Spuren der Gewalt

Traumatisierte Kinder altern schneller

Von Nicola von Lutterotti
Aktualisiert am 14.08.2020
 - 18:31
Erschütternde Kindheitserlebnisse beschleunigen den Alterungsprozess in den Körperzellen.
Wenn Kinder früh Gewalt erfahren, kann das nicht nur psychische Störungen verursachen. Das Erlittene hinterlässt Spuren im Gehirn und lässt offenbar auch die Körperzellen schneller altern.

Sexueller Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung hinterlassen in der kindlichen Seele tiefe Spuren. Aber auch das körperliche Wohl der Heranwachsenden wird durch solche Erfahrungen in Mitleidenschaft gezogen.Traumatisierte Mädchen und Jungen erkranken im späteren Leben daher nicht nur überdurchschnittlich oft an psychischen Störungen, sondern auch vermehrt an Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs und anderen bedrohlichen Krankheiten.

Was die Ursachen für ihre gesundheitliche Labilität angeht, sind diese äußerst vielschichtig. Zum Teil ist die erhöhte Krankheitsanfälligkeit auf ungesunde oder auch destruktive Verhaltensweisen – etwa Essstörungen, Drogensucht und übermäßigen Alkoholkonsum – zurückführen, allerdings nicht allein. Erschütternde Kindheitserlebnisse beschleunigen, wie Beobachtungen nahelegen, den Alterungsprozess und könnten daher auch dazu führen, dass die Betroffenen schon in vergleichsweise jungen Jahren an altersbedingten Gebrechen leiden.

Wie erschütternde Kindheitserfahrungen die Uhr des Lebens verstellen und ob zwischen den einzelnen Traumata diesbezüglich Unterschiede bestehen, ließ sich aufgrund der teils widersprüchlichen Datenlage bislang erst unzureichend beantworten. Für mehr Klarheit sorgen nun die Resultate einer systematischen Analyse von 43 Studien mit zusammen mehr als 114.000 Versuchspersonen. Danach beeinflussen nicht alle Arten von Kindheitstraumata den Alterungsprozess gleichermaßen stark.

Verräterischer Blick in die Zelle

Besonders weitreichend sind die Folgen bedrohlicher Erlebnisse, etwa von körperlicher oder auch seelischer Gewalt, von sexuellen Übergriffen und Missbrauch jeglicher Art. Wie die Autoren der Meta-Analyse von der University of Washington in Seattle im „Psychological Bulletin“ berichten, kamen Probanden, die in jungen Jahren derart einschneidenden Erfahrungen ausgesetzt waren, deutlich früher in die Pubertät als Teilnehmer mit einer glücklichen Kindheit. Je schwerer und anhaltender die Bedrohung gewesen war, desto eher erlangten die betroffenen Kinder die Geschlechtsreife.

Dass die Opfer von Gewalt und Missbrauch rasch gealtert waren, offenbarte auch ein Blick ins Zellinnere. So wiesen die Chromosomen deutlich kürzere Schutzkappen, sogenannte Telomere, auf als jene von Gleichaltrigen mit einer unbelasteten Kindheit. Je kürzer aber Telomere sind, desto früher stirbt die betreffende Zelle ab. Wie sich ferner zeigte, enthielt die DNA von Männern und Frauen mit Gewalterfahrungen in der Kindheit etliche chemische Veränderungen, die normalerweise erst später im Leben auftreten.

Kein Anzeichen für ein schnelleres Ticken der biologischen Uhr fanden die Wissenschaftler um Natalie Colich bei Männern und Frauen, die als Kinder vernachlässigt worden waren oder in sozial prekären Verhältnissen gelebt hatten. Allerdings blieben auch solche Erfahrungen nicht folgenlos. Einen messbaren Abdruck hinterließen sie offenbar im Gehirn. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass die Hirnrinde der Betroffenen an bestimmten Stellen dünner und daher vermutlich reifer oder auch älter war als bei Probanden gleichen Alters mit unbeschwerter Jugend. Vergleichbare Veränderungen, wenngleich in einer anderen Hirnregion, ließen sich im Übrigen auch bei Personen mit Gewalterfahrung in der Kindheit nachweisen.

Gewalterfahrungen steigern das Entwicklungstempo

Weshalb die Hirnrinde von Männern und Frauen mit negativen Kindheitserlebnissen vergleichsweise schnell dünner wird – ein Prozess, der natürlicherweise mit dem Alter einhergeht –, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Colich und ihre Kollegen glauben, dass es sich dabei um eine wie auch immer geartete Anpassung des Körpers an die widrigen Lebensumstände handelt. Gleiches dürfte für die frühe Geschlechtsreife gelten. Die Forscher berufen sich dabei auf die Theorie der Lebensgeschichte („Life History Theory“). Diese besagt, dass sich Organismen bei der Nutzung ihrer meist begrenzten Ressourcen an wesentlichen, oft miteinander konkurrierenden Meilensteinen in ihrer Lebensgeschichte orientieren. Neben dem eigenen Überleben umfassen diese unter anderem die Fortpflanzung.

Gewalterfahrungen seien, so die Theorie, in jungen Jahren ein Grund dafür, das Entwicklungstempo zu steigern. Denn je rascher das bedrohte Kind geschlechtsreif würde, desto eher gelänge es ihm, sich vor dem möglicherweise vorzeitigen Tod fortzupflanzen. In diesem Fall konzentriere der Organismus seine Energien auf eine beschleunigte Reifung, die auch eine vorzeitige Alterung beinhalte. Er nehme zugleich in Kauf, dass sein Lebenslicht schneller ausgeht. Ob sich diese Prozesse bei rechtzeitigem Einschreiten rückgängig machen lassen, ist derzeit noch unklar.

Quelle: F.A.Z.
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