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Pflanzenzüchtung gefährdet

Der Aufschrei der europäischen Gen-Gelehrten

Von Joachim Müller-Jung
 - 12:30

„Es ist unverantwortlich!“ So unverblümt, so dröhnend empören sich Akademiker selten, wenn es gegen den Gesetzgeber geht. Erst recht nicht, wenn sie selbst wegen der überall in Europa garantierten Forschungsfreiheit weitgehend unbehelligt von den Regularien bleiben. Doch nach dem Urteil des europäischen Gerichtshofs vom Sommer zum Genom-Editing, der als revolutionär gefeierten minimalinvasiven Pflanzenzüchtung mit molekularen Genscheren wie Crispr-Cas, ist den Akademikern nun der Kragen geplatzt. In einem Papier, das 75 europäische Agrarforschungsinstitute von Zypern bis Finnland unterzeichnet haben, wird der Gesetzgeber in Brüssel aufgefordert, die europäische Gesetzgebung schnellstmöglich zu revidieren. Urheber sind britische Institute, das John Innes Centre sowie das „Sainsbury Laboratory“ in Norwich.

„Die Gen-Richtlinien der EU entsprechen in keiner Weise mehr dem wissenschaftlichen Kenntnisstand“, heißt es in dem Positionspapier. Geschieht nichts, werde „Europas innovative Landwirtschaftsforschung angesichts der gesetzlichen Hürden zum Erliegen kommen“. Start-ups würden nach Übersee abwandern, junge Forscher ihre Arbeitsplätze und Zukunft verlieren, Europa komplett den Anschluss verpassen in einer Zeit, in der unter anderem wegen des Klimawandels und des Bevölkerungswachstums neue Nutzpflanzensorten immer schneller entwickelt werden müssten.

Im Juli hatte der europäische Gerichtshof entschieden, dass die Genscheren, die in der Sprache der Züchter eine nie dagewesene, fast schon schonende „Präzisionszüchtung“ im Labor ermöglichen und im Gegensatz zur herkömmlichen Gentechnik kein Einschleusen von Fremdgenen nötig macht, genauso wie die mit herkömmlicher Gentechnik erzeugten Sorten unter die alte europäische Genrichtlinie fällt. Das heißt: Ein aufwändiges, zeitraubendes und teures Zulassungsverfahren ist nötig, das kleine und mittelständische Unternehmen kaum bezahlen können.

„Die aktuelle Gesetzgebung macht die Präzisionszüchtung ultrateuer und macht es zu einem Privileg, das sich nur einige wenige multinationale Konzerne leisten können.“ Den kleinen Züchtungsunternehmen bleibt nur die klassische, eigentlich schon veraltete Mutationszüchtung, bei der man neue Eigenschaften mehr oder weniger zufällig erzeugt, indem die Pflanzen toxischen Chemikalien und radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden. Diese klassische Methode nimmt Zigtausend zusätzlicher, ungewollter (und fast immer unerkannter) Genmutationen im Pflanzengenom in Kauf. Weil sie aber seit Jahrzehnten schon angewandt wird und demnach als „sicher“ eingestuft wurde, hat man sie von der europäischen Gen-Gesetzgebung ausgenommen.

„Mindestens so sicher wie klassische Züchtung“

Die gleiche, vereinfachte Regelung hatten sich die Pflanzenforscher für das Genom-Editing erhofft, denn vom Prinzip her ist es genetisch gesehen noch viel sicherer, weil die gewünschten Mutationen gezielt, geplant und an nur jeweils ganz wenigen Stellen im Genom - chirurgisch gewissermaßen - eingeführt werden. Die Präzisionszüchtung sei sei „mindestens genauso sicher wie die konventionelle Mutagene“, heißt es in dem vierzehnseitigen Dokument der Institute, es sei auch noch sehr viel effizienter. Obwohl der Generalanwalt des Gerichtshofs in Straßburg das auch so sah, hat der Europäische Gerichtshof anders entschieden und den Prozess - ein neues Gentechnik-Verfahren, das nicht ausreichend empirische Daten geliefert hat - unter die restriktiven Zulassungsvorbehalte der Gentechnik-Richtlinie gestellt. Nur die Änderung der Richtlinie selbst durch den europäischen Gesetzgeber, sprich die EU-Länder und das Europaparlament, kann das ändern. Genkritiker kritisieren das allerdings vehement als „Gentechnik durch die Hintertür“.

Den Pflanzeninstituten geht es dabei nicht nur ums Prinzip, es geht auch um Geschwindigkeit. Ihnen läuft die Zeit davon. „Zeit ist ein Luxus, den wir nicht haben“, schreiben die Wissenschaftler. Sie nennen dazu auch Beispiele aus der Pflanzenzüchtung: „Von Süden her breiten sich wegen der steigenden Temperaturen Pflanzenschädlinge und -krankheiten schnell aus. Wenn wir einzelne Gene in unseren Nutzpflanzen ausschalten können, können wir sie vor den Schädlingen schützen, ohne neue Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen.“ Das gelte besonders für sich asexuell vermehrende Kulturen wie Erdbeeren, Kartoffeln oder Bananen, die ohnehin eine verminderte genetische Vielfalt und Widerstandskraft aufweisen. Aber auch alle anderen wichtigen Nutzpflanzen müssten rasch angepasst werden, weil der Klimawandel es nötig macht, Sorten zu züchten, die je nach Standort immer größerer Trockenheit oder extrem schwankenden Bedingungen angepasst werden müssten. Allerdings geht es keineswegs nur um klimaangepasste neue Kulturen, auch die Qualität und Haltbarkeit der Getreide, Gemüse und Früchte soll mit den neuen Methoden leichter zu verbessern sein.

Genscheren revolutionieren die Züchtung

Wie dramatisch die Lage sich in der wissenschaftlichen Pflanzenzüchtung zuspitzt, zeigen die Zahlen, die jüngst vom Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlicht und von dessen Ressortforschung am Julius-Kühn-Institut zusammengestellt wurden: Landwirtschaftliche Großmächte wie die Vereinigten Staaten, China, Kanada, aber auch Australien, Brasilien, Argentinien und Chile haben inzwischen Zulassungsregeln umgesetzt, die Genom-Editing aus den restriktiveren Gentechnik-Regularien herausnehmen und so den Zugang für die neuen Sorten erleichtern. Die Forschung mit Genscheren explodiert quasi in diesen Ländern. Bis 2013, ein Jahr nach der Publikation der Crispr-Cas-Technik, waren im Bereich der Pflanzenzüchtung lediglich dreißig Arbeiten zur neuen „Präzisionszüchtung“ veröffentlicht worden. von 2013 bis zum Mai 2018 waren es an die 1200 Publikationen - 541 davon in China, 387 aus den Vereinigten Staaten. Der überwiegende Teil davon ist immer noch Grundlagenforschung, weshalb auch deutsche Genforscher, die traditionell mit ihrem Erfindungsreichtum weit vorne liegen, auf Platz vier mit 81 Crispr-Cas-Veröffentlichungen zu finden sind.

Der Weg der Genscheren-Sorten in die Anwendung und damit auch in den Supermarkt zeichnet sich inzwischen deutlich ab. Bislang gibt es dem Julius-Kühn-Institut zufolge 25 genom-editierte, potentiell marktfähige Nutzpflanzen, darunter Weizen, der gegen Mehltau resistent ist, länger lagerfähige Kartoffeln, Luzerne, die Tiere besser verdauen, Raps mit geänderter Fettsäurezusammensetzung und auch Champignons, die langsamer bräunen. In Spanien wurde mit Crispr-Cas ein glutenfreier Weizen entwickelt, und auch in Deutschland waren Pflanzenforscher bereits in Richtung Pflanzenzüchtung erfolgreich: In Kiel hat man Raps so verändert, dass die Schoten fester und damit die Samenverluste bei der Ernte geringer sind - was den Ertrag deutlich steigern kann. Am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen sind Crispr-Tomaten gegen Mehltau gewappnet worden.

„Alle Mittel nutzen“

Die Konkurrenz und der Druck in der Landwirtschaftsforschung wächst, das haben die 75 Institute in ihrem Positionspapier sehr deutlich gemacht. Um die Bedürfnisse einer bis zur Jahrhundertmitte auf zehn Milliarden Menschen wachsenden Bevölkerung annähernd und nachhaltig befriedigen zu können, so heißt es in dem Dokument, „müssen wir alles verfügbare Wissen und alle möglichen neuen technischen Mittel nutzen, auch die der Biotechnologie.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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