Arteriosklerose

Ader ist nicht gleich Ader

Von Nicola von Lutterotti
06.10.2006
, 06:00
Einfacher zu heilen: Durchblutungsstörungen im Herz
Durchblutungsstörungen treten im Gehirn und im Herz gleichermaßen auf. Doch es scheint unterschiedliche Ursachen zu geben und auch die Chancen auf Heilung sind im Gehirn kleiner.
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Die Neurologen dürften ihre Kollegen von der Kardiologie mitunter um ihre Patienten beneiden, jedenfalls dann, wenn es um die Behandlung von akuten Durchblutungsstörungen geht. Denn im Kreislauforgan lassen sich Behinderungen des Blutflusses gewöhnlich leichter beheben als im Gehirn. Ein bewährtes Verfahren zur Behandlung akuter Herzanfälle besteht etwa darin, die verschlossene Kranzarterie mit dem Ballonkatheter oder einer Gefäßstütze zu öffnen.

Bei vergleichbaren Attacken im Denkorgan verfügt der Arzt demgegenüber nur über einen begrenzten Handlungsspielraum. Ihm bleibt lediglich die Möglichkeit, den für die Unterbrechung der Blutzirkulation verantwortlichen Blutpfropf mit gerinnsellösenden Medikamenten zu beseitigen. Eine solche Thrombolyse kommt allerdings nur bei jenen Betroffenen in Betracht, die innerhalb weniger Stunden in der Klinik eintreffen.

Merkliche Unterschiede gibt es zwischen Herzinfarkten und Gehirnschlägen außerdem, was die auslösenden Faktoren angeht. So entstehen Herzinfarkte im allgemeinen dann, wenn sich in einer arteriosklerotisch geschädigten Herzkranzarterie ein Gerinnsel bildet, das den Blutstrom unterbricht. Schlaganfälle indessen beruhen gewöhnlich entweder auf Hirnblutungen, oder - zu einem größeren Teil - auf Embolien.

Cholesterinsenkung hilft nicht gegen Hirnschlag

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Woher das mit dem Blutstrom ins Gehirn gespülte Gerinnsel oder Gewebestück im Einzelfall genau kommt, läßt sich aber nicht immer ohne weiteres feststellen. Auf dieses Dilemma verwies Gregor Kuhlenbäumer von der Abteilung für Neurologie der Universität Münster vor kurzem auf dem zweiten Deutschen Arteriosklerosekongreß in Münster. Oft handle es sich um Bruchstücke von arteriosklerotischen Ablagerungen in der Hals- oder der Körperschlagader, mitunter aber auch um Blutpfropfen aus dem Herzen.

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Die vergleichsweise komplexen Entstehungsursachen von Gehirnschlägen dürften auch ein wesentlicher Grund dafür sein, daß sich solche Durchblutungsstörungen nicht mit denselben Mitteln abwenden lassen wie Herzattacken. Denn während der beste Schutz vor Herzinfarkten eine Entfettung des Bluts ist, kann man Schlaganfällen am ehesten mit einer Normalisierung des Blutdrucks vorbeugen. Die Senkung erhöhter Blutfettwerte scheint das Risiko, daß ein Gehirnschlag auftritt, viel weniger zu verringern.

Das legen zumindest die Ergebnisse mehrerer Studien nahe, auf die der Neurologe Pierre Amarenco vom Krankenhaus Bichat der Universität in Paris näher einging. In einigen Untersuchungen habe die Anwendung von Statinen - gängigen Cholesterinsenkern - zwar das Risiko von Schlaganfällen herabgesetzt, die auf eine Minderdurchblutung des Gehirns zurückgehen; zugleich sei aber die Wahrscheinlichkeit von blutungsbedingten Hirnattacken angestiegen.

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Akkumulierte Minischlaganfälle

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt nun auch eine aktuelle Studie, deren Ergebnisse im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 355, S. 549) veröffentlicht worden sind. Nach Ansicht von Amarenco steht die größere Zahl an Hirnblutungen in der neuen Untersuchung jedoch wahrscheinlich nicht mit der Einnahme des Cholesterinsenkers - es handelte sich um das Statin Atorvastatin - in Zusammenhang. Denn das Risiko solcher Komplikationen sei nur bei jenen Kranken erhöht gewesen, die ihre Medikamente nicht regelmäßig eingenommen hätten.

Aufgrund der verwirrenden Ergebnisse, was den Einfluß vorbeugender Maßnahmen auf die Entwicklung von Hirnattacken anbelangt, empfahl Kuhlenbäumer, in künftigen Studien nur noch Patienten mit jeweils derselben Schlaganfallursache zu berücksichtigen. Bei diesem Vorhaben dürften freilich - nicht zuletzt aufgrund der Schwierigkeiten bei der Diagnose - etliche Hürden zu überwinden sein.

Den Arterien des Herzens setzt die Arteriosklerose in der Regel viel stärker zu als jenen des Gehirns. Das Gehirn ist von diesem Altersleiden meist nur indirekt betroffen. Wie Gerd Assmann vom Leibniz-Institut für Arterioskleroseforschung der Universität Münster hervorhob, handelt es sich bei der im Volksmund gemeinhin als „Arterienverkalkung des Gehirns“ bezeichneten Altersdemenz vermutlich nicht um einen lokalen arteriosklerotischen Prozeß. Viele Beobachtungen sprechen dafür, daß der Verlust der kognitiven Fähigkeiten im Alter die Folge von vielen, über die Jahre akkumulierenden „Minischlaganfällen“ ist.

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Erhebliche Unterschiede

Warum die Hirnarterien seltener von Arteriosklerose betroffen sind als die Herzkranzarterien, ist abschließend noch nicht geklärt. Eine mögliche Ursache sieht Josef Krieglstein vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Marburg darin, daß der Herzmuskel seine Energie größtenteils aus freien Fettsäuren gewinnt und daher den arteriosklerotischen Einflüssen dieser Stoffe stärker ausgesetzt ist. Demgegenüber deckt das Gehirn seinen Energiebedarf mit dem - offenbar harmloseren - Zuckerbaustein Glukose.

Auch die Arterien anderer Körperregionen unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander, was die Anfälligkeit für arteriosklerotische Veränderungen angeht. Ausgesprochen unempfindlich auf solche altersbedingten Schädigungen reagiert etwa die Brustarterie, wie Assmann erläuterte. Aus diesem Grund greifen Herzchirurgen besonders gern auf diese Schlagader zurück, wenn es darum geht, verstopfte Kranzarterien mit einem intakten Gefäß zu überbrücken.

Aus welchem Grund manche Adern widerstandsfähiger gegenüber arteriosklerotischen Einflüssen sind als andere, wissen die Forscher nicht. Eine Antwort auf diese Frage könnte maßgeblich dazu beitragen, wirkungsvollere Therapien gegen die Arteriosklerose und ihre Folgen - die weltweit häufigsten Ursachen für Tod und Behinderung - zu entwickeln.

Quelle: F.A.Z., 06.10.2006, Nr. 232 / Seite 34
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