Feinsinnige Hunde

In drei Monaten zum Lurchfahnder

Von Alina Schäfer
12.04.2021
, 15:38
Als Drogenschnüffler sind Hunde bewährt. Ihr guter Geruchssinn ist aber auch gefragt, wenn es um den Artenschutz in Wald und Wiese geht.

Mit der Nase am Boden hetzt Zammy durchs hohe Gras. Ein Bachlauf kreuzt seinen Weg, das hindert ihn nicht: Mit einem Satz springt der Border Collie darüber, Zammy folgt der Fährte eines Fischotters. Plötzlich wird er langsamer, setzt sich abrupt auf den feuchten Untergrund. Seinen Fund starrt er jedoch nur an, denn Zammy ist keineswegs auf der Jagd, sondern im Dienst der Wissenschaft unterwegs. Wie, das lässt sich auf Youtube beobachten, wo die Biologin Annegret Grimm-Seyfarth vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung einen eigenen Kanal zu den „Monitoring Dogs“ pflegt und Videos von Spürhund Zammy einstellt: Der fünfjährige Rüde sucht für sie nach seltenen Tierarten. Die Rote Liste der Weltnaturschutzunion wächst jährlich, mittlerweile werden 15.166 Tier- und 20.360 Pflanzenarten als gefährdet eingestuft. Aber all jene, die besonders klein sind oder an unzugänglichen Orten leben, sind schwer zu dokumentieren, und: „Um die bedrohten Arten zu schützen, braucht es effektive Methoden, um sie in ihren natürlichen Lebensräumen zunächst aufspüren zu können“, erklärt Grimm-Seyfarth. Hunde sind dafür bestens geeignet.

Brustkrebs, Coronaviren und auch Amphibien

Die feinsinnige Nase der Vierbeiner hat sich in den verschiedensten Bereichen als Hilfsinstrument bewährt: Mensch und Hund arbeiten weltweit im Team zusammen, um Drogen, Sprengstoffe, Datenträger oder vermisste Personen aufzuspüren; die deutsche Bundespolizei hält rund 460 dieser gut ausgebildeten Gefährten. Auch in der Medizin kommen sie zum Einsatz, denn Hunde können Krankheiten an Patienten erschnüffeln, beispielsweise Brustkrebs. Laut einer Studie im Fachmagazin „Oncology“ sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent. An Speichel-, Schweiß- oder Urinproben erkennen trainierte Spürhunde auch coronapositive Personen, fast so zuverlässig wie ein PCR-Test.

Diese Leistung ist der hohen Zahl an Geruchsrezeptoren auf den Riechzellen zu verdanken: Je nach Rasse sitzen davon 200 bis 300 Millionen in einer Hundenase, die zudem sehr divers sind und es ermöglichen, selbst geringste Mengen einer Substanz nicht nur zu erkennen, sondern von anderen zu unterscheiden, auch Tiere oder Pflanzen. „Um ihr Potential besser einschätzen zu können, wollten wir wissen, welche Erfahrungen es weltweit mit Artenspürhunden gibt“, sagt Annegret Grimm-Seyfarth. Dafür wertete sie 1220 Publikationen aus, die Einsätze solcher Suchhunde in mehr als sechzig Ländern dokumentierten. In Neuseeland reichen die Aufzeichnungen dazu bis ins 19. Jahrhundert zurück, dort ließ man Artenspürhunde schon um 1890 nach den flugunfähigen Kiwis suchen. Der nachtaktive Vogel ist das Nationaltier des Inselstaats und steht seit 1921 unter Naturschutz. Mittlerweile schätzen Wildtierforscher in aller Welt die feinen Hundenasen, die auch Pilze finden können und sogar Bakterien.

Am Boden können Hund Gerüche aus drei Metern Tiefe wahrnehmen

Gegenüber der herkömmlichen Suche mittels Kamerafalle oder Duftstation bieten Hunde einige Vorteile: Sie sind in der Lage, lebende Tiere aufzuspüren, lassen sich aber auch auf den Kot einer bestimmten Art konditionieren. Denn der kann als wichtige Informationsquelle dienen, wenn Forscher die Proben nicht nur auf grobe Nahrungsrückstände hin untersuchen, sondern auch genetisch analysieren: Die Details charakterisieren ein Individuum, decken Verwandtschaftsverhältnisse auf oder das Fressverhalten. Selbst für erfahrene Forscher ist die Suche nach der sogenannten Losung recht mühsam, während trainierte Hunde die Aufgabe spielend bewältigen – mit Erfolg, sie sind den Menschen um ein Vielfaches überlegen und zudem schneller. „Somit kommen wir in kurzer Zeit zu einer extrem hohen Anzahl an Proben“, sagt Grimm-Seyfarth. Für eine Fläche, die Border Collie Zammy in fünfzehn Minuten durchkämme, brauchte ein Team aus zweibeinigen Kollegen eine ganze Stunde. Wo sich die gesuchte Art befindet, womöglich unter der Erdoberfläche, spielt dabei keine große Rolle. Am Boden könne der Hund durchaus Gerüche aus drei Meter Tiefe wahrnehmen, sagt Grimm-Seyfarth.

Dass ein Spürhund überhaupt zu solch einer Leistung fähig ist, geht auf eine lange Kulturgeschichte und die gezielte Züchtung zurück, und nicht nur Border Collies eignen sich für die Suche nach seltenen Arten. „Im Prinzip können alle Hunderassen für solche Aufgaben ausgebildet werden“, sagt Grimm-Seyfarth, „nur ist das bei manchen aufwendiger als bei anderen.“ Typische Vorstehhunde wie Pointer und Setter wurden so gezüchtet, dass sie Wild finden und anzeigen, aber nicht jagen. Terrier sind ebenfalls ausdauernde Spürnasen, neigen jedoch dazu, sich die Beute auch zu schnappen. Traditionelle Hütehunde wiederum haben andere Talente: Sie sind leicht zu motivieren, lernen schnell und arbeiten gerne mit Menschen zusammen, wofür man sie schätzt. Somit gehören Labrador Retriever, Border Collies und Deutsche Schäferhunde zu den beliebtesten Forschungshelfern. Viel wichtiger noch als die jeweilige Rasse ist allerdings ihr Training.

Das erste Training ist für Welpen ein Spiel

Zammy lernte früh, die Losung von Fischottern aufzuspüren: Schon im Welpenalter wurde er spielerisch auf den Zielgeruch konditioniert. „Der Hund muss erst mal wissen, welcher Geruch überhaupt gesucht wird“, erklärt Annegret Grimm-Seyfarth das Vorgehen. In einem zweiten Schritt legte die Biologin Proben des nun bekannten Geruchs im natürlichen Lebensraum der Zielart aus, denn „der Hund soll selbstständig und ausdauernd, an das Verbreitungsgebiet angepasst, suchen“. Seine nächste Aufgabe war das Anzeigen: Um die Tiere nicht zu gefährden oder Proben zu verunreinigen, übte Zammy, sich vor ein Zielobjekt zu setzen und es eindringlich anzustarren. Diese Art von Basistraining könne ein Hund binnen drei Monaten durchlaufen, sagt Grimm-Seyfarth, die sich außerdem um den Welpen Foxy und die achtjährige Hündin Bagheera kümmert. „Danach kommen die Details und Feinheiten.“ Auch nach vier Jahren im Einsatz trainiert die Forscherin regelmäßig mit Zammy, überprüft dessen Arbeit und bringt ihm bei, weiteren Gerüchen zu folgen. Neben der Losung von Fischottern spürt der Border Collie inzwischen seltene Kamm- und Teichmolche auf. Sein Portfolio ließe sich noch erweitern: „In den Vereinigten Staaten werden Hunde für bis zu 25 Gerüche gleichzeitig eingesetzt“, sagt die Biologin, zu deren Forschungsgebiet Amphibien zählen.

Trotz ihrer feinen Nase sind Artenspürhunde nicht immer die am besten geeignete Nachweismethode. Problematisch wird es zum Beispiel, wenn die gesuchte Tierart wilde Hunde als Feinde fürchten muss, in solchen Fällen kommen doch eher Wildtierkameras zum Einsatz, die auf Bewegung reagieren. Für die Naturschutzforschung bieten noch weitere neue Technologien Vorteile, so gelingt anhand von Luft- und Satellitenbildern die Fernerkundung; auch in der weitläufigen Savanne sind Nashörner oder andere gefährdete Großtiere dann mühelos zu erkennen. Und Ranger können die Losung von Dickhäutern an Boden dann kaum übersehen, wenn sich die Teams vor Ort auf die Suche machen.

Für Annegret Grimm-Seyfarth sind Zammy und seine vierbeinigen Kollegen dennoch fast immer die beste Wahl, seit sie die Studien aus aller Welt dazu sichtete. Bislang sind in Deutschland zwar erst an die hundert Artenspürhunde im Einsatz, doch Grimm-Seyfarth will neue Ziele erreichen und bildet dafür Foxy aus. Dieser vier Monate alte weibliche Welpe ist ein Australian Cattle Dog, eine als loyal, gehorsam und energisch bekannte Rasse. Neben den Spuren von Fischottern soll Foxy später auch die von Rot- oder Gelbbauchunken finden. Im kommenden Jahr schon könnte die Hündin so ihren besonderen Beitrag für die Naturschutzforschung leisten.

Quelle: F.A.S.
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