<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Wo sind die Vögel Neuseelands?

Der große Hunger im Vogelparadies

Von Diemut Klärner
 - 09:00
Die großen Adler haben auf Neuseeland genau so wenig überlebt wie die Moas (künstlerische Darstellung von John Megahan).  zur Bildergalerie

Das Zeitalter tonnenschwerer Dinosaurier, Flugsaurier und ähnlich imposanter Reptilien ging vor rund 65 Millionen Jahren abrupt zu Ende. Von diesem Artensterben profitierten langfristig die Säugetiere. Auf allen Kontinenten außer der allzu frostigen Antarktis entwickelten sie eine reichhaltige Fauna. Auch größere Inseln beherbergten eine Fülle verschiedenartiger Säugetiere. Mit Ausnahme von Neuseeland: Vögel – genau genommen also die letzten Nachfahren der Dinosaurier – besetzten hier die ökologischen Nischen, in denen sich sonst Säuger tummelten: Statt Mäusen huschten winzige Sperlingsvögelchen über den Waldboden, statt Huftieren machten sich massige Moas über die Pflanzenwelt her. Auf Neuseelands Inseln haben mehr Vogelarten als irgendwo sonst auf der Erde die Fähigkeit zu fliegen verloren, denn kraftvolle Schwingen erwiesen sich hier oft als überflüssig.

Von Gondwana, dem riesigen Südkontinent des Erdmittelalters, aus dem später die Antarktis, Australien, Südamerika, Afrika und Indien hervorgingen, hat sich Neuseeland als Erstes abgespalten. Nie wieder durch Landbrücken mit anderen Regionen verbunden, erlaubten die abgelegenen Inseln eine individuelle Evolution: Bevor eine Gruppe von Polynesiern vor etwa 750 Jahren auf Neuseeland Fuß fasste, waren dort außer ein paar Fledermäusen keinerlei Säugetiere unterwegs. Ein recht kühles Klima und dichte Wälder waren für die Neuankömmlinge, deren Nachfahren sich Maori nannten, sicher befremdlich. Doch das Meer ringsum bot einen reich gedeckten Tisch, und an Land entpuppte sich Neuseeland als regelrechtes Schlaraffenland für Liebhaber von Geflügel.

Analyse der Küchenabfälle liefert Ergebnisse

Um herauszufinden, was bei Neuseelands Entdeckern auf dem Speiseplan stand, haben australische und neuseeländische Wissenschaftler deren Küchenabfälle studiert. Dass Überreste der Jagdbeute oft als undefinierbare Knochensplitter daherkommen, ist ein altbekanntes Problem. Die Forscher um Frederik Seersholm von der Curtin University in Bentley und Theresa Cole von Manaaki Whenua Landcare Research in Lincoln untersuchten solche Fragmente deshalb nicht einzeln. Stattdessen nahmen sie aus den Müllhaufen der frühen Maori jeweils Hunderte von winzigen Knochenproben. Zusammen zu Pulver zermahlen, lieferte dieses Gemisch dann reihenweise aufschlussreiche DNA.

Bei ihren Analysen ging es den Biologen stets um die Erbsubstanz der Mitochondrien. Diese Organellen liefern chemische Energie für den Stoffwechsel und sind in den meisten Zellen zahlreich vorhanden. Dass es so viele Kopien ihres genetischen Inventars gibt, vergrößert die Chance, bestimmte Abschnitte auch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden intakt vorzufinden. Anhand einschlägiger Datenbanken ließ sich solche DNA dann einzelnen Spezies zuordnen. In 21 alten Abfallhaufen und 15 noch älteren, zum Vergleich herangezogenen Ansammlungen von Knochenfragmenten konnten Seersholm und seine Kollegen mit diesem Verfahren 110 Tierarten identifizierten.

Dabei stellte sich heraus, dass die Maori wie erwartet häufig Fisch aßen. Das war sicher schon bei ihren weitgereisten Vorfahren üblich. Gewöhnlich wohnen auf kleinen Inseln fleißige Fischer. Wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, stammten diverse Säugetiere, deren Knochen im Müll der Maori gelandet waren, ebenfalls aus dem Meer: Einmal wurde in dem jahrhundertealten Abfall Erbmaterial des Finnwals entdeckt und des Südkapers. Beide Bartenwale waren wohl auch für ambitionierte Fischer ein paar Nummern zu groß. Wahrscheinlich wurden gestrandete Wale ausgeschlachtet. Man holte sich dort, was man brauchen konnte, nicht nur Fleisch und Fett, sondern auch Knochen, aus denen sich Schmuckstücke und Werkzeug schnitzen ließen. Delphine und andere kleine Wale könnten ebenfalls gestrandet sein, ehe sie den Maori in die Hände fielen. Womöglich wurden sie aber auch mit Booten in flaches Wasser getrieben und dort mit Harpunen getötet.

See-Elefanten, Seelöwen und Seebären als Leibspeise

Weitaus häufiger in den Küchenabfällen nachzuweisen waren See-Elefant (Mirounga leonina), Seelöwe (Phocarctos hookeri) und Seebär (Arctocephalus forsteri). Diese Robben wurden vermutlich dort erlegt, wo sie ihre Jungen zur Welt brachten. Mit der Folge, dass an Neuseelands Küsten bald keine See-Elefanten mehr lebten. Die Seebären wurden nicht gar so stark dezimiert. Den Seelöwen stellten die Maori zumindest so eifrig nach, dass sie von den Hauptinseln verschwunden waren, als sich die ersten Europäer dort umschauten.

Noch härter traf der Jagdeifer der Maori allerdings Tiere, die nicht auf fernen Felseninseln Zuflucht finden konnten. Alle neun Arten von Moas – drei hinterließen ihre DNA in den untersuchten Abfällen – waren schon ausgestorben, als die ersten Europäer nach Neuseeland kamen. Das Verschwinden dieser kolossalen Vögel überlebte auch der riesige Adler (Aquila moorei) nicht, der sich auf solche Beute spezialisiert hatte.

Neuseelands Papageien standen gleichfalls auf dem Speiseplan der Maori. Ein lohnender Fang war vor allem der größte, der flugunfähige Kakapo (Strigops habroptila). Später machten auch europäische Siedler mit ihren Hunden Jagd auf diesen rund zwei Kilogramm schweren, mitunter aber fast doppelt so gewichtigen Vogel. Als nicht minder fatal erwiesen sich die Raubzüge von Säugetieren, die mit den Menschen nach Neuseeland kamen. Appetit auf Küken und Eier hatte schon die Polynesische Ratte (Rattus exulans) und erst recht die Ratten, die als blinde Passagiere auf den Schiffen aus Europa einreisten. Hauskatze, Frettchen und Hermelin, eigentlich zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen nach Neuseeland geholt, erbeuteten auch erwachsene Kakapos.

Verlust genetischer Vielfalt

Mit ihren molekulargenetischen Analysen können die Forscher um Frederik Seersholm und Theresa Cole bei diesem Papagei den Verlust genetischer Vielfalt dokumentieren: Vor Ankunft der Europäer existierte der untersuchte DNA-Abschnitt in mindestens zehn unterschiedlichen Varianten. Mittlerweile ist nur noch eine übriggeblieben, denn zwischenzeitlich war die Zahl der Kakapos auf knapp fünfzig Tiere geschrumpft. Derzeit sind es zwar wieder dreimal so viele. Doch trotz aller Bemühungen, diesen skurrilen Vogel vor dem Aussterben zu retten, ist der Erfolg noch nicht garantiert.

Dass der Kakapo zu einem der rarsten Vögel wurde, verdankt er den aus Europa importierten Raubtieren. Den Weißwangenkauz (Sceloglaux albifacies) haben Katze und Co. schon vor hundert Jahren ausgerottet. Vermutlich konnte diese stattliche Eule noch einigermaßen fliegen, brütete aber ebenerdig und ging allzu oft zu Fuß. Doch nicht nur Jäger und Raubtiere wurden Neuseelands Fauna zum Verhängnis. Die einheimische Tierwelt leidet auch darunter, dass der Mensch ihren Lebensraum großflächig zerstört hat. Mit dieser destruktiven Arbeit sind die Maori offenbar viel schneller vorangekommen, als ihnen bisher zugetraut wurde. Das schließen Wissenschaftler um David McWethy von der Montana State University in Bozeman und Janet Wilmshurst von der University of Auckland aus detaillierten Pollenanalysen. Aus zwei Seen auf der Südinsel holten die Forscher Sedimentproben und studierten Schicht für Schicht, was sich darin angesammelt hat.

Immer heftigere Waldbrände auf der Südinsel

Mit einer Fläche von 150.437 Quadratkilometern ist Neuseelands Südinsel etwa doppelt so groß wie Bayern. Als sich im dreizehnten Jahrhundert die ersten Maori auf dieser Insel ansiedelten, wuchsen dort mit Ausnahme des hochalpinen Terrains noch flächendeckend Wälder. Dass seit dem vierzehnten Jahrhundert immer wieder heftige Waldbrände wüteten, bezeugen winzige Holzkohlepartikel in den untersuchten Sedimenten. Auf – für neuseeländische Verhältnisse – eher trockenem Gelände gelang es offenbar einer kleinen Schar von Menschen, binnen weniger Jahrzehnte einen Großteil des Walds zu vernichten. Während ältere Sedimentschichten fast nur Blütenstaub von Bäumen enthalten, dominieren nach den ersten großen Bränden die Pollen von Gräsern und die Sporen von Farnen.

Die Landschaft hatte sich in eine Art Steppe verwandelt, leichter entflammbar als der ursprüngliche Wald mit seinen Steineiben und Südbuchen. Dem Feuer nicht gewachsen, hatten die Bäume kaum eine Chance, verlorenes Terrain zurückzuerobern. In einem weiter westlich gelegenen, von Natur aus feuchteren Wald waren die Brandstifter nicht so erfolgreich. Zwar wurden die Bäume auch hier dezimiert und die Gräser zahlreicher. Als die Feuer zeitweilig ausblieben, konnte sich dieser Wald aber allmählich regenerieren. Bald gab es allerdings einen Rückschlag. Als sich europäische Siedler auf Neuseeland breitmachten, mussten die Wälder vielerorts endgültig weichen. Sie wurden nicht nur gerodet, um Weideland für Schafe und Rinder zu schaffen. Mancherorts wurde stattdessen die Monterey-Kiefer (Pinus radiata) angepflanzt oder andere Baumarten, die eine bessere Holzernte versprachen als Neuseelands einheimische Gehölze.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNeuseelandDNAAntarktisBentley Motors LimitedDinosaurier

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.