FAZ plus ArtikelAlzheimer-Medikament

Das riskante Spiel mit der Hoffnung

Von Johanna Kuroczik
16.08.2021
, 10:36
Das Medikament Aduhelm reduziert die für Alzheimer-Demenz typischen Proteinablagerungen im Gehirn.  Doch hilft es den Kranken im Alltag?
Endlich wird ein Medikament gegen Alzheimer zugelassen, das tatsächlich die Ursache bekämpfen soll. Doch Wissenschaftler und Ärzte sind entsetzt. Statt Euphorie droht ein Fiasko.
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Demenz gleicht für Betroffene einem Todesurteil der anderen Art – der Körper lebt, der Geist schwindet: Erinnerungen und geistige Fähigkeiten gehen Stück für Stück verloren, man wird hilflos, hält seine Kinder für Fremde und ist nicht mehr in der Lage, zu sprechen. Man schätzt, dass in zwei von drei Fällen Morbus Alzheimer dahintersteckt, bei manchen manifestiert sich die Krankheit vor dem 50. Lebensjahr. Nur jeder hundertste Alzheimer-Patient leidet an einer vererbten Form, die so früh in Erscheinung tritt. Die meisten sind älter als 70 Jahre, wenn die Vergesslichkeit beginnt. Mit dem Alter steigt das Risiko, jeder Dritte über 90 Jahren ist dement. Ein Blick in die Zukunft zeigt: In einer alternden Gesellschaft ist Alzheimer nicht nur für betroffene Familien eine Katastrophe. Im Jahr 2050 werden in Deutschland bis zu 2,8 Millionen Menschen dement sein – bislang sind es rund 1,6 Millionen – und Pflege brauchen. Das könnte das Gesundheitssystem in seiner bisherigen Form in die Knie zwingen.

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Der einzige Ausweg scheint ein Medikament zu sein. Die bisherigen Mittel verlangsamen den Gedächtnisverlust im besten Fall um ein paar Monate, und seit 18 Jahren kam keine neue Arznei auf den Markt. Die Hoffnung schwand, dass Alzheimer je aufgehalten werden könnte. Doch dann kam der Juni mit einem Paukenschlag: In Amerika hat die Arzneimittelbehörde FDA überraschenderweise das erste Medikament auf der Welt zugelassen, das Alzheimer in der Ursache bekämpfen soll. Patientengruppen jubeln, Betroffene gieren nach dem Heilsbringer. Gleichzeitig tobt ein „politischer Feuersturm“, wie es im Fachjournal „Nature“ heißt: Ärzte und Wissenschaftler sind entsetzt – denn das Medikament wirkt in ihren Augen nicht. Kliniken weigern sich, Aduhelm überhaupt zu verabreichen, drei Experten aus dem Beratergremium der FDA sind aus Protest zurückgetreten, und nach dem Aufschrei in der Forschergemeinde hat die Arzneimittelbehörde nun ein internes Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Kontroverse um das Medikament ist auch in Europa zu spüren – die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft den Zulassungsantrag für Aduhelm. Was steckt hinter diesem Wissenschaftskrimi? Und was ist von dem Mittel zu halten?

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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