No-Covid-Initiative

Lockerungen ohne dritte Welle

Von Sibylle Anderl
02.03.2021
, 18:53
Während die Zahlen der Neuinfektionen wieder steigen, wird über eine Aufhebung des Lockdowns diskutiert – kann das gutgehen? Nur, wenn gleichzeitig sehr viel mehr getestet wird, sagen die Vertreter der No-Covid-Initiative.

Es ist ein Dilemma: Seit rund zwei Wochen hat der seit Mitte Januar stabile Rückgang der täglichen Zahlen von Neuinfektionen ein Ende gefunden. Die Zahlen wachsen wieder, wenn auch bislang nur um knapp zehn Prozent pro Woche. Experten gehen davon aus, dass diese Trendumkehr durch die zunehmende Verbreitung der ansteckenderen Virusvariante B.1.1.7 verursacht ist, die bei gleichbleibenden Maßnahmen eine Erhöhung der Reproduktionszahl nach sich zieht. Gleichzeitig wurden vielerorts am Montag wieder Schulen geöffnet. Es wird über Lockerungen diskutiert. Der Wunsch nach einem Ende des Lockdowns ist groß, auch wenn es fatal wäre, wenn innerhalb kürzester Zeit der so mühsam erreichte Rückgang der Infektionszahlen wieder zunichte gemacht würde und ein weiteres Mal umfangreiche Schließungen notwendig würden.

In dieser Situation liest sich der dritte am Dienstag veröffentlichte Teil der Handlungsempfehlungen der No-Covid-Initiative wie ein mögliches Auswegsszenario. Die Wissenschaftler haben hier Teststrategien ausgearbeitet, die zusammen mit einer schnellen Impfkampagne und effizienter Kontaktverfolgung als „kompensatorische Maßnahmen” Öffnungen auch in Regionen ermöglichen könnten, die noch keine niedrige Inzidenz erreicht haben. Das Papier sieht einerseits vor, dass die Testhäufigkeit in der gesamten Bevölkerung deutlich erhöht werden soll. Das soll vor allem durch den breiten Einsatz von Antigen-Schnelltests geschehen, die als Selbsttest auch möglichst regelmäßig von der Bevölkerung eingesetzt werden sollen — zumindest in Gebieten, in denen es noch ein reges Infektionsgeschehen gibt.

Infizierte schnell isolieren

Solch eine Strategie könnte es möglich machen, Infizierte möglichst frühzeitig zu erkennen und zu isolieren. Momentan, das hatte die Initiative in ihrem Vorgängerpapier beschrieben, findet eine Interaktion zwischen Infizierten und den Gesundheitsämtern typischerweise erst neun bis zehn Tage nach der Ansteckung statt. Modellierungsstudien zeigen übereinstimmend, dass eine Verkürzung dieses Zeitraums massiv zur Eindämmung des Infektionsgeschehens beitragen würde, da durch eine schnellere Isolation viele Ansteckungen vermieden würden.

Die zweite Säule der vorgeschlagenen Teststrategie sieht eine regelmäßige Testung an Schulen, in Kitas und in Betrieben vor – entweder per Schnelltest oder auch per PCR-Pooltest. Wenn hier Ansteckungen kontrolliert werden könnten, so die Autoren, wären wichtige Knotenpunkte im Kontaktnetzwerk blockiert und Infektionswege abgeschnitten. Dies könne in den Betrieben sofort umgesetzt werden, für Schulen und Kitas seien erst noch Umsetzungspläne zu entwickeln, ohne die eine Öffnung nicht empfehlenswert sei.

Regionale Differenzierungen

Wie in den bereits veröffentlichten Papieren beschrieben, setzen die Forscher außerdem auf eine regionale Differenzierung: In „grünen Zonen“ mit niedriger Inzidenz würden Tests insbesondere zur Verhinderung neuer Ausbrüche eingesetzt werden sowie dafür, kritische Infrastruktur wie Krankenhauspersonal oder Polizeibeamte vor Ansteckungen zu schützen. Zur Kontrolle des Infektionsgeschehens könnten auch Frühwarnsysteme wie Abwasserscreenings genutzt werden, bei dem das Virus im Abwasser nachgewiesen wird. In „roten Zonen“ mit hoher Inzidenz würden die Tests dagegen vor allem dafür eingesetzt, die Infektionszahlen zu drücken und die vulnerablen Personen zu schützen. Zur Umsetzung der Strategie wären allerdings erst noch einige Voraussetzungen zu erfüllen: Das Robert-Koch-Institut müsste seine Testkriterien anpassen, die Finanzierung der Antigen-Schnelltests müsste geklärt werden, genau wie deren Organisation und der rechtliche Hintergrund ihres umfangreichen Einsatzes. Auch die Testkapazitäten wären entsprechend anzupassen.

Interessant mag es in diesem Zusammenhang sein, nach Österreich zu schauen. Dort waren seit dem 12. Februar Lockerungen vorgenommen worden, die durch eine massive Ausweitung der Teststrategie aufgefangen werden sollten. Körpernahe Dienstleistungen wie der Besuch beim Frisör oder der Fußpflege können dort nur mit einem negativen Ergebnis eines Schnell- oder PCR-Tests in Anspruch genommen werden, das nicht älter als 48 Stunden ist. Gleiches gilt für Einreisende und Besucher von Alten- und Pflegeheimen. Auch eine wöchentliche Berufsgruppentestung ist dort für Arbeitnehmer mit Kundenkontakt, Pädagogen, im öffentlichen Dienst, dem Spitzensport und der Lagerlogistik vorgeschrieben.

Dennoch steigen dort die Zahlen seitdem wieder deutlich. Die Reproduktionszahl liegt mittlerweile wieder deutlich über dem kritischen Wert von 1. Das Covid-Prognose-Konsortium des österreichischen Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz führte diese Entwicklung in seinem Bericht vom 23. Februar ebenfalls auf die Mutante B.1.1.7 zurück: „Das aktuell hohe Testgeschehen kann einer beschleunigten Verbreitung entgegenwirken. Jedoch ist davon auszugehen, dass diese lockerungsbedingten Effekte in Kombination mit der weiteren Varianten-Verbreitung den Effekt überlagern.“ Diese Erfahrungen Österreichs wären insofern kritisch zu analysieren, wenn auch in Deutschland der Versuch unternommen würde, Lockerungen durch eine angepasste Testpraxis möglich zu machen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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