Corona-Impfstoff von BioNTech

Herzschmerz

Von Johanna Kuroczik
14.06.2021
, 10:12
Nachdem sie die Impfung von Biontech erhalten hatten, litten einige junge Männer in Israel an Herzmuskelentzündungen. Das muss nicht dem Vakzin geschuldet sein. Viele Mediziner sind dennoch dagegen, Kinder zu impfen.

Wer die Zukunft vorhersagen möchte, blickt dieser Tage meist nach Israel. Was die Impfungen gegen Covid-19 betrifft, ist das kleine Land am Mittelmeer mit knapp neun Millionen Einwohnern Vorreiter und Versuchslabor, zumindest für das mRNA-Vakzin „Comirnaty“ aus dem Hause BioNTech, mit dem hier schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung geimpft wurden. Seit Januar bekommen auch Teenager über 16 Jahre und seit Neuestem auch Kinder zwischen 12 und 15 die Impfspritze. Dabei wird gerade ein Zusammenhang zwischen der mRNA-Impfung und Herzmuskelentzündungen augenscheinlich – besonders bei Jungs. Zufall oder eine Nebenwirkung des Vakzins? Auch in Deutschland gibt es Verdachtsfälle. Wie gefährlich sind diese Herzleiden? Und was heißt das für Kinder hierzulande, die sich seit dieser Woche um Impftermine bemühen dürfen?

In Israel haben drei Expertenteams im Auftrag des dortigen Gesundheitsministeriums die Verdachtsfälle analysiert, die seit vergangenem Dezember gemeldet wurden. Anfang Juni gaben sie bekannt, dass bislang bei 148 Menschen Herzmuskelentzündungen in zeitlicher Nähe zur Impfung gemeldet wurden, davon traten mehr als 80 Prozent nach der zweiten Spritze auf. Betroffen waren auffällig viele junge Männer zwischen 16 und 19 Jahren, viele mussten bis zu vier Tage im Krankenhaus behandelt werden. Bei fast allen verlief die Entzündung mild und war nur vorübergehender Natur. Statistisch wären so einer von 3000 bis 6000 jungen Männern bis 24 Jahre betroffen – und damit mehr, als in der Gesamtbevölkerung zu erwarten wäre. Die Daten weisen darauf hin, dass ein ursächlicher Zusammenhang besteht zwischen Impfung und Myokarditis, erklärte der israelische Untersuchungsleiter Dror Mevorach im Fachjournal „Science“. Er ist überzeugt, dass eine Verbindung besteht.

In Europa werden Verdachtsfälle untersucht

In Europa ist man zurückhaltender – allerdings wurden hier verhältnismäßig wenig junge Männer geimpft und noch weniger Teenager. Das Sicherheitskomitee der Europäischen Arzneimittel-Agentur analysiere gerade die gemeldeten Fälle. Die Daten seien bislang unzureichend, sodass sich nicht der Schluss ziehen ließe, die Impfung sei für die Herzmuskelentzündungen verantwortlich, sagt eine Sprecherin auf Anfrage der „F.A.S.“. Vermutete Nebenwirkungen von Impfungen werden in Deutschland dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet. Im jüngsten Sicherheitsbericht werden 49 Patienten aufgeführt, bei denen bis zum 31. Mai im zeitlichen Zusammenhang mit der BioNTech-Impfung Herzmuskelentzündungen gemeldet wurden.

Das Herz ist ein Muskel, der aus den Herzmuskelzellen besteht. Es hat zwei Aufgaben, nämlich das Blut in den Kreislauf zu pumpen, sodass die Gefäße den Sauerstoff noch bis in die Zehen oder zum Großhirn leiten können. Und es erzeugt elektrische Signale, die diesen Pump-Motor am Laufen halten. Ist der Herzmuskel entzündet, kann die Versorgung mit Sauerstoff leiden, besonders bei anstrengenden Tätigkeiten, und es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen. Sie treten häufig nach viralen Infekten auf, besonders bei der Influenza-Grippe oder einer Infektion mit Coxsackie-Viren. Bei Sars-CoV-2 ist dies bislang eher nicht aufgefallen. „Alles, was wir derzeit wissen, spricht nicht für eine direkte schwere Herzbeteiligung bei Covid-19“, sagt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Michael Böhm, er leitet die Abteilung für Kardiologie und internistische Intensivmedizin am Uniklinikum in Homburg.

Wie häufig die Myokarditis generell auftritt, ist allerdings schwer zu sagen. „Herzmuskelentzündungen betreffen vor allem Patienten, die nicht zum Arzt gehen, sodass sie häufig unentdeckt bleiben“, sagt Böhm. Die meisten Erkrankungen bei jungen Menschen verlaufen wohl mild. In der Klinik würden nur die Patienten auftauchen, denen es wirklich schlecht ginge, erklärt Böhm. Die Patienten spüren meist Schmerzen hinter dem Brustbein, fühlen sich krank und abgeschlagen oder leiden unter Atemnot. Was genau zur Herzmuskelentzündung führt, ist nicht gesichert, doch in vielen Fällen wurde eine Erkältung gewissermaßen verschleppt: Menschen belasten sich, trotz Fieber und Gliederschmerzen, etwa durch Sport oder Alkoholkonsum. Eine leichte Herzmuskelentzündung fällt dann oft nicht auf und wird daheim auskuriert. Bei schweren Verläufen werden Medikamente gegeben, die das Herz schonen sollen. Und dann ist da die Frage, wann eine Myokarditis vorliegt. Als gesichert gilt sie theoretisch erst nach einer Biopsie. Im klinischen Alltag wird die Diagnose aber abhängig von dem Befinden des Patienten gestellt, wenn das EKG Auffälligkeiten zeigt, Enzyme im Blut oder das MRT-Bild auf Schäden der Herzmuskelzellen hinweisen. Bei den Betroffenen in Israel ist dem Bericht des Gesundheitsministeriums nicht zu entnehmen, ob eine Probeentnahme erfolgt ist.

Böhm hält es aber für möglich, dass eine leichte Myokarditis als Folge der Impfung auftreten kann – wegen der Immunreaktion. Zwar gibt es Viren, welche die Herzmuskelzellen direkt angreifen, sich also darin vermehren und sie damit am Ende zum Absterben bringen. Häufig jedoch feuert bei einer Viruserkrankung eine heftige Immunreaktion im Körper. In diesem Sturm aus Immunzellen kann, sozusagen als Nebeneffekt, das Herz mitentzündet sein. Ebenso könnte es nach einer Impfung ablaufen, das würde erklären, warum primär junge Menschen betroffen sind. Ihr Immunsystem wird durch das Vakzin stärker angeregt als bei Älteren.

Stiko: Keine Impfempfehlung für Kinder

Die Ständige Impfkommission empfiehlt in Deutschland, wer welche Impfung bekommen sollte. Nach Analyse aller verfügbaren Daten lautete das Urteil diese Woche: Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren sollen nicht generell geimpft werden. Ihr persönlicher Nutzen überwiegt nicht die Risiken. Die Herzmuskelentzündungen wurden von STIKO-Chef Thomas Mertens im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ als „hart an der Grenze von einem Signal“ eingestuft. Doch Comirnaty ist in Europa ab 12 Jahren zugelassen, was viele Eltern und Teenager derzeit verunsichert.

Kinderarzt Nikolaus Haas hält die Impfungen von Kindern gegen Covid-19 derzeit schlicht für medizinischen Unsinn – unabhängig von vermeintlichen Herzmuskelentzündungen, die danach auftreten könnten. Er leitet die Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Klinikum Großhadern in München und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie. Von den mehr als 265.000 Kindern, die bis Mitte Februar in Deutschland positiv auf Corona getestet wurden, sind sechs verstorben. Alle waren vorerkankt. „Jedes Schicksal ist bedauernswert“, sagt Haas. Trotzdem: „Covid-19 ist kein Problem von Kindern.“ Dass die Impfung von BioNTech bei Kindern wirkt, zeigt eine Studie mit etwa 1100 geimpften Kindern, doch zu seltenen Nebenwirkungen lasse sich derzeit nichts sagen. Da Vakzin knapp ist, sollte man sich auf Risikopatienten und Erwachsene konzentrieren.

Experten wie Böhm und Haas beunruhigen die Verdachtsfälle bislang also nicht, auch weil es sich vermutlich um leichte Erkrankungen handelte, die folgenlos ausheilten. „Bei dieser Impfung schauen alle ganz genau hin“, meint Böhm. Da fielen dann auch sehr seltene Details auf, die bei anderen Impfstoffen womöglich unentdeckt bleiben würden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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