Corona-Apps

Gescheiterte Technologie?

EIN KOMMENTAR Von Sibylle Anderl
29.06.2022
, 10:44
Viele Apps, viel Wirkung? Die Erfolgsbilanz der technologischen Werkzeuge im Kampf gegen Corona ist oft uneindeutig.
Die Hoffnungen auf eine Eindämmung der Pandemie mit technologischen Mitteln waren anfänglich groß. Die Frage, was Corona-Apps wirklich gebracht haben, ist aber schwer zu beantworten.
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Im Mai 2020, als die Pandemie noch frisch war und man modellbasiert versuchte, das Kommende besser zu verstehen, konnte man noch träumen. „Die Nutzung einer Kontaktverfolgungs-App wäre ausreichend, um die Epidemie zu stoppen, wenn sie von genügend Menschen genutzt wird“, schrieben damals Wissenschaftler der Universität Oxford in „Science“, und für kurze Zeit dachte man, dass das sicher stimmen würde. Es klang ja auch so logisch: Natürlich würde eine Pandemie im 21. Jahrhundert ganz anders ablaufen müssen als die Spanische Grippe. In Echtzeit würde jeder über Risiken informiert werden und sich darauf verlassen können, dass alle relevanten epidemiologischen Informationen bundesweit schnell und transparent gesammelt und nutzbar werden.

Heute sind wir schlauer, wissen um die deutschen Realitäten von Faxgeräten und chronischem Personalmangel im Gesundheitssystem und wurden gleichzeitig daran erinnert, dass mit der digitalen Übergabe persönlicher Daten an vermeintlich wohlgesinnte Unternehmen auch viel Unfug getrieben werden kann.

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Aber ist es technologisch fortschrittlicheren Ländern wirklich besser ergangen? So ganz klar ist das alles nicht. Das sagen Wissenschaftler um Eric Topol und Jay Pandit vom amerikanischen Scripps Research in einem Überblicksartikel in „Nature Biotechnology“. Darin verfolgen sie die Frage, was man aus mehr als zwei Jahren Pandemie lernen konnte über die digitalen Versuche des epidemiologischen Datensammelns, des Screenings und der Kontaktverfolgung. Die Antwort: nicht viel. Es gebe kaum systematische Auswertungen.

Eine seltene Ausnahme findet sich im Vereinigten Königreich. Dort war für Ende 2020 ermittelt worden, dass innerhalb von 13 Wochen bis zu knapp eine Million Infektionen durch Nutzung der App verhindert wurden. Ob Ähnliches für die Corona-Warn-App des RKI gilt, wissen wir nicht. Immerhin 45 Millionen Mal wurde sie heruntergeladen. Nach wie vor verschickt sie unermüdlich ihre Warnungen. Die App in ihren Funktionsweisen wirklich zu verstehen, hat allerdings manch einer nach mehrfachen Modifikationen des Warnalgorithmus aufgegeben. So wie die Beantwortung der Frage, was man denn nun mit einer roten Warnung konkret anfangen soll — außer sich ganz allgemein zu freuen, dass man offenbar doch nicht der Einzige ist, der die App nach wie vor nutzt und von ihrem Nutzen träumt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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