Cholesterinsenker

Bittere Note für zuckersüße Pillen

Von Joachim Müller-Jung
21.06.2004
, 11:58
Brachte Cholesterinsenker zeitweise in Verruf: Bayer-Medikament „Lipobay”
Cholesterinsenker gelten gemeinhin geradezu als „Wundermittel“. Im Gentest zeigt sich jedoch, warum die Statine zuweilen dennoch schwächeln.
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Wann ist ein erfolgreiches Medikament ein "Wundermittel"? Muß es wahrhaftig Wunder vollbringen - das Unmögliche möglich und die Unheilbaren heilbar machen? Oder genügt es, wenn die vermeintliche Wunderpille wie das berühmte Schmerzmittel Aspirin viele Generationen lang seinen Nutzen beweist und immer neue Glückseligkeit verspricht, indem es außer der Schmerzbekämpfung plötzlich ganz neue Sonnenseiten etwa bei der Prävention von Herzinfarkt oder als Krebsmedikament erkennen läßt? Oder zählen auch ökonomische Wunderbringer, wenn sie wie ebenjenes Massenprodukt aus Leverkusen Milliardengewinne ermöglichen und existentielle Hilfe auf ganz profane Weise leisten?

Wenn es um die Statine geht, jene nun tatsächlich mitunter als "Wundermittel" apostrophierten Cholesterinsenker, die zur Vorbeugung von Herzinfarkt verwendet werden, treffen zumindest die beiden rationalen Kriterien zu: Sie sind echte Umsatzriesen - mit schätzungsweise zwanzig Milliarden Dollar Weltmarktvolumen im Jahr. Und sie offenbaren ähnlich wie Aspirin nach und nach einen therapeutischen Mehrwert, der zuletzt auch die größten Skeptiker zum Verstummen zu bringen schien.

„Lipobay“-Skandal vergessen

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Ein drittes kleines Wunder um die Statine kommt hinzu: Lebhaft nämlich - weil im Grunde auch noch immer nicht abgeschlossen - erinnert man sich an den sogenannten "Lipobay"-Skandal vor ein paar Jahren, als mit dem Bayer-Produkt die ganze Substanzgruppe der Statine ins Zwielicht geraten war. Nichts davon ist heute mehr zu spüren. Im Gegenteil: In den pharmakologischen und medizinischen Kreisen genießen die Statine ein fast beispielloses Ansehen, wie eine ganze Reihe von Veröffentlichungen der jüngsten Zeit verdeutlicht. Und mit Hilfe der Ärzteschaft scheint auch der endgültigen Rehabilitation bei den potentiellen Nutzern nichts mehr im Wege zu stehen. Der Markt jedenfalls ist umworbener denn je. Ein erbitterter Preiskampf tobt, und mit den sinkenden Preisen nimmt die Attraktivität der Arzneien bei allen Beteiligten ebenso zu wie mit jeder neuen Nachricht über unerwartete, segensreiche Wirkungen. Davon gibt es mittlerweile eine ganze Reihe - fast nur noch, könnte man sagen, wenn nicht in der vorigen Woche wie zum Trotz eine renommierte amerikanische Forschergruppe plötzlich Wasser in das gut gefüllte Weinglas gegossen hätte. Doch dazu später.

Die erste Welle der Publikationen hatte Anfang dieses Jahres eine durchschlagende Wirkung. Nach mehreren Studien war man darauf gekommen, daß die Senkung des "bösen" LDL-Cholesterins auf den in den neunziger Jahren etablierten und international anerkannten Richtwert von 100 Milligramm pro Deziliter Blut die präventive Wirkung der Statine offenbar sogar noch verstärkt - Motto: Nicht kleckern, sondern klotzen (siehe F.A.Z. vom 17. März 2004). Der Nutzen der intensiven Statin-Therapie hat sich dann bei einer kuriosen Vergleichsstudie -, "Prove-it" - bestätigt. Bristol-Myers Squibb, der Hersteller des Wirkstoffs Pravastatin, wollte nachweisen, daß sein Produkt nicht schlechter abschneidet in der Vorbeugung von Herzinfarkten als das auf dem Markt erfolgreichste Mittel Atorvastatin des Konkurrenten Pfizer. Die von damit betrauten Harvard-Forschern vorgenommene Studie an knapp 4200 Infarktpatienten brachte jedoch nicht nur die Überlegenheit des Atorvastatin zutage, sie zeigte auch klare Hinweise, daß die Senkung des LDL-Cholesterins auf unter 70 Milligramm das Wiedererkrankungsrisiko von akuten Infarktpatienten weiter senkt ("New England Journal of Medicine", Bd. 350, S. 1495). Damit freilich war ein weiterer, ein neuer Kundenkreis für die Statine angesprochen: die akuten Herzinfarktpatienten. In den großen Statin-Studien der neunziger Jahre war lediglich der Nutzen der Dauertherapie, angefangen oft erst viele Monate nach einem Herzinfarkt, bewiesen worden. Im Deutschen Ärzteblatt (Bd. 101, S. 1740) nun forderten nach der Auswertung einiger Beobachtungsstudien Thomas Nordt vom Katharinenhospital in Stuttgart und der Düsseldorfer Pharmakologe Ulrich Borchard die Gabe der Statine schon in den ersten Tagen nach einem akuten Herzinfarkt. Zwar fehlen dazu, abgesehen von kleineren Studien wie "Prove-it", bisher wirklich aussagekräftige, randomisierte Untersuchungen. Die allerdings sind schon im Gange.

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Genetische Konstitution entscheidet

Es folgten diverse Forschungsberichte über einen möglichen Nutzen der Statine bei multipler Sklerose, bei der Vorbeugung des altersbedingten Glaukoms, des "grünen Stars" ("Archives of Ophthalmology", Bd. 122, S. 822), und bei der Infarkt- und Schlaganfallprävention von Zuckerkranken. Letztere Studie ("Cards") an etwa 2800 Diabetikern sorgte auf der Jahrestagung der amerikanischen Diabetes-Gesellschaft für Furore, weil sie wegen des offensichtlichen Nutzens - gegenüber Placebogruppen senkte das Atorvastatin das Schlaganfallrisiko um fast die Hälfte - zwei Jahre vor dem geplanten Termin abgebrochen wurde.

Die erhitzten Gemüter zumindest etwas beruhigen dürfte freilich jene pharmakogenetische Studie, die jetzt in der Zeitschrift "Jama" (Bd. 291, S. 2821) veröffentlicht wurde. Daniel Chasman und seine Kollegen von der Harvard Medical School haben sich die Wirkung der Statine bei verschiedenen Patienten genauer angesehen. Die individuelle Wirkung der Statine hängt nämlich nicht nur von der Dosierung, sondern auch von der genetischen Konstitution der Patienten ab. Insbesondere den Varianten der sogenannten HMG-Coenzyms-A-Reduktase galt das Augenmerk der Forscher. Dieses Enzym ist der eigentliche Angriffsort für die Statine. Die Medikamente hemmen dessen Wirkung. Insgesamt 148 Varianten ("Snips") in den Sequenzen von zehn Genen wurden analysiert und mit der Wirkung der verabreichten Statine verglichen. Fündig wurden die Mediziner dann wie vermutet bei dem besagten Enzym, dem Angriffsort der Statine. Hier sind es offenbar zwei bei schätzungsweise in sieben Prozent der Bevölkerung verbreiteten Genvarianten, die die Effektivität der Statine um bis zu zwanzig Prozent senken. Mit anderen Worten: Bei diesen Menschen wirkt die Arznei merklich schlechter. Der Cholesterinwert in dieser Gruppe wurde im Verlauf des vierundzwanzigwöchigen Experiments um durchschnittlich neun Milligramm pro Deziliter weniger gesenkt als bei den "Normalpatienten". Ein Effekt, der nach Ansicht der Forscher genügt, "um die Gesundheit dieser Menschen mit der klassischen Behandlung zu beeinträchtigen". Nun soll geprüft werden, ob es möglicherweise genügt, den Risikopatienten mit der nachteiligen Genkonstitution einfach eine entsprechend höhere Statin-Dosis zu verabreichen. Die Zeiten, in denen mit Statinen gekleckert wurde, sind ohnehin vorbei.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2004, Nr. 141 / Seite 32
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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