Wissenschaft und Medien

Dinosaurier CSI

EIN KOMMENTAR Von Ulf von Rauchhaupt
28.04.2022
, 17:24
Fossiler Fischsalat: Zusammengespülte  Leiber von Löffelstören aus der Fossilfundstätte „Tanis“ in North Dakota.. Sie wurden von einer seismisch erzeugten Flutwelle ans Ufer eines Flusses geworfen, als an einem Frühlngstag vor 66 Millionen Jahren der große Asteroid einschlug und die Herrschaft der Dinosaurier beendete.
Sensationelle Fossilfunde kommen auch ohne ordentliche Fachveröffentlichung ins Fernsehen. Das ist nicht schlimm, wenn man es weiß.
ANZEIGE

Anfang April hielt der noch nicht promovierte Paläontologe Robert DePalma einen Vortrag, dem unter anderem ein Physiknobelpreisträger mit sichtlicher Begeisterung lauschte. Dies war aber gar nicht der drastischste Bruch mit den Gepflogenheiten eines fachlich und nach Senioritäten ausdifferenzierten Wissenschaftsbetriebes. DePalma sprach über eine Fossillagerstätte namens Tanis in North Dakota. Sie besteht aus versteinerten Tieren und Pflanzen, die an exakt dem Tag zusammengespült wurden, an dem der Asteroid einschlug, der die Dinosaurier ausrottete und die Kreidezeit beendete. Das ist an sich schon eine Sensation, wenn auch eine bereits ordentlich publizierte.

Nun aber stellte DePalma in nur 50 Minuten mindestens drei weitere Sensationen aus Tanis vor: das Ei eines Flugsauriers mit einem fast fertig entwickelten Küken darin, das Bein eines Dinos, das diesem bei der Katastrophe abgerissen worden sei, sowie ein Splitter des Boliden selbst, aus dem sogar der genaue Meteoriten-Subtyp bestimmt werden könne. Schon hat die BBC eine vor wenigen Tagen ausgestrahlte Dokumentation gedreht, in der Sir David Attenborough persönlich Robert DePalmas „Crime Scene Investigation“ über die letzte Stunde der Dinosaurier vorstellt.

ANZEIGE

Nur: Noch ist keine dieser neuen Sensationen durch den Gutachterprozess einer Fachveröffentlichung gegangen. Einige von DePalmas promovierten Fachkollegen sind darüber vorsichtig ungehalten. Aber auch Fossilforscher werden sich wohl damit anfreunden müssen, dass Forschung, welche von besonderem öffentlichen Interesse ist, das geneigte Publikum heute nicht mehr nur über die bewährten Pforten wissenschaftlicher Qualitätssicherung erreicht. Das Publikum indes ist gehalten, verstärkt damit zu rechnen, dass so manches, was bereits zu Ehren der Mediatheken gekommen ist, sich am Ende doch als Irrtum herausstellt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
ANZEIGE