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Alkoholismus

Und ein letztes Glas im Stehn

Von Johanna Kuroczik
 - 08:00

Der liberale Politiker David Llyod George, britischer Premierminister während des Ersten Weltkriegs, hatte das richtige Gespür. „Wir bekämpfen drei Feinde, Deutschland, Österreich und den Alkohol, und soweit ich das beurteilen kann, ist der größte dieser drei Todfeinde der Alkohol.“ Bis heute hat sich Großbritannien, Geburtsstätte des Binge-Drinkings, also des exzessiven Konsums von mindestens fünf alkoholischen Getränken, nicht der „kontinentalen Trinkkultur“ angepasst, wie es sich Tony Blair durch Abschaffung der Sperrstunde erhofft hatte. Mit 12,3 Litern reinen Alkohols, die ein Brite durchschnittlich im Jahr konsumiert, belegt der Inselstaat einen der vorderen Plätze der aktuellen WHO-Rangliste zum Verbrauch.

Konzentriert man sich auf Schottland, wird sogar noch mehr getrunken, so dass sich die schottische Regierung offenbar zu drastischen Mitteln gezwungen sah. Erstmals und einmalig auf der Welt gilt dort nun ein gesetzlicher Mindestpreis für Alkohol. Seit Anfang Mai muss eine Einheit von zehn Millilitern reinen Äthanols mindestens 50 Pence kosten (57 Cent), eine handelsübliche Flasche Whisky darf somit nicht unter 16 Euro verkauft werden. Für Billigschnaps bedeutet das einen Preisanstieg von mehr als drei Euro. In Deutschland wiederum vertraut man trotz eines Pro-Kopf-Konsums von immerhin 11,4 Litern weiterhin darauf, dass „die breite Masse Alkohol maßvoll und verantwortlich genießt“. So formuliert es jedenfalls Marc Huhnholz vom Deutschen Brauer-Bund. Ob in Politik oder Gesellschaft, man trifft sich eben gern in feuchtfröhlicher Runde, da gehört die Maß Bier oder ein Glas Wein dazu. Alkohol ist als Gemeinschaftsdroge akzeptiert.

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Als erstes Land
Schottland führt Mindestpreis für Alkohol ein

Einen Kurzen für ein kurzes Leben

Das Risiko, eine Leberzirrhose oder psychische Probleme davonzutragen, kann die traditionsbewussten Verfechter einer deutschen Bierkultur offenbar nicht schrecken. Doch sind die schädlichen Auswirkungen des Stoffs in etlichen Studien belegt. Erst kürzlich veröffentlichte die britische Epidemiologin Angela Wood mit internationalen Kollegen in „The Lancet“ eine Metastudie, die Daten zu nahezu 600.000 Trinkern berücksichtigte. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Alkohol auch in Mengen unterhalb des derzeit geltenden Maximalrichtwerts von zwanzig Gramm pro Tag (ungefähr einem großen Glas Bier) das Leben verkürzt und dem Körper in vielerlei Hinsicht schadet. Während man in Deutschland immer wieder um kryptische und daher wenig beachtete Richtwerte feilscht, zeigen sich die Schotten pragmatisch. Auf wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sie beherzt Taten folgen.

Bevor sie einen Mindestpreis festsetzte, ließ die schottische Regierung an der University of Sheffield ein Modell erstellen, wie sich eine Preisveränderung auswirken würde. Dieses beruht auf zwei großangelegten Umfragen, dem Scottish Health Survey und dem Scottish Schools Adolescent Lifestyle Survey. Letztere befasste sich mit Schülern im Alter von 13 bis 15 Jahren, gefragt wurde nach Trinkvorlieben, generellem Trinkverhalten und Kaufgewohnheiten. Durchschnittlich trinken schottische Teenager demnach zum ersten Mal im Alter von dreizehn Jahren, die meisten zu Hause. Im Geschäft kaufen sie Alkohol fast nie selbst.

In Umfragen zum Alkoholkonsum wird oft gelogen

Die große Crux solcher Studien ist, dass bei Selbstauskünften oft gelogen wird. Gerade bei sensiblen Themen wie dem Alkoholkonsum unterschätzen sich die Befragten um bis zu fünfzig Prozent. So neigen Vieltrinker etwa zum Beschönigen ihrer Gewohnheiten, außerdem werden nicht alle Bereiche der Gesellschaft abgebildet: Obdachlose beispielsweise nehmen meist nicht an allgemeinen Umfragen teil. Für das schottische Modell wurden Gruppen gebildet, abhängig von Alter, Geschlecht und Einkünften. Es zeigte sich, dass ein Mindestpreis besonders preissensitive Gruppen treffen würde, also beispielsweise starke Trinker oder Jugendliche, die ihre Alkoholexzesse vom Taschengeld bezahlen müssen.

Suff ist in vielen Ländern Europas vergleichsweise preiswert zu haben. Zwar trinken vor allem die Besserverdienenden regelmäßig, Abhängige gibt es jedoch in allen Schichten. Und ein Mindestpreis wird sie kaum abhalten. „Bei Süchtigen haben sich die Machtverhältnisse im Gehirn etwas verschoben, man trinkt auf bestimmte Trigger – Werbung, Verfügbarkeit, Musik –, das löst bei Süchtigen andere Anreizprozesse aus als bei Nicht-Süchtigen“, erklärt Johannes Lindenmeyer, Psychologe und Direktor der Salus Klinik für Sucht im brandenburgischen Lindow. Deshalb zielt die schottische Politik auch darauf ab, Risikotrinker nicht zu Süchtigen werden zu lassen. „Es gibt keine Suchtpersönlichkeit. Ohne Konsum gibt es keine Suchtentwicklung. Wenn Leute weniger konsumieren, gibt es eben auch weniger Suchtkranke“, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité.

Striktes Verbot ist auch keine Lösung

Wenn es um Alkohol geht, lassen sich Jugendliche leicht durch Werbung, Verfügbarkeit und erschwingliche Preise verführen. „Es geht da ja nicht um Abhängigkeiten, nur sehr wenige junge Menschen sind abhängig von Alkohol. Es geht vielmehr darum, die negativen Begleiterscheinungen wie Gewalt oder sexuelle Übergriffe zu vermeiden“, betont Lindenmeyer. Der Psychologe hält es für problematisch, strikte Verbote auszusprechen und Jugendliche nach dem Motto „Trink keinen Alkohol!“ völlige Abstinenz zu predigen, wenn Erwachsene das Gegenteil tun. „Man müsste ihnen zeigen, wie man vernünftig damit umgeht.“ Tatsächlich konsumieren Jugendliche weniger Alkohol als noch vor einigen Jahren, auch Binge-Drinking wird unbeliebter: 14 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen trinken einmal im Monat exzessiv, 2007 waren es noch mehr als 30 Prozent.

Der Alkoholkonsum ist seit den achtziger Jahren in Europa rückläufig. Ein Mindestpreis würde diesen Trend unterstützen, um mehr geht es in Schottland wohl nicht. Aus medizinischer Sicht eine kluge Maßnahme, meint nicht nur Andreas Heinz. Die Bevölkerung müsse sich entscheiden, sagt der Psychiater, welche Drogen sie zulasse und welcher Preis dafür zu bezahlen sei. Eine Entscheidung, die auch Deutschland treffen muss.

Quelle: F.A.S.
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