickstoff-Isotop der Massenzahl 15 (15N). In allen vier Knochen, die domestizierten Gänsen zugeschrieben wurden, fand sich relativ viel davon. Das spricht dafür, dass die Vögel mit Reis gefüttert wurden. Denn die Bakterien, die im Boden gefluteter Reisfelder Nitrat abbauen, reichern dabei 15N an.

Die Pommerngans gehört hierzulande zu den beliebtesten Hausgänsen Ausgewachsen bringt sie es auf ein Gewicht von bis zu acht Kilogramm.
Die Pommerngans gehört hierzulande zu den beliebtesten Hausgänsen Ausgewachsen bringt sie es auf ein Gewicht von bis zu acht Kilogramm. Bild: ddp

Zu welcher Art von Gänsen die mutmaßlich domestizierten gehören, bleibt ungeklärt. Da die Knochen relativ groß sind, muss es jedoch eine der größeren Spezies gewesen sein. Etwa die Graugans, deren Brutgebiet von Europa bis in den Nordosten von China reicht, oder die Schwanengans, die in der Mongolei, im nordöstlichen China und im angrenzenden Sibirien brütet. Dass die von den Forschern anhand der Knochen berechnete Körpergröße bei den vermutlich domestizierten Gänsen auffallend wenig variierte, lässt auf eine recht kleine Population schließen, die seit Generationen isoliert gelebt hat. Auch das deutet auf ein frühes Stadium der Domestikation hin.

Wie archäobotanische Studien zeigen, gingen den steinzeitlichen Reisbauern vor und während der Ernte viele Reiskörner verloren. Deshalb dürften abgeerntete Felder den hungrigen Wildgänsen einen reich gedeckten Tisch geboten haben. Dass sich die Gänse bevorzugt in Siedlungsnähe tummelten, mag ein erster Anreiz zur Domestikation gewesen sein. Um die Vögel über den Winter hinaus vor Ort zu halten, mussten sie von den Pionieren der Gänsezucht jedoch am Davonfliegen gehindert werden, etwa durch Einsperren.

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China ist noch heute der größte Produzent von Gänsefleisch

Die Siedler von Tianluoshan machten auch Jagd auf wild lebende Vögel. Wie Masaki Edaa und seine Kollegen schreiben, lieferten Gänse den jungsteinzeitlichen Reisbauern nicht nur Fleisch und Fett. Bestimmte Knochen wurden auch gern genutzt, um daraus Nadeln, Ahlen und andere Gerätschaften herzustellen. Vielleicht diente die Gänsezucht dazu, den Mangel an Wildvögeln außerhalb der Wintermonate zumindest teilweise zu kompensieren. Denkbar wäre, dass domestizierte Gänse für religiöse Zeremonien etwa als Opfertiere bereitgehalten wurden.

Gut möglich, dass der Erfahrungsschatz der frühen Gänsezüchter später wieder verloren gegangen ist, weil sich die kulturellen Praktiken veränderten. Sicher scheint jedenfalls, dass Gänse zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten gehalten wurden. So stammen die in Europa verbreiteten Hausgänse von der Graugans (Anser anser) ab. Den frühesten Nachweis domestizierter Graugänse liefern ägyptische Grabgemälde aus der 18. Dynastie (Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus), die junge und erwachsene Gänse mit ganz unterschiedlich gefärbtem Gefieder zeigen. Höckergänse wurden dagegen in China aus der Schwanengans (Anser cygnoides) gezüchtet. Seit dem neunzehnten Jahrhundert sind sie bisweilen auch bei europäischen Geflügelhaltern anzutreffen, wo sie gelegentlich Nachwuchs mit Hausgänsen zeugen.

Der weltweit größte Produzent von Gänsefleisch ist derzeit China. In Deutschland hat das Bundeslandwirtschaftsministerium in den vergangenen Jahren jeweils nur gut 300.000 Gänse gezählt. Dieser Bestand liefert allerdings kein vollständiges Bild der hiesigen Konsumgewohnheiten: Rund achtzig Prozent der hierzulande verkauften Gänse werden importiert, vor allem als Saisonware in Form von Martins- und Weihnachtsgänsen. Von manchen Rassen sind zwar auch die Eier gefragt. Mit bis zu 60 Stück pro Saison sind Gänse aber weit weniger produktiv als spezielle Züchtungen des Haushuhns, die in einem Jahr bis zu 300 Eier legen ­können.

Quelle: F.A.Z
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