© Theodor Barth/Laif

Kolossale Europäer

Von SONJA KASTILAN

07.12.2016 · Der Wisent wäre Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgestorben. Gerade noch rechtzeitig verlegte man sich aufs Züchten. Heute existieren wieder Tausende Tiere. In freier Wildbahn will man sie bei uns aber nicht haben: Im Rothaargebirge gibt es Streit.

Ein schreckliches Tier mit feuerwerfendem Blick und klotzigem Leib; die Hörner verbogen, schwarz das Haar, der Schädel struppig. „Der lange Bart bedeckt den aufgedunsenen Hals. Begegnet ihm ein feindlich gesinntes Wesen, reißt er es hoch mit seinen Hörnern, um es in die Luft zu schleudern. Ist er böse, vernichtet und zermalmt er alles ringsherum. Mit seiner Stirne schlägt er sogar Bäume um.“

© F.A.Z.-Karte lev. Bad Berleburg im Rothaargebirge

Um 1500 fand der deutsche Dichter Konrad Celtis wahrlich keine freundlichen Worte für den Wisent, eine urtümliche Rinderart, die damals in halb Europa bereits ausgerottet war. Seine Darstellung einer zotteligen Schreckensgestalt erschien den Moderatoren des Infoabends am 23. November in Bad Berleburg dennoch geeignet, um der Diskussion über ein ehrgeiziges Freisetzungsprojekt einzuheizen. Sie drehte sich um Europas größte verbliebene Säugetierart, nachdem Auerochse und Mammut längst verschwunden sind. In der mitunter recht politisch geführten Debatte geht es um Artenschutz, Baumschäden, Zäune, Tourismus in einem strukturschwachen Raum, um Fluchtdistanzen und die Frage, ob es sich hier um eine herrenlose Herde handelt oder nicht. Nur gibt es kein einfaches Pro oder Contra in dem bisher einmaligen Fall, mit dem sich derzeit das Oberlandesgericht Hamm auseinandersetzt. Mit einwandernden Wölfen sind selbst deutsche Juristen inzwischen vertraut, die Causa Bison bonasus aber ist ein Novum.

Zwanzig Exemplare dieser gefährdeten Wildart ziehen neuerdings wieder durch die Wälder des Rothaargebirges, für sie herrscht das ganze Jahr über Schonzeit. Doch ihr Freigang passt nicht jedem, lieber sähen Kritiker sie in einem Gehege, wie ihre Artgenossen in der von Besuchern geschätzten „Wisent-Wildnis am Rothaarsteig“: Hier lebt eine zweite Herde auf zwanzig Hektar – hinter einem Zaun. Auf der von Sturmtief Kyrill umgestalteten Waldfläche sind die neun braunen Fellkolosse kaum zu übersehen, nimmt man den drei Kilometer langen Rundweg. Was die Betreiber als eine Art „Guckloch ins Artenschutzprojekt“ errichtet haben, halten manche für das bessere Modell. Natur ja, aber bitte nicht zu nah, schließlich seien durch freilaufende Wisente nicht nur wertvolle Buchen, sondern womöglich Wanderer in Gefahr.

© Look Beinahe ausgestorben: Der Wisent, Bison bonasus

Wer in den angrenzenden Waldgebieten die Wege verlässt und den Wisenten nachspürt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Begleitet man hingegen Jochen Born zur Futterstelle, an der er die freigelassenen Rindviecher im Winter täglich versorgt, ist man zumindest juristisch auf der sicheren Seite. Mit dem Ranger bewegten wir uns an diesem Novembernachmittag zwischen Laub, Matsch und frischen Kotfladen auf Privatgrund. Vorbei an Buchen mit speziellen Gittermatten, um sie vor dem Wild zu schützen. Hirsche, aber eben auch Wisente machen sich immer mal wieder über die Rinde her, ihre Schälspuren waren anderen Bäumen deutlich anzusehen.

Der Hang gehört zum 13.000-HektarBetrieb von Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, dem Initiator des Auswilderungsprojekts. Für die Wiederkehr der Wiederkäuer setzt sich der Waldbesitzer seit mittlerweile dreizehn Jahren vehement ein, ähnlich wie für Schwarzstorch und Sperlingskauz, zwei aus der Region verschwundene Arten, die er ebenfalls zurückholte. Allerdings sind die Wisente bei seinen Nachbarn weitaus weniger willkommen, und in einem Radiointerview redete sich der Chef des Fürstenhauses einmal so über die Gegner des Projekts in Rage, dass gegen ihn wegen Anstiftung zu einer Straftat ermittelt wurde. Das Verfahren wurde vor einem Jahr eingestellt, mit Zahlung von 5000 Euro an das Deutsche Kinderhospiz in Olpe. Wirkliche Risiken drohen nach Ansicht von Prinz Richard, wie ihn die Berleburger kurz nennen, durch Zecken, Wildschweine oder auf der Fahrt zum Parkplatz. Trotzdem gibt es ein paar Verhaltensregeln, ähnlich denen in Almregionen, die Wanderer im Rothaargebirge berücksichtigen sollten, seit Wisente hier 2013 in die Freiheit entlassen wurden. Schließlich können diese Wildtiere bis zu zwei Meter hoch und eine Tonne schwer werden, und niemand kann genau sagen, wo sie sich aufhalten. Sie beschränken sich weder auf die ihnen zugedachten 5000 Hektar im Besitz des Prinzen zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, noch machen sie an Kreisgrenzen oder Bundesstraßen halt.

So faszinierend ihr Anblick, so groß unser Respekt: Auf dem Waldweg vor uns hatte sich die zehn Jahre alte Leitkuh Araneta niedergelassen. Vom dominanten Bullen Egnar weit und breit keine Spur, und während die jüngeren Wisente nervös auf Distanz gingen, als wir uns langsam auf vielleicht fünfzig Meter näherten, blieb Araneta ruhig. Vielleicht weil sie in einem Gehege aufwuchs und Menschen gewohnt ist oder in Jochen Born den harmlosen Futterlieferanten wiedererkannte. Aber gerade diese Gelassenheit macht man den Wisenten zum Vorwurf: Sie sollten früh die Flucht ergreifen und schon gar nicht den Menschen entgegentreten oder angreifen, wie es jetzt im Mai zum ersten Mal geschehen ist. Eine Frau wurde dabei leicht verletzt, vermutlich weil eine Wisentkuh ihr Kalb schützen wollte.

© dpa Wisente in einem Wald bei Bad Berleburg

Ganz so schlimm wie vom Dichter einst beschrieben, sei der Wisent ja nun wirklich nicht, hieß es später am Abend, doch der sachlichen Information diente das Zitat wohl kaum. Der Radiosender WDR 5 hatte zum „Stadtgespräch“ ins Bürgerhaus in Bad Berleburg eingeladen. Deshalb übte man mit dem Publikum zustimmendes Klatschen und laute Buh-rufe, nachdem man die alte Front zwischen Bürgern aus Wittgenstein und jenen aus dem Sauerland auf die fast voll besetzten Stuhlreihen übertragen hatte. Durchs Rothaargebirge zieht sich eine Sprach- und Konfessionsgrenze: Wo früher streng zwischen Protestanten und Katholiken unterschieden wurde, sind nun Hornträger ein öffentliches Ärgernis.

Die vier Männer auf dem Podium beschäftigen sich alle mit Wisenten, jeder auf seine Weise. Zum Beispiel Johannes Remmel, der als Umweltminister in Nordrhein-Westfalen aufgrund des laufenden Verfahrens vorsichtig argumentierte. Das Land unterstütze und begleite das privat initiierte Projekt, sagte Remmel, Konflikte gäbe es beim Naturschutz an vielen Stellen, und hier handle es sich klar um ein Artenschutzprojekt einer kleinen Population unter Aufsicht. Eines, das Waldbauer Hartmut Schauerte schon für gescheitert und die Tiere als von „Fraß, Wärme und Sex gesteuert“ erklärte. Eine Obergrenze ihrer Zahl von 25 sei nicht einzuhalten.

Dem widersprach Johannes Röhl vom Trägerverein des Projekts entschieden. Man habe zeigen, dass eine kleine Herde in einem Wirtschaftswald Platz habe, um Vorbild für andere zu werden. Eine größere Herde von 100 oder 150 sei nicht das Ziel, sagte Röhl. Der Verwalter der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer hielt das Projekt nach wie vor für geeignet und sah sich darin durch Fred Zentner bestätigt, der als Revierförster in Mecklenburg-Vorpommern für das Wisentreservat Damerower Werder zuständig ist. Seit 1957 sind dort Wisente angesiedelt, und weil es nun mal eine Halbinsel sei, blieben die Tiere eher in dem ihnen zugewiesenen Bereich. Vielleicht habe man die Wisente im Rothaargebirge zu früh in die Freiheit entlassen, aber bevor man den Stab über die Herde breche: „Die Wisente gehören hierher“, sagte Zentner, überzeugt, dass die Region durch die Tiere zusammenwachse. „Wer Artenschutz betreibt, muss einen langen Atem haben.“

© dpa Ein ausgewachsener Wisentbulle – in der Nähe des Rothaarsteiges

In Ostpreußen starb der letzte freilaufende Wisent im Jahr 1755, erlegt von einem Wilderer. An Wilderei waren damals schon die frühen Versuche gescheitert, die als Beute begehrten Kolosse wieder in Sachsen und Mecklenburg anzusiedeln. In Polen konnte die von König und Adel geschützte Spezies wenigstens bis 1919 erhalten werden, 1927 ging ihre Ära selbst im Kaukasus zu Ende. Nur wenige Jahre zuvor hatten sich die Zoologen Jan Sztolcman und Kurt Priemel 1923 auf dem ersten Internationalen Naturschutz-Kongress in Paris Gehör verschafft, als sie für den Erhalt der Wisente eintraten. Lediglich 54 hatten jedoch in Tiergärten und Wildparks überlebt, und keineswegs alle waren geeignet, die beiden Zuchtlinien „Flachland“ und „Flachland-Kaukasus“ zu begründen. Zwar ist ihre Zahl mittlerweile wieder auf fünf- bis sechstausend angewachsen, aber sämtliche Exemplare, ob im Gehege grasend oder frei durch irgendwelche Wälder ziehend, wie im Nationalpark Bialowieza zwischen Polen und Weißrussland, stammen von sieben beziehungsweise zwölf Tieren ab. Ihre Art hat bis heute überdauert, aber die für ihr Fortbestehen wichtige genetische Vielfalt ging verloren.

„Diese Abstammungsgeschichte wird gerne herangezogen, wenn von Wisentzucht und Artenschutz die Rede ist. Aber man darf nicht nur aufs Papier schauen, sondern muss sich jedes einzelne Tier ansehen, wie gesund es ist“, erklärt Veterinär Johannes Riedl, der für das bayerische Zuchtgehege im Donaumoos zuständig ist. Dort suchte man nach einer kostengünstigen und zugleich nachhaltigen Lösung, um die Grünflächen offen zu halten. Mit den Wisenten wird jetzt seit vierzehn Jahren eine neue Form der Landschaftspflege erprobt. „Von Auswilderung, die am Rothaarsteig für Diskussionen sorgt, ist bei uns keine Rede“, sagt Riedl, man konzentriere sich in diesem Projekt auf eine vernünftige Zucht.

© dpa Wer einmal Leitbulle werden will, muss sich behaupten können.

Zwei Wisente aus dem Nürnberger Zoo machten 2002 den Anfang, hinzukamen Tiere aus Schutzprojekten in Deutschland, Schweden sowie der Schweiz. Derzeit leben im Donaumoos 31 Wisente, verteilt auf zwei Herden: Mit ihnen wird versucht, besonders rares Erbmaterial zu fördern, zum Beispiel ein sonst unterrepräsentiertes Y-Chromosom. „Um eine möglichst breite genetische Variabilität zu gewährleisten, muss man jedes Tier kennen, gezielt verpaaren und Inzucht vermeiden“, sagt Riedl. Wolle man den Tieren hingegen ihre angestammte Umgebung zurückzugeben, das sei etwas völlig anderes, ein anderes Ziel. In freier Wildbahn sei die Zucht nicht mehr zu kontrollieren. Wenn freilebende Wisente sich paaren, nehmen sie keine Rücksicht auf seltene Gene, die daher schnell verschwinden können, greift der Mensch nicht ein.

Aus diesem Grund bedeute eine hohe Zahl allein noch lange nicht die besten Überlebenschancen. Momentan herrschen zwar gute Bedingungen für die Wisente, sie werden gehätschelt und vermehren sich. „Sobald sich die Umwelt jedoch stärker verändert, könnte die gesamte Population zusammenbrechen. Die Tiere sind sich zu ähnlich, alle an das Gleiche angepasst“, warnt Riedl. Durch den Klimawandel müsse mit neuen Seuchen gerechnet werden, und eingeschleppte Erreger könnten in Zukunft erhebliche Schäden anrichten. „Die Blauzungenkrankheit beispielsweise vertragen sie schlecht, deshalb sind unsere Herden dagegen geimpft“, sagt der Veterinär, der auf tierärztliche Untersuchungen und Quarantäne besteht, wenn Tiere etwa zwischen verschiedenen Zuchtstationen wechseln. Außerdem dürfe keiner der Pfleger Kontakt zu Hausrindern haben, also etwa Viehwirtschaft im Nebenerwerb betreiben.

Für Johannes Riedl handelt es sich beim Wisent um eine Art der halboffenen oder offenen Landschaften, die im Wald ein Refugium fand, als der Mensch ihren Lebensraum zerstückelte und durch die Landwirtschaft immer stärker einschränkte. Neuere Studien würden das belegen, auch Gebiss, Verdauungssystem und die Struktur der Herden sprächen dafür. Im Donaumoos halte man die Wildrinder, um eine Verbuschung zu vermeiden, und dafür eignen sich die Wiederkäuer offenbar gut. Hier werden sie auch an den Menschen gewöhnt, um ihr Fluchtverhalten zu unterbinden. Sie lassen sich sogar konditionieren, was bei einer Auswilderung unerwünscht wäre: „Im Wald möchte niemand, dass einem ein 1000-Kilo-Bulle in den Beerensammeleimer oder Pilzkorb schaut“, sagt Riedl. Seiner Meinung nach würde es uns allerdings „gut stehen, wenn wir uns des Wisents richtig annehmen und somit um das größte Landtier in Europa kümmern würden“, anstatt über den Schutz von Walen oder Elefanten in der Ferne zu reden. Ob es nach jahrzehntelanger Vernachlässigung sinnvoll ist, Wisente in allen europäischen Ländern auszuwildern? Riedl hegt Zweifel, das Projekt in Bad Berleburg sieht er kritisch: „Uns sollte bewusst werden, dass wir die Verantwortung haben und handeln sollten, aber mit Vernunft.“ Dicht bevölkerte Regionen seien weniger geeignet, „das muss man dann ergebnisoffen diskutieren“; scheitere ein Projekt, könnte das vielleicht aussichtsreichere Auswilderungen in Westeuropa verhindern. Aber ein Klima wie das in Nordspanien oder in Schweden sei unproblematisch: „Der Wisent scheint sich an unterschiedliche Temperaturen anpassen zu können“, sagt Riedl, der die Tiere schon vergnügt im Schnee sowie bei großer Hitze in der Sonne liegen sah, ohne dass sie in den Schatten auswichen.

Quelle und Grafikvorlage: Massilani et al. BMC Biology (2016) F.A.Z.-Grafik Kaiser Die Stammesgeschichte des Wisent (Bison bonasus), des größten europäischen Landtieres, lässt sich mit Hilfe der Paläogenetik zurückverfolgen: Laut einer aktuellen französischen Studie lebte eine Linie (Bb1) noch vor dem Steppenbison (Bison priscus) in Mitteleuropa, verschwand aber, als es kälter wurde. Erst als sich das Klima nach der letzten Eiszeit erwärmte, kehrten die Wisente zurück. Die heute wieder existierenden Herden stammen von nur wenigen Tieren ab, deren Vorfahren einst aus dem südlichen Kaukasus eingewandert waren.

„Wir sind so große Wildtiere in unserer Natur nicht mehr gewohnt“, bedauert Eva-Maria Geigl vom Jacques Monod Institut in Paris. Die Paläogenetikerin würde sich dafür aussprechen, Auswilderungsprojekte mit Wisenten zu wagen; Evolution bedeute, dass die Tiere sich an ihre Umwelt anpassen – wie, würden wir nur erfahren, wenn man es probiere. Welches Habitat dafür am besten geeignet sei, lässt sich am Genom kaum ablesen. Die vor kurzem veröffentlichten Analysen des Pariser Teams weisen jedoch darauf hin, dass der Wisent nie ein Steppentier war, sondern in seiner Stammesgeschichte immer dann auftauchte, wenn das Klima gemäßigter wurde, die Landschaft folglich waldiger.

Dass die Ahnen der Gattung Bison einst im südlichen Asien beheimatet waren und Bison silvalensis als erste Form im Pliozän erschien, gilt allgemein als unstrittig. Ebenso, dass sich später in Nordamerika der Bison bison entwickelte und in Europa Bison bonasus, sein Cousin. Aber ähnlich wie bei der Debatte um den besten Schutz dieser in ihrer Existenz gefährdeten europäischen Art, sind sich die Paläontologen über die Herkunft der Wisente uneinig. Nun versuchten Paläogenetiker das Rätsel zu lösen. So legten internationale Forscher um Alan Cooper von der Universität im südaustralischen Adelaide vor wenigen Wochen in Nature Communications dar, dass Wisente vor allem Hybriden seien: Abkömmlinge einer Mischform, genannt Clade X, die vor rund 120.000 Jahren aus Auerochs (Bos primigenius) und Steppenbison (Bison priscus) entstanden sei.

Diesem Szenario widersprechen allerdings die Ergebnisse, die Eva-Maria Geigl und ihre Mitarbeiter in BMC Biology präsentierten. „Dass der Wisent etwas genetisches Material des Auerochsen erbte, wie unsere Spezies beispielsweise vom Neandertaler, steht außer Zweifel“, erklärt Geigl. In aktuellen Genomstudien findet sich beim Wisent ein Rinder-Anteil von zwei bis drei Prozent, und Geigl misstraut den zehn Prozent, auf die sich nun das australische Team stützt. Stattdessen lassen ihre eigenen Daten annehmen, dass die Vorfahren der heute noch lebenden Wisente im südlichen Kaukasus grasten: Im Holozän existierten noch zwei Wisent-Linien (siehe Grafik). „Die im Westen, stirbt aus, während wir die andere von der Schweiz – anhand einer 14.000 Jahre alten Knochenprobe – nach Osten verfolgen können bis in die heutigen Wisente.“

© Kulturministerium/Arnaud Frich/CNP/MCC Zweierlei vom Bison: Auf einer Wand der südfranzösischen Grotte Chauvet nhaben Steinzeitkünstler augenscheilich Unterschiede in der Statur festgehalten. Im Tier mit dem höher angesetzten Kopf im oberen Bildteil erkennen Forscher einen Wisent, Bison bonasus, dessen Artgenossen heute unter anderem im Rothaargebirge wieder angesiedelt werden. Während es sich bei der buckeligen Gestalt darunter vermutlich um Bison priscus handelt. Die Kohlezeichnungen sind laut einer Datierung rund 38,5 bis 34,6 beziehungsweise 36,3 bis 34,6 Jahrtausende alt.

Die von Geigls Forschungsgruppe untersuchten 91 Proben umfassen eine Zeitspanne von mehr als 50.000 Jahren, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. So ließen sich anhand der mitochondrialen DNA-Daten etwa die Geschehnisse in Frankreich nachvollziehen – und eine Verbindung zum Klima herstellen: „In kalten Perioden herrscht der Steppenbison, B. priscus, über Westeuropa, der Wisent hingegen ist da, wenn es wärmer wird. So lebte während der letzten Eiszeit der Steppenbison im Süden Frankreichs und nicht der Wisent.“ Mit diesen Ergebnissen können sich auch Paläontologen gut arrangieren, aber eines überraschte: Eine Urwisent-Linie hatte dort offenbar bereits im Pleistozän existiert, noch vor dem Steppenbison, der aus Sibirien nach Frankreich einwanderte, was die Genanalyse belegt.

Ungefähr zur Zeit der Aurignacien-Kultur, als der Mensch sich verstärkt in Europa ausbreitet, muss ein Populationswechsel stattgefunden haben: Vor rund 35.000 Jahren überlässt der Wisent den Kontinent dem Steppenbison. „Wir können diesen Wechsel in den Höhlenmalereien dieser Periode erkennen“, sagt Eva-Maria Geigl. Eine Zeichnung in der Grotte Chauvet zeigt beispielsweise in einem älteren Abschnitt eine Wildskizze, die Geigl als Wisent interpretiert, während der darunter abgebildete Steppenbison jüngeren Datums sei. Dieser Bison priscus findet sich später oft in eiszeitlichen Höhlenmalereien, etwa in Lascaux. Aber mit dem Rückzug der Gletscher verschwindet er für immer, Wisente aus dem Kaukasus übernehmen Europa. Bis die imposanten Wiederkäuer mehr und mehr zurückgedrängt werden und der Mensch die europäischen Bisons fast ausrottet.

Inzwischen werden die Wisente jedoch umhegt. Im Rothaargebirge legt man jetzt beispielsweise gezielt Wildwiesen an, als eine „flankierende Maßnahme“, damit eine Vielfalt an Gras und Kräutern zur Verfügung steht – und die Tiere nicht auf fremdes Terrain abwandern und Schäden anrichten. Und wie alle sich nicht selbsterhaltenden, kleinen Herden werden die Wisente am Rothaarsteig regelrecht gemanagt, denn eine Herde verträgt nur einen erwachsenen Bullen.

© sks Schälschäden, wie hier im Wald des Wisent-Förderers Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, sind längst nicht das einzige Problem im Rothaargebirge.

„Werden dessen Söhne zwei Jahre alt, muss man sie beobachten und mit drei Jahren spätestens rausnehmen“, erklärt Johannes Riedl das Vorgehen in der bayerischen Wisentzucht. Auch sollte ein Bulle nicht seine eigenen Töchter decken, dann müsse er aus der Herde eben entfernt werden. Die Tiere kommen dann entweder in fremde Herden oder durchaus mal in die Lebensmittelkette. „Zucht ist Selektion, aber wir züchten nicht für den Metzger.“ Welches Schicksal dem Berleburger Bullen Egnar, seinen heranwachsenden Söhnen oder Töchtern droht, ist noch nicht entschieden. Ranger Jochen Born weiß jedoch, dass man in die Herde eingreifen muss, solange sie sich am Futterplatz einfindet. Wenn die nächste Vegetationsperiode im März beginnt, suchen die Wisente bald das Weite, außerdem ist das Gelände dann kaum zugänglich: Wie soll man ein fast tonnenschweres Viech aus dem Wald holen?

Selbst im Nationalpark Bialowieza kennt man das Problem, dass Wisente sich unerlaubt über Feldfrüchte hermachen. Die Landwirte werden, wie auch die Waldbauern im Sauerland, entschädigt, und es finden Winterfütterungen statt. Dort erkannte man auch, dass die Gesundheit der Tiere leidet, wenn sich zu viele an einem Platz drängen: „Sobald sich die Herden auf mehrere kleinere Futterstellen verteilen konnten, sank ihre Belastung durch Parasiten erheblich“, erklärt Rafal Kowalczyk, Direktor des polnischen Instituts für Säugetierforschung in Bialowieza. Es sei zu begrüßen, wenn Wisente auch in Westeuropa wieder ausgewildert würden, sagt er, ein reines Waldgebiet sei allerdings dafür nicht optimal. Wald diene Wisenten als Refugium, unter Umständen leide ihre Fitness.

Fragt man Caroline Herbst von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die die ins Rothaargebirge entlassenen Wisente in den ersten Jahren begleitete, geht es ihnen dort sehr gut. Eine Präferenz für ein bestimmtes Habitat ließ sich nicht erkennen, und die Tatsache, dass alle Kühe in den letzten Jahren Nachwuchs hatten, zeige, dass das Nahrungsangebot genüge. „Auch waren die Kälber gesund und munter.“ Einfach lässt sich der aktuelle Konflikt sicherlich nicht lösen. Dass Wildtiere die Nutzung des Waldes einschränken, akzeptieren die Bundesbürger nur selten. Was ist der Mensch also bereit, für den Wisent zu tun?

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